56. Jahrgang Nr. 3 / Mai 2026
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1. Brief an besorgte Christen
2. Den Westen zu Tode gebären
3. Warum die Einsicht Ecône unterstützt
4. Das Jahrhundert des Aases
5. Die Berufung des Matthäus, des Petrus, Jakobus, Andreas und des Johannes
6. Der letzte Tag
7. Aus den geistlichen Ansprachen
8. Der hl. Joseph von Calasanza
9. Die Kruzifixe
10. Vom hl. Papst Pius X.
11. NACHRICHTEN, NACHRICHTEN, NACHRICHTEN
12. MITTEILUNGEN DER REDAKTION
Der hl. Joseph von Calasanza
 
Der hl. Joseph von Calasanza

von
Eugen Golla

Joseph von Calasanza gehört neben Philipp Neri, Johannes Bap. de la Salle und Don Bosco zu den großen Erziehern, die die Kirche heiliggesprochen hat.

Geboren wurde er 1556 in dem im nördlichen Arragonien gelegenen Bergschloß Peralta de la Sal als Sohn einer hochadeligen Familie. Schon in früher Kindheit zeigte sich bei ihm eine außergewöhnliche Neigung zur Frömmigkeit, die von seinen Eltern gefördert wurde. Nach dem Studium der Rechtswissenschaft, das er im Alter von zwanzig Jahren mit der Promotion abschloß, verstärkte sich sein Verlangen, Priester zu werden. Er legte das Gelübde der Keuschheit ab und begann, in Valencia Theologie zu studieren. Die Neigungen einer jungen Dame, die ihn heiraten wollte, erwiderte er nicht. Dennoch schien es bald, daß sich sein Wunsch, Gott am Altare dienen zu dürfen, nicht  erfüllen sollte, da sein einziger Bruder ohne Nachkommen starb und sein Vater ihn dringend ersuchte heimzukehren, um durch eine Heirat die Familie vor dem Aussterben zu bewahren. 1582 befiel ihn aber eine lebensbedrohende Krankheit, während welcher es ihm gelang, seinen Vater umzustimmen, als sich nämlich sein Zustand auf wunderbare Weise besserte. So empfing er, der bereits zuvor den Doktorgrad in Theologie erlangt hatte, Ende 1583 die Priesterweihe.

Als gelehrter Theologe war er zunächst in seinem Heimatland Peritus des Bischofs, dann Visitator und schließlich mit 34 Jahren Generalvikar. Sein Wirken war so erfolgreich, daß ihm eine glänzende Karriere bevorzustehen schien. Aber Gott hatte mit ihm andere Pläne: seine heimliche Sehnsucht, Rom zu besuchen, wurde zu einem festen Entschluß, als er eine innere Stimme vernahm, die ihn immer wieder aufforderte, dorthin zu gehen. Bei diesen Eingebungen schien es ihm, als ob er von einer Schar Kinder umringt würde, denen er Unterricht erteilte.

So landete er im Jahres 1592 in Civitavecchia, wohin er mit einem Schiff gesegelt war. Von dort ging er als Pilger zu Fuß in die Ewige Stadt, die ihm nun zur zweiten Heimat werden sollte. Fast sein gesamtes ererbtes Vermögen hatte er bereits verteilt. Jetzt wollte er in Rom so lange im Verborgenen leben, bis im klar geworden war, wozu er von Gott in die Fremde berufen worden sei. Von Anfang an stand es aber für ihn fest, ein streng asketisches Leben zu führen: schon mitten in der Nacht erhob er sich zum Gebet und im Morgengrauen besuchte er die sieben Hauptkirchen.

Aber es dauerte nicht lange, da erhielt er bei einem der angesehensten Kirchenfürsten, dem Kardinal  Marcantonio Colonna, die Stelle eines theologischen Beraters für die Kongregationen, deren Mitglied er war. Gleichzeitig übertrug er ihm auch die religiöse Erziehung seines Großneffen, des jungen Fürsten Don Philippo Colonna. Doch dabei blieb es nicht, denn bald mußte er auch die Bediensteten des Hauses religiös unterweisen. Als 1595 in Rom die Pest ausbrach, war Calasanza, der bereits vorher aufopferungsvoll sich in den Spitälern als Krankenwärter verdient gemacht hatte, ein eifriger Helfer des Kamillus von Lellis, der später heiliggespochen und zum Patron der Kranken erhoben wurde.

Als Mitglied der "Bruderschaft für den christlichen Unterricht" bekam er reichlich Gelegenheit, die Armut und Unwissenheit der unteren Klassen Roms näher kennenzulernen. Da sein Versuch, die Lehrer zu bewegen, auch unentgeltlich zu unterrichten, fehlschlug, entschloß er sich 1597, selbst mit dem Unterricht in Religion, Lesen, Schreiben, Rechnen, sowie den Anfangsgründen der lateinischen Grammatik zu beginnen. Der Pfarrer Don Antonio Brendano, in dessen Pfarrei die meisten armen Kinder wohnten, hatte ihm zwei Räume als Schulzimmer angeboten. Das Presbyterium der in Trastevere gelegenen Kirche Santa Dorotea wurde nicht nur, wie er es nannte, die erste" fromme Schule", sondern die erste unentgeltliche öffentliche Volksschule Europas überhaupt.

Papst Klemens VIII. nahm sie unter seinen Schutz. Aber auch Kardinäle, u.a. auch der berühmte Kirchenhistoriker Baronius, erwiesen sich als Wohltäter dieser Idee. 1601 mietete Joseph bereits ein großes Haus, und drei Jahre später begann er mit seinen zwölf Genossen ein gemeinsames Leben zu führen. Um die nach wenigen Jahren auf 600 angewachsene Zahl von Schülern unterzubringen, war das Anmieten eines Palastes notwendig. Besonders begünstigt wurde Calasanzas Werk von Papst Paul V., der ihm einen eigenen Kardinal-Protektor gab. 1612 zog die Schule, die nun bereits 1200 Schüler zählte, in ein geräumiges Haus neben der Kirche San Pantaleon, unweit der Piazza Navona.

Ein Blick in die Schulordnung! Eröffnet wurde der Unterricht mit einem Gebet. Jede halbe Stunde ertönte ein Glockenzeichen, um den Englischen Gruß zu verrichten sowie die Drei göttlichen Tugenden zu erwecken. Nach dem Unterricht betete man die Lauretanische Litanei. Joseph führte auch das ununterbrochene Gebet ein: Aus jeder Klasse verrichteten es immer einige Schüler für die Wohlfahrt der Kirche, des Staates und für die Bekehrung der Ungläubigen und Sünder. (Im Laufe der Jahre wurden auch die alten Sprachen und Rhetorik als Unterrichtsfächer aufgenommen.)

Doch auch Enttäuschungen und Verfolgungen ließen nicht lange auf sich warten. So verließ ein Teil der von ihm ausgebildeten Lehrer das Institut, um eine eigene Schule zu gründen. Da sich in der Zwischenzeit der gute Ruf der "frommen Schulen" verbreitet hatte, schickten auch immer mehr angesehene und reiche Bürger ihre Kinder auf Calasanzas Schule, was den Neid der Stadtlehrer entfachte. Man schreckte nicht davor zurück, Joseph einen Heuchler und seine Schule eine Stätte des Lasters zu nennen. Man klagte ihn an, daß er - obwohl ein Fremder - nach Belieben Lehrer ohne Prüfung aufnehme und absetze. Auch befürchteten manche aus der Oberschicht, daß die gut ausgebildeten armen Schüler später keine niederen Arbeiten mehr würden verrichten wollen.

Da Joseph es als Willen Gottes ansah, sämtliche Kinder armer Familien unterrichten zu müssen, nahm er auch zwanzig Kinder von Juden auf, die aber bald von ihren Eltern wieder abgeholt wurden, da sie eine Bekehrung zum Christentum befürchteten. Dies hinderte ihn aber nicht daran, im Unterricht vor den Kinder und in öffentlichen Ansprachen die weit verbreitete Meinung zu bekämpfen, Juden dürften auf öffentlichen Straßen verhöhnt werden, als ob sie nicht auch unter das Gebot der Nächstenliebe fielen.

1617 erhob Paul V. die Genossenschaft von Calasanzas lehrenden Priestern zu einer Kongregation, die den Namen "Kongregation der armen Kleriker von der Mutter Gottes von den frommen Schulen" (scholarum piarum) erhielt, wovon sich der Name "Piaristen" herleitet. Ihre Mitglieder mußten außer den drei Ordensgelübden das Gelübde des unentgeltlichen Unterrichts Jugendlicher ablegen. 1622 wurde Calasanza auf neun Jahre zum Ordensgeneral ernannt, was ihn aber nicht davon abhielt, weiter bettelnd durch Rom zu ziehen - mehr zur Unterstützung der Armen als seiner Kongregation.

Mit erstaunlicher Schnelligkeit hatten sich die Piaristen in Italien ausgebreitet, aber auch in Deutschland, besonders in den habsburgischen Ländern Böhmen und Mähren, wo sie nicht nur im Schuldienst, sondern vor allem im Dienste der Bekehrung von Protestanten tätig waren.

Nach Ablauf der neun Jahre seines Generalates sehnte er sich nach Entlastung von dieser Bürde; er beugte sich aber dem Willen des Papstes, der ihn 1632 zum General auf Lebenszeit ernannte.

Bisher schien alles Ungemach, das über Calasanza kam, seinen Ursprung in menschlicher Selbstsucht und im Ehrgeiz zu haben. Aber das bittere Leid, das nun den über Achtzigjährigen überschattete und sein Lebenswerk zu zerstören drohte, entsprang der teuflischen Bosheit zweier für das Ordensleben nicht geschaffenen Confratres: Mario Sozzi und Stefano Cherubini. Deren Ziel war es, Calasanza von der Ordensleitung auszuschließen und die wichtigsten Funktionen selbst zu übernehmen. Sozzi schreckte nicht davor zurück, ihn fälschlich der Beschlagnahme von Dokumenten des hl. Offiziums anzuklagen. An einem heißen Sommertag wurde er wie ein Übeltäter, geleitet von Schutzleuten unter dem Geschrei des Volkes in das Inquisitionsgebäude geführt, wo sich allerdings schnell seine Unschuld herausstellte. Aber auch sämtliche weiteren Demütigungen, so auch seine wegen angeblicher Gedächtnisschwäche erfolgte Absetzung als General, ertrug er gottergeben ohne zu klagen. Vielmehr sah er es als seine Pflicht an, sich gegenüber seinen ihm feindlichen Vorgesetzten ehrfurchtsvoll zu verhalten und sie beim Verlassen des Hauses knieend um den Segen zu bitten.

Sozzi starb bereits 1643, ohne sich mit Calasanza ausgesöhnt zu haben Sein Nachfolger Cherubini mußte wenige Jahre später wegen einer Unterschlagung Rom verlassen, versöhnte sich aber vor seinem bald darauf erfolgten Tod mit seinem früheren Generalobern. Das Regime Sozzi-Cherubini hatte dem Piaristenorden indessen schweren Schaden zugefügt.

Während bisher die Päpste den Orden beschützten und förderten, löste ihn der seit 1644 regierende Innozenz X. auf, indem er ihn in eine Kongregation ohne Gelübde- und Profeßablegung zurückstufte und ihn der Zuständigkeit der jeweiligen Bischöfe unterstellte. Man sagte, die Schwägerin des greisen Papstes, die wegen ihrer Intrigen gefürchtete Olimpia Maidalchini sei daran mitschuldig. Sie soll es den Piaristen, insbesondere Calasanza, nicht verzeihen haben, daß man ihr ihren Beichtvater, einen Piaristen, durch dessen Versetzung entzogen hatte. Es schien nun, daß sein Lebenswerk der Vernichtung preisgegeben worden sei. Aber auch in dieser furchtbaren Zeit lieferte sich der fast Neunzigjährige bedingungslos dem Willen seines göttlichen Herrn aus. Er pflegte zu seinen wenigen, ihm treugebliebenen Söhnen zu sagen: "Kinder, etwas von den Aposteln ist uns zugeteilt geworden, nämlich für den Namen Jesu Schmach zu leiden. Trachten wir auch nach dem andern: die Apostel gingen von dannen mit Freuden."

Joseph von Calasanza starb am 25. August 1648 im Alter von zweiundneunzig Jahren. Seine Söhne segnend waren seine letzten Worte: "Jesus, Jesus, Jesus". Tausende Gläubige drängten sich zum Katafalk, der von Soldaten bewacht werden mußte, denn man riß Stücke aus seinen priesterlichen Gewändern, ja sogar Teile seiner Nägel und seiner Wimpern schnitt man ab. Die sterblichen Überreste wurden in der Kirche S. Pantaleon beigesetzt. Die Seligsprechung erfolgte 1748, Klemens XIII. sprach ihn 1767 heilig. Pius XII. erklärte ihn 1948 zum Patron aller katholischen Volksschulen. Sein Fest feiert die Kirche am 27. August.

Was der Heilige nach dem Zusammenbruch seines Ordens prophezeit hatte, ging in Erfüllung: Alexander VII. ließ 1656 die "frommen Schulen" mit einfachen Gelübden und Noviziat sowie einem General nebst Assistenten als regelrechte Kongregation wieder herstellen. Sein Nachfolger, Klemens IX., erhob sie 1669 wieder zu einem Orden mit feierlichen Gelübden.

Auch im 18. Jahrhundert mußten die Piaristen Anfeindungen über sich ergehen lassen, insbesondere warf man ihnen vor, daß sie gemäß ihren Satzungen nur Volksschulunterricht armen Kindern erteilen dürften. Papst Klemens XII. bestätigte ihnen aber 1731, daß sie Jugendlichen jedes Standes in ihren Kollegien und Seminarien auch höhere Wissenschaften lehren dürften. Als Folge davon traten sie als Erzieher immer mehr in Konkurrenz zu den Jesuiten, wozu beitrug, daß diese nur humanistische Studiengänge anboten, während die Piaristen schon damals auch die noch vernachlässigten naturwissenschaftlichen Fächer lehrten.
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Benützte Literatur:
Huber, W.E.: "Lebensbilder katholischer Erzieher", Band 1, Mainz 1886.
Manns, Peter: "Die Heiligen in ihrer Zeit", 2. Band, Mainz 1966.
Stadler, Joh. Ev.: "Vollständiges Heiligenlexikon in alphabetischer Ordnung", Band 3, Augsburg 1869.
"Vies des Saints", Band 8, Paris 1949.

 
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