56. Jahrgang Nr. 3 / Mai 2026
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1. Brief an besorgte Christen
2. Den Westen zu Tode gebären
3. Warum die Einsicht Ecône unterstützt
4. Das Jahrhundert des Aases
5. Die Berufung des Matthäus, des Petrus, Jakobus, Andreas und des Johannes
6. Der letzte Tag
7. Aus den geistlichen Ansprachen
8. Der hl. Joseph von Calasanza
9. Die Kruzifixe
10. Vom hl. Papst Pius X.
11. NACHRICHTEN, NACHRICHTEN, NACHRICHTEN
12. MITTEILUNGEN DER REDAKTION
Die Kruzifixe
 
Die Kruzifixe

von
Maria Winowska

«Was geht mich das an», erklärte Petronilla sehr beleidigt. «Was mit den Kruzifixen geschieht, ist mir völlig gleichgültig! Gestern waren sie da; heute sind die Mauern leer. Man hat sie also weggenommen. Ich nicht, so viel ich weiß!»
   
Das ganze Personal des Sanatoriums, der Direktor eingeschlossen, bezeugten Petronilla eine mit Angst vermischte Bewunderung. Der Aufstieg der Arbeiterklasse hatte sie mit einer Anmaßung erfüllt, die selbst bei den  'Bonzen' eine leise, wehmütige Erinnerung an die alte Ordnung erweckte, die immerhin die vorlaute, unbezwingbare Geschwätzigkeit der Hausangestellten in Schranken zu halten verstand. Seit der Errichtung der Volksdemokratie in Polen waren alle Dämme geborsten; man konnte nur den Rücken beugen unter der unaufhörlichen Flut. Was Petronilla zu sagen hatte, brachte sie vor bis zur letzten Silbe.  
   
Heute früh hatte der Direktor, Herr Sarnecki, selbst die Schleusen geöffnet, als er sie über die während der Nacht verschwundenen Kruzifixe befragte. Die Fäuste in die Hüften gestemmt, die Haare in Kampfstellung, die Wangen aufglühend, begann sie ihren Redeschwall, bis es Herrn Sarnecki glückte, ein Wort anzubringen.   
   
«Genossin Pchelka, Ihre Rede beeindruckt mich; aber sie löst die Frage nicht, wohin die Kruzifixe gewandert sind.» Petronilla öffnete gerade ihren Mund, als man an die Türe klopfte. Fräulein Olga, die Krankenschwester, stürmte wie ein Wirbelwind herein:
   
«Das ist offene Auflehnung!» rief sie außer Atem; «die Kinder weigern sich, aufzustehen und sich anzukleiden!»   
   
Petronilla triumphierte: «Sehen Sie, Genosse Direktor! Ich wette, daß es ein Streich dieser amerikanischen Imperialisten ist! Ich habe am Rundfunk gehört ...» Beleidigt hob sie die Schultern; Herr Sarnecki hatte mit Fräulein Olga das Zimmer verlassen.   
   
Ein stürmischer Tag kündigte sich an. Man erwartete den Inspektor aus Warschau. Um seinen Besuch besonders zu ehren, hatte man am Vorabend beschlossen, alle Überreste der von den Nonnen, den früheren Eigentümern des Sanatoriums zurückgelassenen Symbole des Aberglaubens ein für alle Mal verschwinden zu lassen. Sämtliche religiösen Bilder waren entfernt worden. Nur noch die Kruzifixe blieben in jedem Saal an ihrem Ehrenplatz. Der Hauswart Zölestin war beauftragt worden, sie auch noch zu beseitigen. Heute morgen hing kein Kreuz mehr an der Wand!   
   
Und jetzt die Auflehnung der Kinder... Der Direktor stürzte in den nächsten Saal. Die acht Bettchen waren alle besetzt. Die Kinder lagen unter der hochgezogenen Decke und rührten sich nicht.   
   
«Was ist denn los hier?» donnerte Herr Sarnecki. Keine Antwort. Acht Augenpaare hefteten sich an ihn wie Pfeile. «Was fällt euch denn ein?» fragte er schon etwas versöhnlicher. «Schauen wir nach! Das Wasser ist warm. Warum wollt ihr euch nicht waschen?»   
   
Die Kinder schienen mit Stummheit geschlagen zu sein. Nicht ein einziges antwortete.   Plötzlich hörte man das Knirschen des Sandes vor der Türe, übertönt von einer dröhnenden Stimme. Petronilla wirbelte herein.
   
«Der Herr Inspektor!»  Das war nun doch zu viel. Man erwartete ihn erst gegen Mittag. Wütend griff Herr Sarnecki nach einem achtjährigen Buben, der schrie und sich wie ein Teufelchen wehrte. Kaum hatte er ihn aus dem Bett gezogen, als er ihn wieder losließ. «O weh!» Das Kind hatte ihn in den Arm gebissen, um sich frei zu machen.   
   
«Was geht denn hier vor?» erkundigte sich eine Stimme hinter seinem Rücken. Der Inspektor war, vom Lärm angezogen, eben eingetreten.   
   
«Es ... Sie wollen ... Die Kinder weigern sich, aufzustehen und auf meine Frage zu antworten. Das ist das Ergebnis einer rückständigen Erziehung! Wenn die Eltern sich ...»  Der Inspektor trat zum Knaben hin, der seine Unabhängigkeit so wild verteidigt hatte und wollte sich auf den Rand des Bettes setzen.   
   
«Berühren Sie mich nicht!» schrie der Knabe und drehte sich um. «Es ist keine Laune, es ist ein Beschluß! Wir alle, Buben und Mädchen, haben uns vorgenommen, im Bett zu bleiben und uns nicht zu bewegen, bis man uns gewährt, was wir verlangen. Wir sind in einem demokratischen Land und bilden die Mehrheit! Also!»   
   
«Was verlangen sie denn?» wandte sich der Inspektor an Herrn Sarnecki. Der Direktor rauchte vor Zorn. Mit einem rauhen Griff packte er den Buben und hob ihn mit den Tüchern und der Decke unter einem Geprassel von wilden Fußtritten aus dem Bett ...   
   
Ein Schreckensschrei entfuhr den sieben Kehlen, gefolgt von einem trockenen Schlag auf dem Fußboden, auf den, allen sichtbar, ein Kruzifx gefallen war. Herr Sarnecki lockerte seine Hand. Der Inspektor blickte ihn fragend an. Schnell wie eine Katze schob der Bub die Matraze zu recht, legte das Kruzifix auf sie und kroch ins Bett, die Tücher nach sich ziehend. Bleich vor Wut donnerte der Direktor:   
   
«Jetzt weiß ich, wo die verschwundenen Kruzifixe sind! Kleine Rotznasen, ihr werdet es mir schwer büßen!» Mit einer Handbewegung gab ihm der Inspektor zu verstehen, daß er schweigen solle und legte die Hand auf den zitternden Bubenkopf.   
   
« Keine Angst, Kleiner! Wie heißt du?»   
   
« Jurek. Ich heiße Jurek!» (Georg)  
   
 «Sage mir, warum hast du diesen Gegenstand unter der Decke versteckt?»   
   
Das Kind senkte den Kopf. Auf der andern Seite des Saales ertönte eine Kinderstimme: «Sag es doch!» Petronilla schlich verstohlen herein, einen Besen in der Hand. Jurek warf ihr einen hilfesuchenden Blick zu und zeigte mit dem Finger auf den Direktor:   
   
«Wir wollen nicht, daß er die Kruzifixe wegnimmt», erklärte er und betonte jedes Wort. Händeklatschen begrüßte die Antwort. Die Kinder gaben, auf den Betten sitzend, ihrer Zustimmung Ausdruck.   
   
Ermutigt fuhr Jurek fort: «Wir sind alle Christenkinder. Wir lernen unsern Katechismus. Wir beten. Wir sind die Mehrheit! Deswegen haben wir beschlossen, daß die Kruzifixe in den Sälen bleiben müssen. Man wollte sie uns heute wegnehmen; darum haben wir sie in unsern Betten versteckt. Wir stehen auf, sobald man uns verspricht, daß die Kruzifixe an ihren Plätzen bleiben. Wenn nicht, gehorchen wir nicht!» Beifall ertönte aus allen Sälen und widerhallte unter dem Gewölbe des Ganges. Das ganze Sanatorium schien einig und im Alarmzustand zu sein!   
   
Der Inspektor drehte an seinem Schnurrbart und war sichtlich verlegen. «Gut, gut, Jurek! Man wird sie euch lassen, die Kruzifixe. Ihr seid noch zu klein, um zu verstehen. Später werdet ihr begreifen.»  
   
«Ja», fiel ihm ein hohes Stimmchen ins Wort. «Das Kreuz ist das Kreuz, morgen wie heute. Was sollen wir da noch verstehen lernen?»   
   
Der Inspektor trat den Rückzug an. «Beruhigt euch, Kinder! Man gibt sie euch ja zurück! Und jetzt, rasch aus den Betten; kleidet euch an! Auf Wiedersehen!»   
   
Petronilla drehte sich tänzelnd hinter dem Rücken der Herren und schloß die Türe leise zu. Sie setzte sich neben Jurek und sagte: «Habe ich euch nicht einen guten Rat gegeben?» Jurek schlang die Arme um ihren Hals. «Petronilla, du bist ein Schatz!»  «Achtung!» erwiderte sie und löste sich von ihm. «Ihr werdet mich noch verraten!»
   
Inzwischen nahm die Aussprache im Zimmer des Direktors dramatische Formen an.  «Sehen Sie nicht, Genosse, daß Sie nur den Aberglauben stärken, wenn Sie ihnen widersprechen? Er verschwindet von selbst, wenn man ihn einfach übersieht. Wir schlagen den falschen Weg ein, wenn wir Märtyrer züchten!»
   
«Aber in diesem Fall», wehrte sich der Direktor, «müßte man ihnen nicht nur die Kruzifixe lassen, sondern den ganzen Kram! Pfarrer, Messe, Beichte, Kommunion und das Übrige, wie es ihnen gerade gefällt. Wohin wird ein solches Verhalten uns führen? Wollen Sie mich etwa auch noch in die Messe abordnen?»
   
«Warum nicht?» erwiderte der Inspektor nachdenklich. «Um sie zu gewinnen, müssen wir sie klug bearbeiten! Brutales Vorgehen bringt nur kurzen Erfolg. Je undurchsichtiger unsere Methoden sind, um so größer ist die Gewähr für die Erreichung des Zieles. Wir arbeiten in diesem Augenblick ein vervollkommnetes Programm aus. Können Sie sich auf ihr Personal verlassen?»
   
«Wie auf mich selbst!» «Gut so. Die Zeit arbeitet für uns ...»  «Sind Sie davon überzeugt?» Der Inspektor lächelte und prägte sich diese Frage ins Gedächtnis. Ein wenig Defaitist, dieser Genosse Sarnecki!
   
(aus: Winowska, Maria: "Die Ikone - Tatsachen aus der Kirche des Schweigens" Freiburg/Schweiz-München 1960, S. 156 ff.)
 
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