56. Jahrgang Nr. 3 / Mai 2026
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1. Brief an besorgte Christen
2. Den Westen zu Tode gebären
3. Warum die Einsicht Ecône unterstützt
4. Das Jahrhundert des Aases
5. Die Berufung des Matthäus, des Petrus, Jakobus, Andreas und des Johannes
6. Der letzte Tag
7. Aus den geistlichen Ansprachen
8. Der hl. Joseph von Calasanza
9. Die Kruzifixe
10. Vom hl. Papst Pius X.
11. NACHRICHTEN, NACHRICHTEN, NACHRICHTEN
12. MITTEILUNGEN DER REDAKTION
Vom hl. Papst Pius X.
 
Vom hl. Papst Pius X.

Privataudienz, die er Theodor Herzl, dem Begründer des Zionismus, im Jahre 1904 gewährte

(Aufzeichnungen aus dem 18. Band von Herzls "Tagebüchern")

26. Januar [1904], Rom.

Gestern war ich beim Papst. [...]
Er empfing mich stehend und reichte mir die Hand, die ich nicht küßte.
[Man] hatte mir gesagt, ich müsse es tun, aber ich tat es nicht.
Ich glaube, dadurch verdarb ich es mir mit ihm, denn jeder, der zu ihm kommt, kniet nieder und küßt ihm mindestens die Hand.
Dieser Handkuß hatte mir viel Sorgen gemacht. Ich war ganz froh, als ich endlich darüber weg war.
Er setzte sich in einen Armstuhl, ein Thron für kleinere Gelegenheiten. Mich lud er ein, dicht neben ihm niederzusetzen, und er lächelte freundlich wartend.
Ich begann:
"Ringrazio Vostra Santità per il favore di m' aver accordato quest' audienza. 1)
"un piacere", sagte er gütig abwehrend. 2)
Ich entschuldigte mein miserables Italienisch, aber er sagte:
"No, parla molto bene, signor Commendatore." 3) [...]
Er ist ein guter grobschlächtiger Landpfarrer, dem das Christentum selbst noch im Vatikan etwas Lebendes geblieben ist.
Ich unterbreitete ihm kurz mein Anliegen. Er aber - vielleicht durch den verweigerten Handkuß gereizt - antwortete streng und bestimmt:
"Noi non possiamo favorire questo movimento. Non potremo impedire gli Ebrei di andare a Gerusalemme ó ma favorire non possiamo mai. La terra di Gerusalemme se non era sempre santa, é santificata per la vita di Jesu Christo (er sagte nicht Gesu, sondern venetianisch Jesu). Io come capo della chiesa non posso dire altra cosa. Gli Ebrei non hanno riconosciuto nostro Signore, perció non possiamo riconoscere il popolo ebreo." 4)
Der Konflikt zwischen Rom, das er, und Jerusalem, das ich vertrat, war somit wieder aufgerollt.
Zunächst versuchte ich es allerdings gütlich. Ich sagte mein Sprüchlein von der Exterritorialisation, res sacrae extra commercium, her. Es machte nicht viel Eindruck. Gerusalemme dürfe nicht in die Hände der Juden kommen.
"Und der jetzige Zustand, Heiliger Vater?"
"Ich weiß, es ist nicht angenehm, daß die Türken unsere heiligen Stätten besitzen. Das müssen wir eben ertragen. Aber die Juden in der Erlangung der heiligen Stätten begünstigen, das können wir nicht."
Ich sagte, wir wären nur von der Judennot ausgegangen und wollten den Religionsfragen ausweichen.
"Ja, aber wir, ich als Haupt der Kirche, können es nicht. Zwei Fälle sind möglich. Entweder die Juden bleiben bei ihrem Glauben und erwarten noch den Messias, der für uns schon gekommen ist. Dann leugnen sie die Gottheit Jesu und wir können ihnen nicht helfen. Oder sie gehen ohne jede Religion hin, dann können wir erst recht nicht für sie sein. Die jüdische Religion war die Basis der unseren; aber sie wurde ersetzt durch die Lehre Christi, und wir können ihr keinen weiteren Bestand zuerkennen. Die Juden, welche die Ersten hätten sein sollen, Jesum Christum zu erkennen, haben ihn noch heute nicht anerkannt."
Es schwebte mir auf der Zunge:
"So geht es in jeder Familie zu. Die Familie glaubt nicht an ihre Angehörigen."
Aber ich sagte statt dessen: "Der Schrecken und die Verfolgungen waren vielleicht nicht die richtigen Mittel, um die Juden zu belehren."
Aber er entgegnete, und diesmal war er großartig in seiner Einfachheit:
"Unser Herr kam ohne Macht. Era povero 5). Er kam in pace 6). Er verfolgte niemand. Man verfolgte ihn. Sogar von den Aposteln wurde er abbandonato 7). Erst nachher wuchs er. Erst nach drei Jahrhunderten war die Kirche entwickelt. Die Juden hatten also Zeit, sich ohne Druck zu seiner Gottheit zu bekennen. Aber sie tun es noch heute nicht."
"Aber, heiliger Vater, es geht den Juden entsetzlich schlecht. Ich weiß nicht, ob Ew. Heiligkeit den ganzen Umfang dieser traurigen Lage kennen. Wir brauchen ein Land für diese Verfolgten."
"Muß es Gerusalemme sein?"
"Wir verlangen nicht Jerusalem, sondern Palästina, nur das profane Land."
"Wir können nicht dafür sein."
"Kennen Sie, Heiliger Vater, die Lage der Juden?"
"Ja, von Mantua her. Dort gibt es Juden. Ich war auch immer in guten Relationen mit Juden. Erst neulich abends waren zwei Juden hier bei mir. Es gibt ja noch andere Beziehungen als die der Religion: die Höflichkeit und die Wohltätigkeit. Die versagen wir den Juden nicht. Wir beten ja auch für sie: daß ihr Sinn erleuchtet werde. Gerade heute begeht die Kirche das Fest eines Ungläubigen, der auf dem Wege nach Damaskus auf wunderbare Weise zum rechten Glauben bekehrt wurde. Und so, wenn Sie nach Palästina kommen und Ihr Volk ansiedeln werden, wollen wir Kirchen und Priester bereit halten, um Sie alle zu taufen." [...]

27. Januar [1904], Rom. [...]
Nachzutragen vom Papst.
Er sprach vom Tempel zu Jerusalem. Der sei zerstört worden, für immer. Solle man den etwa wieder aufbauen und da den Opferdienst in der alten Weise verrichten?

Anmerkungen:
1) "Ich danke Eurer Heiligkeit für die Gunst, mir diese Audienz gewährt zu haben".
2) "Es ist mir ein Vergnügen".
3) "Nein, Sie sprechen sehr gut, Herr Commendatore".
4) "Wir können diese Bewegung [des Zionismus] nicht begünstigen. Wir können nicht verhindern, daß die Juden nach Jerusalem ziehen, aber begünstigen können wir das niemals. Die Erde von Jerusalem, wenn sie auch nicht immer heilig war, ist geheiligt durch das Leben Jesu Christi. Ich als Haupt der Kirche kann nichts anderes sagen. Die Juden haben unseren Herrn nicht anerkannt, folglich können wir das jüdische Volk nicht anerkennen".
5) "Er war arm".
6) "in Frieden".
7) "verlassen".

(aus: Theodor Herzl: "Tagebücher", 18. Buch; in: "Gesammelte zionistische Werke", Bd. IV, Tel Aviv 1934, S. 555 ff.
Übersetzung der italienischen Passagen: CJ)

 
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