Daniels Weissagung über die Verfolgung
durch den Antichrist, über das Gericht Gottes
und die Herrschaft der Heiligen
vom
hl. Augustinus
Daniels Weissagung über das letzte Gericht meldet ebenfalls zuerst die
Ankunft des Antichrists und geht dann über zur Schilderung der ewigen
Herrschaft der Heiligen. Er schaut zunächst in prophetischem Gesichte
die vier Tiere, welche vier Reiche bedeuten, die Überwindung des
vierten Reiches durch einen König, in dem man den Antichrist erkennt,
und hierauf das ewige Reich des Menschensohnes, unter dem man Christus
versteht. Dann fährt er fort (Dan. 7,15-18): "Es erschauderte mein
Geist, ich, Daniel, in meinem Gehaben, und die Bilder in meinem Kopfe
machten mir Grauen. Da trat ich auf einen der Umstehenden zu und fragte
ihn um den Sinn von all dem, und der eröffnete mir den Sinn." Darauf
gibt Daniel kund, was er von dem Angeredeten vernommen hat und sagt
gleichsam mit den Worten des Auslegers: "Diese vier großen Tiere werden
sich erheben als vier Reiche auf Erden; aber sie werden verschwinden,
und dann werden die Heiligen des Allerhöchsten die Herrschaft erlangen
und sie festhalten für und für in alle Ewigkeit."
"Da fragte ich genau", fährt Daniel weiter, "nach dem vierten Tier, das
eigenartiger war als jedes andere, schrecklicher, mit eisernen Zähnen
und ehernen Klauen, alles fressend und zermalmend und den Rest mit den
Füßen zerstampfend; und nach der Bedeutung der zehn Hörner, die es auf
dem Kopfe hatte, und eines zweiten Hornes, das sich emporreckte und
drei von den früheren ausstieß, und dieses Horn hatte Augen und ein
Maul, das große Dinge redete, und es war größer anzusehen als die
anderen. Und während ich hinsah, fing dieses Horn Krieg an mit den
Heiligen und war ihnen über, bis der Alte der Tage erschien und die
Herrschaft den Heiligen des Allerhöchsten gab und die Zeit kam und die
Heiligen die Herrschaft erhielten." Nach all dem also fragte Daniel.
Und er fügt sofort die Antwort bei, die er erhielt. "Da sprach er
(nämlich der Gefragte erwiderte) und sagte: Das vierte Tier wird das
vierte Reich sein auf Erden, das über alle Reiche obsiegen wird; es
wird die gan-ze Erde fressen und sie zerstampfen und zernichten. Und
seine zehn Hörner werden sich erheben als zehn Könige; und nach ihnen
wird sich ein anderer erheben, der im Bösen alle übertrifft, die vor
ihm waren; er wird drei Könige demütigen und Worte wider den
Allerhöchsten reden, die Heiligen des Allerhöchsten zertreten und
meinen, er könne Zeit und Gesetz ändern; und es wird in seine Hand
gegeben werden auf Zeit, auf Zeiten und auf halbe Zeit."
"Da wird das Gericht sich setzen, und man wird die Herrschgewalt
hinwegräumen, um sie auszurotten und vollends zu vernichten; und die
Herrschaft und Gewalt und Größe von allen Königen unter dem Himmel ward
den Heiligen des Allerhöchsten gegeben. Und sein Reich ist ein ewiges
Reich; und alle Herrschgewalten werden ihm dienen und gehorchen. Damit
war die Rede zu Ende", sagt der Prophet. "Und ich, Daniel, welch ein
Grauen machten mir meine Gedanken, und mein Äußeres war verändert an
mir, und ich bewahrte das Wort in meinem Herzen". Die vier Reiche haben
manche ausgedeutet auf die Reiche der Assyrer, Perser, Mazedonier und
Griechen. Wer sich unterrichten will, wie zutreffend diese Erklärung
ist, der lese das mit viel Gelehrsamkeit und Fleiß geschriebene Buch
des Priesters Hieronymus über Daniel.
Jedoch an der gegen die Kirche aufs heftigste wütenden Herrschaft des
Antichrists kann niemand zweifeln, der diese Stelle, und wäre es auch
nur im Einschlafen, liest; man wird indes diese Herrschaft nur auf
kurze Zeit auszuhalten haben, dann werden durch Gottes letztes Gericht
die Heiligen die ewige Herrschaft erhalten. Daniel spricht nämlich in
diesem Zusammenhang von Zeit, Zeiten und halber Zeit; daß darunter ein
Jahr, zwei Jahre und ein halbes, also dreieinhalb Jahre zu verstehen
seien, erhellt aus der nachher (Dan. 12,11) angegebenen Zahl der Tage
und wird mitunter in den Schriften auch durch Angabe der Monatszahl
klargestellt. "Zeiten" klingt freilich unbestimmt, aber es ist hier in
der Zweizahl gebraucht, wofür das Lateinische keinen eigenen Numerus
hat, wohl aber das Griechische und, wie man mir sagt, auch das
Hebräische "Zeiten" hat also hier den Sinn von "zwei Zeiten".
Was übrigens die zehn Könige betrifft, die der Antichrist, wie es
scheint, als zehn wirkliche Menschenkönige antreffen wird, so fürchte
ich beinahe, wir könnten uns bei wörtlicher Auffassung täuschen und der
Antichrist werde unvermutet kommen, da es im römischen Reich so viele
Könige nicht gibt. Es könnte ja auch mit der Zehnzahl die Gesamtheit
der bei der Ankunft des Antichrists vorhandenen Könige bezeichnet sein,
so wie mit tausend, hundert, siebzig und einer Reihe von anderen
Zahlen, die ich hier nicht alle zu nennen brauche, sehr oft eine
Gesamtheit bezeichnet wird. An anderer Stelle sagt Daniel wieder: (ebd.
12,1-8) "Da wird eine Zeit der Trübsal sein, wie sie nie gewesen,
seitdem ein Volk entstand auf Erden bis dahin. Und in dieser Zeit wird
dein ganzes Volk, das man im Buche verzeichnet findet, gerettet werden.
Da werden viele sich erheben, die im Erdhügel schlafen, die einen zum
ewigen Leben, die anderen zu ewiger Schmach und Beschämung, Und die
Einsichtigen werden glänzen wie das Leuchten der Himmelsfeste, und aus
den Gerechten viele wie Sterne auf weltewig und dann noch."
Die Stelle ist sehr ähnlich dem bekannten Ausspruch des Evangeliums
(Joh. 5,28f.) über die Auferstehung lediglich des Fleisches. Die dort
"in den Gräbern" befindlich heißen, werden hier als "schlafend im
Erdhügel" bezeichnet oder, wie andere übersetzen, "im Erdenstaub"; und
wie es dort heißt: "sie werden hervorgehen", so hier: "sie werden sich
erheben", und wie dort: "die Gutes getan haben, zur Auferstehung des
Lebens; die aber Böses getan haben, zur Auferstehung im Gerichte", so
hier: "die einen zum ewigen Leben, die anderen zu ewiger Schmach und
Beschämung". Wenn es dabei im Evangelium heißt: "alle, die in den
Gräbern sind", während der Prophet nicht von allen, sondern von "vielen
Schlafenden im Erdhügel" spricht, so hat man nicht an eine Abweichung
zu denken; die Schrift gebraucht mitunter "viele" im Sinne von "alle".
Wie denn zum Beispiel an Abraham das Wort erging (Gen. 17,5): "Ich habe
dich zum Vater vieler Völker bestellt", während ihm an anderer Stelle
(ebd. 22,18) verheißen ist: "In deinem Samen werden alle Völker
gesegnet werden. Von einer solchen Auferstehung ist auch an den
Propheten Daniel selbst ein Wort gerichtet: "Und du komme", heißt es
etwas weiter unten (Dan. 12,13), "und ruhe; denn es dauert noch Tage
bis zum Eintritt der Vollendung und du wirst ruhen und aufstehen zu
deinem Lose am Ende der Tage."
("Gottesstaat" XX, 23; in "Bibliothek der Kirchenväter" Bd. 28, Kempten und München 1916, S. 326-329.)
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