Er gilt als einer, der die Balance
zwischen Alt und Neu, zwischen Bewahren und Wandeln zu halten imstande
ist, als "evolutionärer Traditionalist". Der Österreicher Gerd-Klaus
Kaltenbrunner gehört zweifellos zu den bedeutendsten und fruchtbarsten
Schriftstellern der Gegenwart. Seit vielen Jahren wohnt er in der Nähe
von Freiburg. Am 23. Februar 1939 in Wien geboren, verschrieb sich der
studierte Rechts- und Staatswissenschaftler sehr früh dem Kampf gegen
die metaphysischen Verkehrtheiten einer Zeit, die Verstand und Seele
enteignet. Leben und Schrifttum dieses hervorragenden Publizisten sind
untrennbar verbunden. Sein immenses Werk kann - ob der weitgefächerten
Variabilität- nur andeutungsweise skizziert werden. Er gehört zu jenen,
die wissen, "dass nur der Einsame fähig ist, mehr als taktische
Wahrheiten zu denken" (Davila).
Seit 1962 arbeitete Kaltenbrunner als Lektor verschiedener
Verlagshäuser, bevor er sich 1974 entschloss, die Existenz eines freien
Schriftstellers zu wagen. Er edierte Franz von Baaders "Sätze aus der
erotischen Philosophie" (1966), August M. Knolls
religions-soziologische Schriften "Zins und Gnade" (1967), Hugo Balls
Werk "Zur Kritik der deutschen Intelligenz" (1970), sowie eine
Anthologie: "Hegel und die Folgen" (1970).
Universal gebildet, profilierte sich der "Homme de lettres" in den
siebziger Jahren zum führenden und geistvollsten Theoretiker des
europäischen Konservatismus. Hiervon zeugen die beiden großen
Sammelwerke "Rekonstruktion des Konservatismus" (1972) und
"Konservatismus international" (1973), sowie sein Buch "Der schwierige
Konservatismus" Definitionen-Theorien-Porträts (1975).
Dem elitären Denker, der die Staatserosion und die geistespolitische
Verwahrlosung klar vorhersah, ging es um lebenswichtige Orientierungen,
um Ortsbestimmungen und Bereitschaft für den Ernstfall. ("Elite,
Erziehung für den Ernstfall", Mut-Verlag 1. Aufl. 1984). Als
realistischer Anthropologe hat Kaltenbrunner eine durchaus
pessimistische Vorstellung vom Menschen. Dies bedeutet für ihn, "daß es
eher darauf ankommt, aktuelle Nöte und Leiden zu lindern, als das
größtmögliche Glück oder ein Optimum an 'Lebensqualität' zu bewirken".
Nur ein starker Staat, der Ordnung garantiert, ist in der Lage, "die
divergierenden gesellschaftlichen Interessen und die immer gefährlicher
werdende Entwicklung, die bis in die genetische Substanz des Menschen
hineinwirkt, zu beherrschen."
Auf dem Höhepunkt der linken Kulturrevolution, gab Gerd-Klaus
Kaltenbrunner von 1974 bis 1988 die publizistische Enzyklopädie
"Initiative" - eines der wichtigsten Sprachrohre neo-konservativen
Denkens - im Herderverlag heraus. "Tendenzwende" hieß das Zauberwort.
Nicht eine Gegen-Ideologie sollte verkauft werden, sondern eine
intelligente Alternative zur Bewahrung der Demokratie. 75 Bände des
Taschenbuchmagazins und drei Sondernummern erschienen. Einige der
zeitkritischen und bewusst provokativ formulierten Titel seien hier
zitiert: "Was ist reaktionär?", "Die Macht der Meinungsmacher", "Unser
Epigonen-Schicksal", "Nestwärme in erkalteter Gesellschaft",
"Illusionen der Brüderlichkeit". Es gelang dem Herausgeber, über
Partei- und Ideologiegrenzen hinweg, namhafte Autoren der
verschiedensten Fachrichtungen, die sich zur europäischen Kontinuität
und Universalität bekannten, für seine Publikationsreihe, die er gern
als "Privatuniversität" bezeichnete, zu gewinnen. Die Fülle
repräsentativer Titel, und die liebenswürdige Integrationsfigur des
editorischen Einzelunternehmers überzeugten.
Unterwegs zu geistigem Neuland, reagierte der unermüdliche Vordenker
auf die zunehmende Bedrohung der Schöpfung mit sieben konservativen
Gedankengängen ("Wege der Weltbewahrung", MutVerlag 1985). Als
"Politische Ökologie" beschreibt er unter dem Aspekt eines Konzeptes
der Ordnung "die Erhaltung der natürlichen, gesellschaftlichen und
kulturellen Bedingungen unseres Überlebens". War die nationale Frage zu
Zeiten der "Tendenzwende" eher rudimentär existent, so rückte sie nun
stärker ins Bewusstsein. Die Unvermeidlichkeit, eine Nation zu sein,
beschwört Kaltenbrunner vor der Wiedervereinigung in seinem Sammelwerk
"Was ist deutsch?" (Mut-Verlag 1988). Siebzehn Wissenschaftler und
Publizisten äußern sich. Er selbst schreibt: "Es mehren sich die
Zeichen, dass nicht nur die Thematik 'Nation' neu entdeckt, sondern
auch um eine neue deutsche Loyalität gerungen wird. Vor allem jüngere
Deutsche, 'linke' wie 'rechte', Konservative wie Sozialisten, brechen
mit dem, was Thomas Schmid, die 'Tradition der Selbstbezichtigung'
genannt hat".
Der anspruchsvolle biografische und monografische Essay, ein Genre,
welches der Polyhistor aus dem Schwarzwald virtuos beherrscht, fand
einen faszinierenden Niederschlag in 3 Bänden: "Europa. Seine geistigen
Quellen in Porträts" (Regio-Verlag Glock&Lutz (1981-1985). Die
gestaltende Kraft des Autors, seine Eloquenz, stilistische Klarheit und
emphatische Begabung, verleihen den Porträts mitreißende Lebendigkeit.
Den Rekonstruktionen und Intuitionen eignet ein
intellektuell-erotischer Reiz. Vertreten durch ihre Gründergestalten
scheint die Geistesgeschichte dreier Jahrtausende facettenreich auf.
Das Leben von Staatsmännem, Dichtern, Heiligen und Narren, entfaltet
magische Anziehungskraft. Weit über 1000 Seiten umfassen die 3 Bände.
Sehr früh wies Kaltenbrunner auf die Entwertung des Christentums hin.
Die Entwicklung der katholischen Kirche nach dem Konzil verfolgte er
mit brennender Sorge und kämpfte in Wort und Schrift um unaufgebbare
Positionen. Von bedrängender Aktualität erschien ihm das Versagen der
gottgestifteten Hierarchie. Klar erkannte er die Entmachtung des
Priestertums, das Schwinden der Sakralität und Pietät.
Das Schaffen des Licht-Mystikers Gerd-Klaus Kaltenbrunner kulminiert
bisher - wie könnte es anders sein - in zwei Bänden geheimnisreicher
Esoterik, welche die Graue Edition der Prof. Alfred Schmidt-Stiftung in
Zug/Schweiz betreut: "Johannes ist sein Name. Priesterkönig.
Gralshüter, Traumgestalt" (1993) und "Dionysius vom Areopag. Das
Unergründliche, die Engel und das Eine" (1996).
Ein Denkmal hat sich der Universalist selbst mit seinem bisher letzten
und tiefsten hymnischen Werk, dem 1385 Seiten umfassenden Opus maximum
Dionysius vom Areopag gesetzt. Die Zentralfigur, das Areopagmitglied
Dionysius, schönheitstrunkener Grieche und Philosoph, steht auf dem
Boden platonischer Philosophie. Der Leser wird zur behutsamen
Nachmeditation und Reflexion der Dionysianischen Lehre vom
übergöttlichen, unergründlichen und überseienden "Einen" geführt. Er
schwingt mit im Reigen der als "Gottesgedanken" aufgefassten
Hierarchien der Engel. Die transzendentale Erhellung des Seins, die
Wiederherstellung einer geistig-geistlichen Tradition unter
mythisch-mystischem Vorzeichen, letztlich der Sinn für das Wandellose,
das Heilige, dies sind Anliegen der dogmenüberschreitenden Philosphie
Kaltenbrunners, die kein rohes Zweiheitsdenken kennt.
Unermüdlich legt er in seinen Werken die "grundsätzliche Asymmetrie
zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen" (Reinhardt) dar. Entgegen
dem Trend der Zeit sind ihm die Sphäre des Numinosen, die Verehrung der
Heiligen und ihrer Reliquien, sowie die würdige und gültige Gestaltung
der Liturgie ein Herzensanliegen.
Das Gedächtnis der Märtyrerin Philomena, der stigmatisierten Nonne
Anna-Katharina Emmerich und des Brückenheiligen Nepomuk, bewahren drei
schmale Bändchen. Den heiligen Johannes von Nepomuk stellt Gerd-Klaus
Kaltenbrunner unter dem Titel "Tacui" vor. Immer bereit gegen die
Denkmoden der Zeit innere Notwendigkeiten zu betonen, verbindet er das
Schicksal des Generalvikars der Erzdiözese Prag mit kritischen
Anmerkungen zur Gegenwart. "Für ein zutiefst anarchisches (und eben
deshalb despotieträchtiges) Zeitalter fortschreitender, ja forcierter
oder geradezu inflationärer Indiskretion, das in dem Wahn lebt, jede
Enthüllung bedeute ohne weiteres ein Mehr an Aufklärung, Einsicht und
Befreiung, könnte Johannes von Nepomuk ein Warnmal und
Erinnerungszeichen sein. Gemeinschaft, Kultur und Religion bedürfen des
fruchtbaren Bodens der Verschwiegenheit. Leben vermag niemals in einem
Klima völliger Transparenz oder wütender Offenlegungsbereitschaft zu
gedeihen."
Heiligmäßigen Männern, Frauen und Kindern, setzt er sprachliche
Denkmäler von tiefer Sachkenntnis und hoher dichterischer Schönheit,
die er den Lesern der SAKA-Informationen (bis zum Tod von Herrn Eisele
1994, der diese Zeitschrift über Jahre als leitender Redakteur
betreute) und später denen der EINSICHT zugänglich machte und dies auch
weiterhin tut. Die kirchlichen Ziele, die in diesen Organen gesteckt
werden, inspiriert er mit seinen Visionen. Sie sind geprägt aus
unmittelbarer er- und gelebter Spiritualität, die er als Vordenker und
Vorbild geistlichen Überlebens zum Nachahmen empfiehlt. Der Eremit aus
dem Schwarzwald lehrt uns die inselhafte Behauptung des Einzelnen. Er
fordert den erbitterten Widerstand gegen Chaos und Dämonie. Das
Janusgesicht einer Epoche erscheint stets, ehe sich positiv Neues
ankündigt. Es gilt eben diese Doppelbödigkeit wie auch die Zerstreuung
(Diaspora) und die Fragwürdigkeit der Gemeinsamkeiten auszuhalten. Es
gilt auf Gott zu vertrauen, der das Ewige im Menschen liebt. Sinn für
die sich durchdringenden Bereiche von Immanenz und Transzendenz und
neue Sensibilität für das Numinose, lehrt uns abschließend eine
autobiografische Notiz des Jubilars:
"Ein Schriftsteller ist eine Art von Engel, der über den Himmel dahinschweift,
die Erde berührt und dann heimwärts entschwindet."
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