LEHRSCHREIBEN ÜBER DIE MENSCHWERDUNG CHRISTI
vom
hl. Leo dem Großen, Papst von 440-461, an seinen
sehr lieben Mitbruder Flavian, Bischof von Konstantinopel
übersetzt von Ludwig A. Winterswyl
I.
Wir haben den - zu Unserer Verwunderung sehr spät abgesandten - Brief
Ew. Liebden gelesen und von dem beigefügten Synodalbericht Kenntnis
genommen und können Uns so endlich ein Bild machen von dem Ärgernis,
das sich bei Euch in Bezug auf die Unversehrtheit des Glaubens erhoben
hat; zu dem, was Uns zuvor undurchsichtig war, haben Wir nun den
Schlüssel bekommen. Demnach hat sich Eutyches, der wegen seines
Priesternamens ehrwürdig erschien, als sehr unklug und unerfahren
erwiesen,- so sehr, daß auch von ihm das Wort des Propheten gilt: "Er
wollte nicht einsichtig sein, um gut zu handeln; auf Böses sann er in
seinem Gemach" (Ps. 35, 4). Denn was ist böser, als auf Unfrommes zu
sinnen und sich den Weiseren und Gelehrteren nicht zu fügen? In solche
Unfrommheit fallen diejenigen, die, wenn irgendein Dunkel sie an der
Erkenntnis der Wahrheit hindert, weder auf die Stimmen der Propheten
zurückgreifen, noch auf die Briefe der Apostel, noch auf die Zeugnisse
der Evangelien, sondern auf sich selbst, und die darum Lehrer des
Irrtums sind, weil sie nicht Jünger der Wahrheit wurden. Welche
Belehrung aber sollte der aus den Seiten des Neuen und Alten
Testamentes schöpfen können, der nicht einmal die Anfangs gründe des
Glaubensbekenntnisses erfaßt hat? Und was über die ganze Welt hin die
Tauf schüler mit ihrem Munde bekennen, das hat das Herz jenes alten
Mannes noch nicht
aufgenommen.
II.
Wenn er also nicht wußte, was er von der Menschwerdung des Wortes
Gottes denken sollte, und wenn er nicht, um sich das Licht der
Erkenntnis zu verdienen, die heiligen Schriften in ihrer ganzen Breite
durcharbeiten wollte, so hätte er wenigstens wachen Ohres jenes all
gemeine und unterschiedslose Bekenntnis auf nehmen sollen, mit dem die
Gesamtheit der Gläubigen bekennt: daß sie glaube an Gott, den
allmächtigen Vater, und an Jesus Christus, seinen einzigen Sohn, unsern
Herrn, der geboren ist aus dem Heiligen Geiste und Maria, der Jungfrau.
Durch diese drei Sätze werden die Umtriebe fast aller Irrlehrer
zunichte gemacht. Wenn nämlich der Glaube an Gott auf den Allmächtigen
und auf den Vater geht, so wird damit der Sohn als ihm eben ewig
erwiesen, als in nichts vom Vater sich unterscheidend, da er als Gott
von Gott, als Allmächtiger vom Allmächtigen, als Ebenewiger vom Ewigen
geboren ist; nicht später der Zeit nach, nicht geringer an Macht, nicht
unähnlich an Glorie, nicht geschieden im Wesen. Dieser selbe ewige
Einziggeborene des ewigen Zeugers ist geboren worden aus dem Heiligen
Geiste und Maria, der Jungfrau. Diese seine zeitliche Geburt hat jener
göttlichen und ewigen Geburt nichts genommen und nichts hinzugefügt,
sondern ist einzig und allein auf die Erlösung des betrogenen Menschen
bezogen, damit er den Tod besiege und den Teufel, des Todes Herrscher,
aus eigener Kraft vernichte. Denn wir könnten den Urheber der Sünde und
des Todes nicht überwinden, wenn nicht der unsere Natur annähme und zur
seinigen machte, den weder die Sünde beflecken noch der Tod festhalten
konnte. Und er ist empfangen worden vom Heiligen Geiste im Schoße der
Jungfrau Mutter, die ihn so unversehrter Jungfrauschaft gebar, wie sie
ihn unversehrter Jungfrauschaft empfing.
Aber wenn Eutyches nicht aus diesem reinsten Bronn christlichen
Glaubens lautere Einsicht schöpfen konnte, weil die eigene Verblendung
den Glanz durchschaubarer Wahrheit verdunkelte, hätte er sich der Lehre
des Evangeliums unterwerfen sollen. Und er würde nach der Aussage des
Matthäus: "Buch der (menschlichen) Abstammung Jesu Christi, des Sohnes
David, des Sohnes Abraham" (Matth. I, I), wohl auch die Unterweisung
der apostolischen Predigt gesucht und im Brief an die Römer gelesen
haben: "Paulus, Knecht Jesu Christi, berufener Apostel, er wählt für
das Evangelium Gottes, welches durch seine Propheten in den heiligen
Schriften vorher verkündet wurde und von seinem Sohne handelt, der dem
Fleische nach aus dem Geschlechte Davids stammt" (Röm. I-3). Und
Eutyches würde seine fromme Sorgfalt den Prophetenschriften haben
zuwenden müssen; und wenn er dabei auf die Verheißung Gottes an Abraham
stieß: "In deinem Samen werden gesegnet werden alle Völker" (Gen. I2,
3; 22, I8), hätte er, um nicht im Zweifel zu bleiben über die
Besonderheit dieses Samens, sich an den Apostel halten müssen, der da
sagt: "Dem Abraham wurden die Verheißungen gegeben und seinem Samen; er
sagt nicht: und den Samen, als handle es sich um viele, sondern nur um
einen: und deinem Samen. Der ist Christus" (Gal. 3, I6). Und auch die
Predigt des Isaias hätte Eutyches mit innerem Ohr aufgenommen, der da
sagt: "Siehe, die Jungfrau wird im Schoße empfangen und einen Sohn
gebären, und man wird seinen Namen Emanuel nennen, das heißt: Gott mit
uns" (Is. 7, I4; Matth. I, 23). Er hätte gläubig des gleichen Propheten
Worte gelesen: "Ein Knabe ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt,
auf dessen Schultern die Herrschaft ruht, und sein Name wird sein: Bote
des großen Ratschlusses, Wunderbarer, Ratgeber, starker Gott, Fürst des
Friedens, Vater der kommenden Weltzeit" (Is. 9, 6).
Und so würde Eutyches nicht mit vergeblichem Reden sagen, das Wort sei
solcherart Fleisch geworden, daß der aus dem Schoße der Jungfrau
hervorgeborene Christus zwar Menschengestalt habe, aber nicht
dieWirklichkeit des mütterlichen Leibes. Oder hat er vielleicht
deswegen geglaubt, unser Herr Jesus Christus sei nicht unsrer Natur,
weil der zur seligen, allezeit jungfräulichen Maria gesandte Engel
sagte: "Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des
Allerhöchsten wird dich überschatten; darum auch wird das Heilige, das
aus dir wird geboren werden, Sohn Gottes heißen"? (Luk. I, 35.) So daß,
weil die Empfängnis der Jungfrau Gottes Werk war, das Fleisch des
Empfangenen nicht von der Natur der Empfangenden gewesen wäre? Doch so
ist jene einzigartig wunderbare und wunderbar einzigartige Geburt nicht
zu verstehen, daß die neue Weise, auf die Gott hier schafft, die
Eigenart des Menschlichen aufhöbe. Denn wohl gab der Heilige Geist der
Jungfrau die Fruchtbarkeit, der wirkliche Leib aber ist vom Leibe (der
Mutter) genommen, und, indem die Weisheit sich ein Haus erbaute (Spr.
9, I), ist "das Wort Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt" (Joh.
I, I4); das heißt: in dem Fleische, welches er vom Menschen annahm und
welches er mit dem Hauch vernunftbegabten Lebens beseelte.
III.
Es blieb also die Eigentümlichkeit beider Naturen ohne Abstrich
bestehen, sie gingen in eine Person zusammen, und so wurde von der
Herrlichkeit die Niedrigkeit, von der Kraft die Schwäche, von der
Ewigkeit die Sterblichkeit aufgenommen. Um die Schuld unseres
Menschenstandes zu lösen, ist die unverletzbare Natur mit der
leidensfähigen vereinigt, damit, wie es unsere Rettung erforderte,
"ein" und derselbe "Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch
Jesus Christus" (I Tim. 2, 5), sowohl einerseits sterben wie anderseits
nicht sterben konnte.
In der unversehrten und vollkommenen Natur eines wahren Menschen ist
also der wahre Gott geboren worden, vollkommen in dem Seinigen und ganz
in dem Unsrigen. Unter dem Unsrigen verstehen Wir hier das, was der
Schöpfer von Anbeginn an in uns begründet hat und was er
wiederherzustellen auf sich genommen; denn von dem, was der Verführer
einbrachte und was der getäuschte Mensch zuließ, ist an dem Heiland
keinerlei Spur. Noch wurde er, weil er in die Gemeinschaft der
menschlichen Schwachheiten eintrat, deshalb auch Teilhaber an unsern
Sünden. Er nahm Knechtsgestalt an ohne den Schmutz der Sünde, erhöhte
das Menschliche, ohne das Göttliche zu mindern. Denn jene Entäußerung,
durch die der Unsichtbare sich als Sichtbarer zeigte und durch die der
Herr und Schöpfer aller Dinge einer der Sterblichen sein wollte, war
ein Sichherabneigen seines Erbarmens, nicht ein Versagen seiner Macht.
Somit also ist derselbe, der, in Gottesgestalt bleibend, den Menschen
erschaffen hat, in Knechtsgestalt Mensch geworden. Beide Naturen
bewahren unversehrt ihre Eigenart, und wie die Gottesgestalt die
Menschengestalt nicht auslöschte, so minderte die Knechtsgestalt nicht
die Gottesgestalt. Denn da der Teufel sich rühmte, daß der durch ihn
betrogene Mensch der göttlichen Gnadengaben entbehre und, der Gabe der
Unsterblichkeit beraubt, dem harten Todesurteil unterliege, ja sogar in
seinem schlimmen Zustand an der Gemeinschaft mit seinem Verführer einen
gewissen Trost habe, und daß Gott, wie es die Gerechtigkeit verlangte,
sein eigenes Urteil über den Menschen, den er in dem Stand so hoher
Ehre geschaffen hatte, geändert habe, - deshalb war es nach dem
Heilsplan geheimen Ratschlusses nötig, daß der unwandelbare Gott,
dessen Wille nicht von seiner Güte getrennt werden kann, den
ursprünglichen Plan seiner Liebe zu uns durch ein noch verborgeneres
Mysterium vollendete und so der durch die listige Bosheit des Teufels
in Schuld gefallene Mensch nicht wider Gottes Ratschluß zu Grunde ging.
IV.
Es tritt also in diese Schwachheit der Welt Gottes Sohn ein; vom
himmlischen Thron steigt er herab und verläßt doch nicht die Glorie des
Vaters. So kommt er in einer neuen Ordnung, in einer neuartigen Geburt
zur Welt. In einer neuen Ordnung, denn der in seiner Natur Un sichtbare
wird sichtbar in der unsrigen; der Unerfaßliche wollte umfaßt werden.
Er blieb der vor aller Zeit Seiende und hat einen Anfang genommen in
der Zeit. Der Herr des Alls hat unter Verhüllung seiner Unermeßlichkeit
Knechts gestalt angenommen; der leidensunfähige Gott hat es nicht
verschmäht, ein leidensfähiger Mensch zu sein, und der Unsterbliche
wollte den Gesetzen des Todes unterworfen sein. In einer neuartigen
Geburt aber kam er zur Welt, weil die unverletzte Jungfrauschaft, die
keine Begierde kannte, des Leibes Stoff ihm dienend bereitete.
Angenommen hat das Wort von der Mutter des Herrn die Natur, nicht die
Schuld, und in unserem Herrn Jesus Christus, dem aus der Jungfrau Schoß
Geborenen, ist die Natur keineswegs deshalb der unsrigen unähnlich,
weil die Geburt wunderbar ist. Denn derselbe, der wahrer Gott ist, ist
zugleich auch wahrer Mensch. In dieser Einheit ist keine Lüge, derm die
Nied rigkeit des Menschen und die Hoheit der Gottheit sind darin in
einem wahren Miteinander. Wie Gott nicht verändert wird durch sein
Erbarmen, so wird auch der Mensch nicht verschlungen durch diese Würde.
Denn es wirkt jede der beiden Naturen in Gemeinschaft mit der andern
das ihr Eigentümliche: das Wort wirkt, was des Wortes ist, das Fleisch
verrichtet, was des Fleisches ist. Das eine von ihnen strahlt herrlich
in Wundern, das andere unterliegt den Schmähungen.
Und wie das Wort von der Gleichheit väterlicher Glorie nicht abläßt, so
gibt das Fleisch die Natur unseres Geschlechtes nicht auf. Denn einer
und derselbe ist, wie immer wieder betont werden muß, wahrhaft
Gottessohn und wahrhaft Menschensohn. Gott darum, weil "im Anfang war
das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort" (Joh. I,
I); Mensch, weil "das Wort ist Fleisch geworden und hat unter
unsgewohnt" (Joh.I,I4). Gott, weil "alles durch das Wort geschaffen ist
und ohne es nichts geschaffen wurde" (Joh. I,3); Mensch, weil "Christus
geworden ist aus dem Weibe und gestellt ward unter das Gesetz" (Gal. 4,
4). Die leibliche Geburt ist Bezeugung der menschlichen Natur; die
Jungfrauengeburt ist Merkmal göttlicher Macht. Die (wahre) Kindheit des
Säuglings wird erwiesen durch die schlichten Windeln, die Erhabenheit
des Allerhöchsten wird bezeugt durch die Stimmen der Engel. Den
Kinderchen der Menschen ist der gleich, den Herodes grausam möchte
töten lassen, aber Herr des Alls ist der, den die Magier in freudiger
Demut anbeten.
Und als er zur Taufe seines Vorläufers Johannes kam, da ertönte, um
nicht im Verborgenen zu lassen die vom Fleische verhüllte Gottheit, des
Vaters Stimme vom Himmel: "Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich
mein Wohlgefallen habe" (Matth. 3, I7). Den als einen Menschen des
Teufels List versucht, dem dienen die Engel mit ihren Diensten. Hungern
und Dürsten, müde werden und schlafen, das ist ganz offensichtlich dem
Menschen eigentümlich; aber mit fünf Broten fünftausend Menschen
sättigen und der Samariterin lebendiges Wasser geben, nach dessen Genuß
kein weiteres Dürsten bleibt; über den Rücken des Meeres schreiten,
ohne daß der Fuß einsinkt, und dem Sturme gebieten, daß die Wogen sich
glätten, das ist ohne Zweifel göttlich. Wie es also, um anderes
unerwähnt zu lassen, nicht der gleichen Natur zukommt, mitleidig den
verstorbenen Freund zu beweinen und denselben dann, nachdem der Stein
vor dem bereits vier Tage lang Begrabenen weggenommen ist, mit
gebietendem Worte wieder zum Leben zu erwecken; oder am Kreuze zu
hängen und zugleich das Licht in Nacht zu wandeln und alle Elemente
erzittern zu machen; oder von Nägeln durchbohrt zu sein und zugleich
dem gläubigen Schächer das Paradies zu erschließen; - so ist es nicht
auf die gleiche Natur bezogen, wenn er sagt: "Ich und der Vater sind
eins" (Joh. I0, 30), und wenn er sagt: "Der Vater ist größer als ich"
(Joh. I4, 28). Denn wiewohl in dem Herrn Jesus Christus Gott und Mensch
eine einzige Person sind, so haben doch die gemeinsame Erniedrigung und
die gemeinsame Herrlichkeit verschiedene Herkunft: von uns hat Christus
die Menschheit, die geringer ist als der Vater, vom Vater hat er die
gleiche Gottheit mit dem Vater.
V.
Wegen dieser Einheit der Person, die als Einheit in zwei Naturen zu
verstehen ist, heißt es sowohl einerseits, daß der Menschensohn vom
Himmel herniederstieg, als der Gottessohn das Fleisch aus der Jungfrau
annahm, von der er geboren ist, wie auch anderseits, daß der Gottessohn
gekreuzigt und begraben wurde, obwohl er dies nicht in seiner Gottheit,
durch die der Einziggeborene gleicher Ewigkeit und gleichen Wesens mit
dem Vater ist, sondern in der Niedrigkeit der Menschennatur erlitten
hat. Daher bekennen wir alle im Glaubensbekenntnis, daß der eingeborene
Sohn Gottes gekreuzigt und begraben wurde, gemäß der Ausdrucksweise des
Apostels: "Wenn sie (die Dämonen) ihn erkannt hätten, würden sie den
Herrn der Majestät nicht gekreuzigt haben" (I Kor. 2, 8). Und als unser
Herr und Heiland selbst durch Fragen seine Jünger im Glauben unterwies,
da sagte er: "Für wen halten die Menschen mich, den Menschensohn?" Und
als diese ihm die verschiedenen Meinungen der andern wiedergegeben
hatten, fragte er sie: "Und ihr, als wen nennt ihr mich?" Mich, der ich
Menschensohn bin und den ihr in Knechtsgestalt und in wirklichem
Fleische vor euch seht, - ja, für wen haltet ihr mich? Da antwortete
der selige Petrus aus göttlicher Eingebung - und sein Bekenntnis sollte
allen Geschlechtern zugute kommen - mit den Worten: "Du bist Christus,
der Sohn des lebendigen Gottes" (Matth. I6, I6). Mit Recht wurde darum
Petrus vom Herrn selig gepriesen und erhielt von dem Grundfelsen
(Christus) die Felsenfeste in Kraft und Namen, er, der ihn vermöge der
Offenbarung des Vaters als Gottessohn und als Christus bekannte; denn
nur das eine oder nur das andere annehmen, nützte nichts zum Heile, und
es war gleich gefährlich, den Herrn Jesus Christus nur als Gott ohne
den Menschen, wie als bloßen Menschen ohne Gott im Glauben anzunehmen.
Und nach der Auferstehung des Herrn - die eine Auferstehung in
wirklichem Leibe war, denn der Auferweckte ist kein anderer als der,
der gekreuzigt und begraben war -, was ist also in jenen vierzig Tagen
anderes geschehen, als daß die Reinheit unseres Glaubens von aller
Verdunkelung gereinigt wurde? Er sprach mit seinen Jüngern, ging und aß
mit ihnen, ließ sich mit sorgfältigem und neugierigem Tasten von denen
berühren, die Zweifel hatten, und trat durch verschlossene Türen zu den
Jüngern ein, gab ihnen durch seinen Anhauch den Heiligen Geist,
schenkte ihnen das Licht der Einsicht und erschloß ihnen die
Geheimnisse der Schrift; und wieder zeigte er ihnen die Seitenwunde und
die Male der Nägel und alle Zeichen seines noch ganz frischen Leidens:
"Seht meine Hände und Füße - ich bin es. Tastet und schauet, denn ein
Gespenst hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr mich haben seht" (Luk. 24,
39); sie sollten erkennen, daß die Eigentümlichkeiten der gött lichen
und der menschlichen Natur in ihm ungeschieden erhalten blieben, und
wir sollten auf diese Weise wissen, daß das Wort und das Fleisch nicht
ein und dasselbe seien, und zu dem Bekenntnis kommen, daß der eine Sohn
Gottes Wort und Fleisch sei. Dieses Glaubensbekenntnis hat jener
Eutyches nicht in sich aufgenommen, der unsere Natur weder in der
Erniedrigung zur Sterblichkeit noch in der Herrlichkeit der
Auferstehung anerkennt.
Und er fürchtet auch nicht das Urteil des seligen Apostels und
Evangelisten Johannes, der da sagt: "Jeder Geist, der bekennt, daß
Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, ist aus Gott; und jeder Geist,
der Jesus auflöst, ist nicht aus Gott, und das ist der Geist des
Antichrists" (I Joh. 4, 2 3). Jesus auflösen - das bedeutet: die
menschliche Natur von ihm trennen und das Geheimnis, durch das allein
wir das Heil haben, mit schamlosen Phantasien entleeren. Wer blind ist
in Bezug auf die Natur des Leibes Christi, muß notwendig auch in Bezug
auf sein Leiden in gleicher Verblendung das Falsche denken. Denn wer
das Kreuz des Herrn nicht für unwirklich hält und nicht daran zweifelt,
daß das um des Heiles der Welt willen ertragene Todesleiden wirklich
war, der soll auch das Fleisch dessen als wirklich anerkennen, an
dessen Tod er glaubt, und er soll es nicht verweigern, den, wie er
glaubt, Leidensfähigen als Menschen mit einem Leibe wie der unsrige zu
bekennen; die Leugnung der Wirklichkeit des Fleisches bei Christus ist
gleichbedeutend mit der Leugnung seines körperlichen Leidens. Wenn
Eutyches also den christlichen Glauben noch hält und sein Ohr nicht von
der Predigt des Evangeliums abgewandt hat, so sehe er zu, welche Natur,
von Nägeln durchbohrt, am Kreuzesholz hing, und er erkenne, von woher,
nach der Öffnung der Seite des Gekreuzigten durch die Lanze des
Soldaten, Blut und Wasser entfloß, damit die Kirche Gottes im Bad (der
Taufe) und aus dem Kelch (der Eucharistie) benetzt würde; und er höre
auch die Predigt des seligen Apostels Petrus, daß die Heiligung des
Geistes durch die Besprengung mit dem Blute Christi geschieht. Und er
lese auch nicht über die Worte desselben Apostels hinweg, welcher sagt:
"Ihr wißt, daß ihr nicht mit vergänglichen Dingen, Silber oder Gold,
aus eurem nichtigen, von den Vätern überkommenen Wandel losgekauft
wurdet, sondern mit dem kostbaren Blute Christi als eines fehler- und
makellosen Lammes" (I Petri I, I8).
Und er widerstehe auch nicht dem Zeugnis des seligen Apostels Johannes,
welcher schreibt: "Und das Blut Jesu, des Sohnes Gottes, reinige uns
von aller Sünde" (I Joh. I, 7). Und wiederum: "Das ist der Sieg, der
die Welt überwindet, unser Glaube", und: "Wer ist es, der die Welt
überwindet, wenn nicht der, der glaubt, daß Jesus der Sohn Gottes ist?
Dieser ist es, der gekommen ist durch Wasser und Blut; nicht allein im
Wasser, sondern im Wasser und im Blut; und der Geist ist es, der
Zeugnis gibt, weil der Geist die Wahrheit ist. Denn drei sind es, die
Zeugnis geben: der Geist und das Wasser und das Blut, und diese drei
sind eins" (I Joh. 5, 4-8), - der Geist der Heiligung und das Blut der
Erlösung und das Wasser der Taufe; welche drei eins sind und
unzertrennlich, und deren keines sich aus seiner Verbindung lostrennen
läßt. Die katholische Kirche aber lebt und wächst in dem Glauben,
demzufolge in Christus Jesus weder die Menschheit ohne wahre Gottheit
noch ohne wahre Menschheit die Gottheit geglaubt wird.
VI.
Bei der von Euch vorgenommenen richterlichen Befragung antwortete
Eutyches: Ich bekenne, daß unser Herr aus zwei Naturen war vor der
Vereinigung (der Naturen); nach der Vereinigung aber bekenne ich nur
noch eine Natur. Ich wundere mich, daß keiner der Richter ein so
ungereimtes und verderbtes Bekenntnis getadelt hat, und daß eine so
unweise und geradezu gotteslästerliche Rede hinging, als ob nichts
Anstößiges für das Ohr darin gewesen wäre, wo es doch ebenso unfromm
ist, zu sagen, vor der Menschwerdung sei der Sohn Gottes zweier Naturen
gewesen, wie es ruchlos ist, zu behaupten, daß, nachdem "das Wort
Fleisch geworden", in ihm nur eine einzige Natur sei. Damit nun
Eutyches nicht wähne, er habe sich deshalb richtig oder erträglich
ausgedrückt, weil er nicht durch ein Urteil Eurerseits zurückgewiesen
ward, er mahnen Wir Dich, teurer Mitbruder, zu größter Sorgfalt; wenn
durch Gottes Erbarmung die Angelegenheit zu einem befriedigenden
Ausgang kommt, dann muß auch die Unvernunft dieses unweisen Mannes von
seiner geistigen Pest geheilt werden. Wie aus dem Synodalbericht
hervorgeht, hatte er ja auch bereits gut angefangen, von seiner
Überzeugung abzulassen, als er, durch Euern Spruch in die Enge
getrieben, das bekannte, was er zuvor nicht gesagt hatte, und sich bei
dem Glauben beruhigte, dem er zuvor fern stand.
Als er aber der Verurteilung des unfrommen Lehrsatzes nicht zustimmen
wollte, mußtet Ihr, meine Brüder, erkennen, daß er in seinem falschen
Glauben beharrte und deshalb Verurteilung verdiente. Wenn er darüber
aufrichtige und ersprießliche Reue bezeigt und, wenn auch spät,
anerkennt, wie richtig das verdammende Urteil ist; wenn er darüber
hinaus, um die Genugtuung voll zu machen, mündlich und schriftlich
alles von ihm falsch Gedachte verwirft, so wird jegliche gegen den
Gebesserten angewandte Milde nichts weniger als tadelnswert sein. Denn
unser Herr, der wahre und gute Hirte, der "sein Leben dahingab für
seine Schafe" (Joh. I0, II) und der gekommen ist, die Seelen der
Menschen zu retten, und nicht sie zu vernichten, will, daß wir
Nachahmer seiner Milde seien, - so nämlich, daß die Gerechtigkeit zwar
die Sündigenden zurechtweist, die Barmherzigkeit aber die Bekehrten
nicht zurückstößt. Dann erst wird der Glaube auf die fruchtbarste Weise
verteidigt, wenn die falsche Meinung auch von ihren früheren Anhängern
verurteilt wird.
Um die ganze Angelegenheit gemäß der Liebe und dem Glauben zu Ende zu
bringen, haben Wir Unsere Brüder, den Bischof Julius und den Priester
Renatus von der St.-Klemens-Kirche sowie meinen Sohn, den Diakon
Hilarus, an Unserer Stelle abgesandt; ihnen haben Wir Unsern Notar
Dulcitius, dessen Glaube Uns bewährt ist, beigesellt. Wir vertrauen auf
den Beistand Gottes, daß der Irrende seine schlimme Meinung selbst
verwerfe und gerettet werde. Gott möge Dich heil bewahren, teuerster
Mitbruder.
Gegeben am I3. Juni (449), unter dem Konsulat der ausgezeichneten Männer Asturius und Protogenes.
(aus: "Die Lehrschreiben des heiligen Papstes Leo des Großen über die Menschwerdung Christi" Freiburg i.Brsg. 1938)
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