DASS GOTT NICHT MEHR DA IST
von
Léon Bloy
Es ist unbestreitbar, daß Gott nicht mehr da ist, wenigstens nicht in
Europa. Er ist vielleicht noch da, ein wenig noch, in den Wüsten Asiens
oder bei den götzenanbetenden Inselbewohnern Polynesiens. Die Tataren
und die Menschenfresser, auch die Neger beten einen Jemand an oder
glauben, ihn anzubeten. Ach, gewiß stößt ihre Gottesverehrung nicht
weit genug vor, ihre Liturgie kommt nicht über Ansätze hinaus. Und doch
haben diese armen Heiden etwas, das immerhin höher steht als die
Sulpicianer-Theologie. Selbst die in der größten Finsternis leben,
ahnen doch einen lebendigen Gott, einen Gott, der den ganzen Menschen
anfordert und für den man sterben muß.
Die Alteingesessenen aber jener Kultur, die man ironischerweise die
christliche nennt, proklamieren im Gegenteil einen lieben Gott, der
"nicht so viel verlangt" Sie haben ein Credo, das als Papptafel dient,
um die Kinder lesen zu lehren, sie haben Sakramente für die
Dienstboten, einschließlich des Sakramentes der Priesterweihe, und
Prediger für die Damen. Sie haben Kruzifixe, Medaillen, Bildchen,
Rosenkränze, um den Handel in Schwung zu halten. Aber die Wirklichkeit
von alledem ist in ihnen ebensowenig vorhanden wie Glaube im Innern von
Kürbissen.
Ich kenne die Geschichte einer armen Zigeunerin, die eines Tages den
lebendigen Gott nennen hörte. Sie war völlig unwissend, sie verstand
nicht einmal eine andere Sprache als die Mundart ihres Stam-mes. Aber
sie konnte diese zwei Worte erfassen. Sogleich verließ sie alles, nahm
ihr kleines Kind in die Arme, machte sich auf und lief wie eine
Unsinnige in die Welt, überall aber fragte sie nach dem lebendigen
Gott.
Sie fragte nach ihm die Bäume, die Quellen, die Tiere, die auf den
Wiesen weideten, sie fragte die Priester und die Leviten, denen sie
begegnete und erhielt von ihnen nur ein mitleidiges Lächeln als
Antwort. Manchmal fragte sie den Donner nach dem lebendigen Gott und
erhob dabei ihr unschuldiges Kind hoch über ihren Kopf: so erneuerte
sie die berühmte Geste des heiligen Ludwig, als er den Sturm
beschwor.
Niemand verstand sie, und am wenigsten die Gelehrten. Nur ein paar
Arme, die sie für verrückt hielten, warfen ihr von weitem ein Stück
Brot zu und ergriffen die Flucht. Sie muß wohl schließlich einen
strengen Tempelbonzen getroffen haben, der ihr wahrscheinlich geraten
hat, nicht mehr zu suchen; wofern sie nicht auf Befehl eines weisen
Mandarin in eine Irrenanstalt eingesperrt worden ist, denn man hat mir
nicht erzählt, was aus ihr geworden ist.
Dieses außerordentliche Geschöpf scheint mir ein Symbol der
Menschenseele zu sein, die nach ihrem Lebensursprung hungert und ohne
Unterlaß in unserer gottfremden Gesellschaft herumirrt. Sie sieht recht
gut, daß das, was man ihr aus Müdigkeit reicht oder aus
Geringschätzung, nicht das sein kann, was sie sucht; daß, was man ihr
anbietet, ein entsetzlicher Hohn ist; und ihre Verzweiflung kann schon
sehr gut dem hellen Wahnsinn ähneln. Die Werke ohne Liebe, die Taten
ohne Leben in den übertünchten Gräbern, wie soll sich denn ein Pilger
nach dem Absoluten damit abfinden? Und wohin soll er sein Herz tragen,
wenn er nicht den Stall eines neugeborenen Gottes findet, um es dort
als Weihgabe aufzuhängen?
Man hat zu allen Zeiten diesem schrecklichen Drama beiwohnen können,
welches das Genie des Äschylos vorausahnte, es sind jetzt dreitausend
Jahre her.Übrigens hat die unvergleichliche Angst vor dem Sieb, durch
das alle Seelen geschieden werden müssen, sehr große Heilige
erzeugt.
Aber heute stehen wir an der Schwelle der Apokalypse, an dem äußersten
Rand eines Abrundes, dessen Tiefe uns unbekannt ist - heute geht es
nicht einmal mehr um die empörende Mittelmäßigkeit der christlichen
Welt, sondern nur darum, um gleich der armen Zigeunerin zu wissen, ob
man auf einen lebendigen Gott zählen kann -, der Gedanke ist zum
Verrücktwerden, daß niemand etwas davon weiß und daß niemand mit
Ausnahme einiger Menschen in Schmerzen, die schon vom Tod gezeichnet
sind, davon sprechen hören will.
Aber wann wird er sich endlich kundtun, der lebendige Gott, der
anbetungswürdige Gott der Krippe und des Kalvarienberges, der Gott der
armen Soldaten, die in Qualen sterben, der Gott, den niemand mehr
sucht?
(aus: "Méditations d'un Solitaire en 1916", zit. nach "Der beständige Zeuge Gottes" Salzburg 1953, S. 227 ff.) |