Görres, einer der bedeutendsten
Publizisten Deutschlands und in verschiedenen Wissensgebieten zu Hause,
ohne jemals ein Hochschulstudium absolviert zu haben, zählt zu den
interessantesten Persönlichkeiten seiner Zeit. Er entstammt einer an
der unteren Mosel ansässigen bürgerlichen Familie und wurde 1776 zu
Koblenz geboren, wo sein Vater Kaufmann und Holzhändler war. Die
Kindheits- und Jugendjahre des hochbegabten und frühreifen Knaben, der
schon als Gymnasiast erstaunliche Kenntnisse, besonders in den
Naturwissenschaften erworben hatte, fiel noch in die letzte Zeit der
vom Zauber des Rokkoko verklärten kurfürstlichen Herrschaft. Aber bald
verlor Görres seinen Glauben: die Regierung des kraftlosen, um seine
Existenz ringenden Erzbistums Trier forderte den Zwölfjährigen zu einer
Satire über Papst und Bistum heraus.
Ab 1793 besuchte er die Universität Bonn, um Medizin zu studieren. Doch
in dieser Zeit zogen bereits die Heere der französischen Revolution in
Koblenz und Mainz ein. Schnell kam die Stunde, in welcher sich Görres
mit Begeisterung den Ideen der Revolution verschrieb, denn durch seine
Proklamation und seine geschicketen Agenden, welche die Befreiung von
Klerus und Adel sowie die Verbrüderung der Menschheit versprachen,
gelang es dem revolutionären Frankreich, besonders unter der Jugend,
viele Anhänger zu gewinnen. Von der Revolution begeistert, brach Görres
1795 sein Studium ab und trat, begabt mit einem bedeutenden
Rednertalent, als Klubredner in Mainz auf.
1797 erschien seine erste Dekaden-Schrift, das "Rote Blatt". Bereitst
in diesem Journal stand die Parole, der er während seines ganzen Lebens
treublieb: "Unablässiger Krieg gegen Schlechtigkeit aller Art, jedoch
die Hand dem tugendhaften Mann."
Der Weltbürger Görres, der von einem Anschluß des Rheinlands an
Frankreich das Beste erhoffte, gehörte einer Deputation an, die Ende
1799 günstige Bedingungen für einen rheinischen Staat unter
französischer Protektion aushandeln sollte. Als diese Abordnung aber in
Paris ankam, war bereits das Direktorium als letzte revolutionäre
Institution durch Napoleon gestürzt worden, der statt der
Weltverbrüderung einen Eroberungskrieg nach dem anderen starte.
Mit voller Energie trat nun Görres in eine neue Etappe seines so
facettenreichen Lebens ein. Ein echter Jakobiner war er ohnedies nie
gewesen, denn er beschrieb diese als Leute, die zwar eine hohe Energie
besäßen, aber ohne Bildung und Humanität seien. Er zog sich jetzt vom
öffentlichen Leben zurück. Doch ein Leben in Ruhe und bürgerlicher
Behaglichkeit verhinderte allein schon sein ungestümes Naturell, das
nicht nur temperamentvoll, sondern gleichsam von vulkanischer Eruption
war.
Obwohl er die Stelle eines Lehrers der Physik an der Koblenzer
Sekundarschule (früher Gymnasium) erhalten hatte, suchte sein
nimmermüder Geist zusätzlich in den verschiedensten Wissenschaften
Anregung. Er beschäftigte sich mit Sanskrit, Mathematik, Chemie,
Astronomie; auch die Liebe zur Medizin war noch nicht erloschen. Er
verfaßte nun eine Reihe von Schriften, meist über Themen aus den
Gebieten der Naturwissenschaften, wobei ihn Schellings pantheistische
Naturphilosophie, die ihm "wie aus dem Herzen genommen ist", besonders
begeisterte und beeinflußte. Als er 1806 vom Schuldienst beurlaubt
wurde, faßte er den Entschluß, an der Heidelberger Universität
Vorlesungen abzuhalten. Es dürfte keinem Zweifel unterliegen, daß auch
finanzielle Nöte bei diesem Berufswechsel eine Rolle spielten, denn er
war seit einigen Jahren verheiratet und hatte Kinder. In Heidelberg
bezog er in seine Vorlesungen mehrere Einzelwissenschaften mit ein:
u.a. Psychologie, Philosophie, Ästhetik, spekulative Physik,
Himmelskunde und Hygenie, zuletzt sogar altdeutsche Literatur.
Hier in Heidelberg durchlebte er jetzt gleichsam eine neue
Metamorphose: Er schloß mit den bedeutendsten Repräsentanten der
sogenannten jüngeren Romantik, Bretano und Achim von Arnim,
Freundschaft. Das bedeutete zugleich, sich in das von der Aufklärung
als barbarisch verachtete Mittelalter zu vertiefen. Sein kämpferischer
Geist schreckte nicht davor zurück, zwei Repräsentanten der
Spätaufklärung, den berühmten Homer-Übersetzer, Johann Heinrich Voß,
sowie den rationalistischen protestantischen Theologen Heinrich Paulus,
der die Wunder Jesu auf natürliche Weise zu erklären versuchte, zu
bekämpfen. Seine Liebe zum deutschen Mittelalter veranlaßte ihn, seine
"Teutschen Volksbücher", die erste kritische Auseinandersetzung mit der
deutschen Literatur des Mittelalters, herauszugeben.
Eine dauerhafte Anstellung an der Heidelberger Universität kam nicht
zustande, so daß er gezwungen war, am Koblenzer Gymnasium den
Unterricht wieder aufzunehmen. Die Niederlage Österreichs im Kampfe
gegen Napoleon 1809 und der Rat seiner Dichterfreunde der Romantik
veranlaßte ihn, sich wieder der Politik zu widmen. So verfaßte er die
Schrift "Über den Fall Deutschlands und die Bedingung seiner
Wiedergeburt", die einen Vergleich mit Fichtes "Reden an die deutsche
Nation" nicht scheuen braucht. 1810 schrieb er den Aufsatz "Fall der
Religion und ihre Wiedergeburt". Darin hält er eine Erneuerung
Deutschlands nur durch eine Anbindung der Gesellschaft an die Kirche
für möglich. Allerdings will er um die alte Kirche eine neue der
"Humanität und der Kultur" errichten, die er mit folgenden Worten
charakterisiert: "Wir sind den Zeiten wohl nicht allzu ferne, wo die
katholische Kirche durch die protestantische sich ergänzt und in dieser
Gemeinschaft ohne Überwältigung die wahre allgemeine Kirche
wiederherstellt", eine Idee, die er später wieder aufgab.
Nachdem am 1. Januar 1814 Blücher als Oberbefehlshaber des schlesischen
Heeres bei Kaub den Rhein überschritten hatte, brach Napoleons
Herrschaft im links-rheinischen Gebiet zusammen. Nun begann für Görres
die Stunde, als Sprecher des deutschen Volkes und als erster großer
Journalist Deutschlands wirken zu können. Seine Waffe war der
"Rheinische Merkur", eine in Koblenz erscheinende Zeitung. Sie
propagierte eine bessere Zeit für Deutschland in einem freien großen
deutschen Kaiserreich. Der an der Spitze stehende Kaiser, dem die
Leitung aller Kriegsgewalt anvertraut werden sollte, müßte mit der
ganzen Würde der alten Kaiser bekleidet werden. Diesen Vorstellungen
entsprechend sollte es einen nach Ständen gegliederten Staat geben, der
aber frei wäre sowohl von dem illusionistischen Vorstellungen, das
Mittelalter wieder zu neuem Leben zu erwecken, als auch von jeder Art
eines radikalen Liberalismus. Görres konnte sich aber mit seinen
politischen Ideen nicht durchsetzen, vielmehr siegte die von Metternich
propagierte "Heilige Allianz", die dem deutschen Volk nur den
schwachen, schließlich den lächerlich erscheinenden Deutschen Bund
brachte.
So willkommen den Fürsten Görres zu Anfang des Erscheinens des
"Rheinischen Merkurs" auch war, als er sich als erfolgreicher Kämpfer
gegen Napoleon erwies, so verhaßt wurde er ihnen wenige Jahre später
mit seiner Kritik an ihrer Bürokratie und Reaktion. Einige süddeutsche
Staaten beschlagnahmten sogar die Zeitung.
Görres erkannte, daß der Jahrzehnte dauernde Krieg sowie die Entstehung
der Industriegesellschaft mit ihren Fabriken die Lage der Armen noch
wesentlich verschlechtert hatte. Als sich deshalb nach Kriegsende durch
Mißernten die Not noch vergrößerte, wandte er sich in gewohnter
Leidenschaft an die Regierung und die Kirche mit Worten wie:
"Ihr sprecht vom Christentum, wer aber hat seine
Macht zuerst gebrochen, in dem er es zum Deckmantel seiner
Habsucht und jelicher bösen Leidenschaft gemacht
hat? Wer kreuzigt noch jetzt den Herrn in seiner Kirche und würfelt
um sein Gewand? Mit Worten höre ich seine
Lehre viel bekennen, aber die Werke sind nicht danach."
So gründete er den "Koblenzer Hilfsverein", um in der Eifel, auf dem
Hundsrück, im Moseltal und im Westerwald die vielfach herrschende
Hungersnot zu lindern. Wenn er auch keine eigentliche Soziallehre
verfaßte, so erkannte er, daß sich bald auch oder gerade die
katholische Kirche mit einer drohend gewachsenen sozialen Frage würde
auseinandersetzen müssen. Warscheinlich machte er etwa zwanzig Jahre
später als Professor in München den Theologiestudenten Ketteler mit der
sozialen Frage bekannt und legte so den entscheidenden Grund für dessen
späteres Wirken auf dem Gebiet der katholischen Soziallehre und
-politik.
1819 veröffentlichte er "Teutschland und die Revolution", was aber kein
Aufruf zu einem gewaltsamen Umsturz insinuieren sollte, sondern
vielmehr eine Absage an jegliche Revolution beinhaltet und eine ernste
Mahnung an Volk und Fürsten darstellt. In dieser Schrift setzt er sich
auch mit der intoleranten und unwürdigen Behandlung der katholischen
Kirche auseinander, der sie sich seit dem Wiener Kongreß 1815 in den
durch Preußen einverleibten Gebieten ausgesetzt sah. Diese Kritik
führte schließlich dazu, daß der preußische König befahl, ihn zu
verhaften. Ihm gelang es aber zu entfliehen, zuerst nach Straßburg und
danach in die Schweiz nach Aarau. Das Leben in der Verbannung fiel ihm
bald leichter, als er in Straßburg Mitarbeiter an der streng religiösen
Zeitschrift "Katholik" wurde, deren Gründer die späteren Bischöfe Räß
(Straßburg) und Weiß (Speyer) waren. In diesem Blatt weist er die
Absicht, daß der Protestantismus ein notwendiges Korrelat zur
katholischen Kirche bilde, zurück, auch die "fixe Idee", der
Protestantismus stehe zwischen und über den beiden Extremen des
Rationalismus und des römischen Papismus. Immer schärfer stellt er nun
auch den Zusammenhang zwischen Reformation und Revolution heraus und
bezeichnet die Reformation als "zweiten Sündenfall der Menschheit". In
diese Zeit seiner vollständigen Versöhnung mit der Kirche fällt auch
die Einsegnung seiner 1801 geschlossenen bürgerlichen Ehe.
Wieder nach Deutschland zurückgekehrt, versuchte Görres vergebens in
seiner so schönen Heimat einen neuen Wirkungskreis zu erhalten. Nach
erheblichen Schwierigkeiten und trotz des Widerstand der preußischen
Regierung erfolgte schließlich durch König Ludwig I. seine Berufung als
Professor nach München, wohin dieser die bis 1810 in Landshut
befindliche Universität verlegt hatte. Sie entwickelte sich in kurzer
Zeit besonders durch ihn zu einem Zentrum der katholischen Bewegung.
Obwohl nun Professor der allgemeinen und "Litterärgeschichte" wurde er,
der sein Leben lang ein mutiger, ungestüm schreibender Publizist
gewesen war, dennoch kein Professor der Geschichts-wissenschaft im
herkömmlichen Sinne. Was er seinen Hörern bot - die Hörsäle vermochten
die Studenten kaum zu fassen -, war weniger die Darstellung der
Geschicht als vielmehr deren Deutung von der Offenbarung Gottes her,
die seine Gegner gerne als eine Art von Dilettantismus bezeichneten.
1837 entstand im Rheinland und in Westfalen ein Kirchenstreit, der
gefährliche Ausmaße annahm. Der neu ernannte Metropolit der Kölner
Kirchenprovinz, Clemens August von Droste zu Vischering, ein streng
kirchlicher und energischer Mann, lehnte die von seinem Vorgänger 1834
unterzeichnete sog. Berliner Convention ab, die eine feierliche
kirchliche Einsegnung konfessionell verschiedener Eheleute ohne die
Garantie der katholischen Kindererziehung ermöglichte. Der Konflikt
weitete sich soweit aus, daß der Erzbischof wegen mehrfacher "Beweise
des Ungehorsams gegen die preußische Regierung" auf die Festung Minden
abgeführt wurde. Obwohl Görres sein sechzigstes Lebensjahr bereits
überschritten hatte, übernahm er mit gewohntem Feuereifer die
Verteidigung des Metropoliten, den er, wie es aus dem Titel seiner
Verteidigungsschrift hervorgeht, mit dem großen Bekenner und mutigen
Verteidiger des Glaubens, dem hl. Athanasius verglich. In seinem
"Athanasius" schlägt Görres dort scharfe Töne an, wo es sich um die
Bevormundung des preußischen Staates und seiner Bürokratie handelt, die
z.B. die Prozessionen und Feiertage vermindern oder den Besuch
katholischer Kinder auf protestantischen Schulen erzwingen will.
Überhaupt moniert er die traurigen Verhältnisse der Katholiken unter
preußischen Behörden, die er als die regierende "Mandarinen-Klasse"
bezeichnet.
Der "Athanasius" leitete eine neue Epoche im Katholizismus Deutschlands
ein. Während sich die Kirche noch nicht von den furchtbaren Schlägen,
die ihr die Säkularisation zugefügt hatte, zu erholen vermochte, zeigte
sie sich nun nach dem Erscheinen dieser Schrift gleichsam verjüngt. Es
gelang, mit Preußen einen Modus vivendi zu finden, besonders seit der
Regierung König Friedrich Wilhelms IV., der den Katholiken wohlgesinnt
war. In verstärktem Maße wurden nun anstelle der alten Bischöfe, die in
ihrer Jugend- und Studienzeit noch von der Theologie der Aufklärung
geprägt worden waren, jüngere, auch sehr junge Bischöfe gewählt, die
wesentlich energiescher die Rechte der Kirche verteidigten und
einforderten. Gleichsam als Zeichen einer neuen Zeit wurde auch der zu
Anfang der Vierzigerjahre beginnende Weiterbau am Kölner Dom, der seit
1560 eingestellt worden war, empfunden.
Einige Jahre nach dem "Athanasius" erschien sein Hauptwerk, die vier
Bände umfassende "Mystik". Wenn auch nicht frei von theologischen
Fehlern, zeigten diese insgesamt 4000 Seiten umfassende Bücher die
Wege, die der gefallene Mensch beschreiten muß, um wieder mit Gott
versöhnt werden zu wollen. Soweit Polemik vorkommt, richtet sie
sich entweder gegen die Philosophie von Hegel oder gegen
Geistesstörungen, die den Liberalismus oder den Hedonismus propagieren.
In seinen letzten Lebensjahren erkannte Görres gleisam mit
prophetischem Blick die schweren Probleme, mit denen sich die kommenden
Zeiten würden auseinandersetzten müssen: den Kommunismus -
1847/48 erschien Marxens "Kommunistisches Manifest" -, den Radikalismus
und das Proletariat.
Der Mann, der die katholische Religion, die Wahrheit und die Freiheit
ohne Wenn und Aber geliebt hatte, starb nach einer ganz kurzen
Krankheit am 29. Januar 1848 im Alter von 72 Jahren. Ein ehrendes
Andenken schuf ihm anläßlich seines hundertsten Geburtstages 1876 der
vorletzte Kanzler des zweiten Kaiserreiches, Georg Freiherr von
Hertling. Er betrieb als katholische Reaktion auf den Kulturkampf die
Errichtung der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaften und
zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.
***
Benützte Literatur:
Brück, Heinrich: "Geschichte der katholischen Kirche in Deutschland", 2. Bd. Mainz 1889.
Artikel "Joseph Görres" in: Coreth Emmerich u.a.: "Christliche
Philosophie im kath. Denken des 19. und 20. Jhdt." Band 1, Graz 1987.
Döring Heinrich: "Allg. Enzyclop. der Wissenschaften und Künste", Leipz. 1861 u. Graz 1974.
Mann, Golo.: "Die großen Deutschen", Bd. 2, Berlin 1956.
Mirbt, Cane: "Realenz. f. prot. Theologie u. Kirche" Bd. 6, Leipzig 1899.
Raab Heribert: "Rheinische Lebensbilder" Bd. 8, Köln 1980.