Der hl. Johannes über die Verfolgung durch den Antichrist
vom
hl. Augustinus
1. Was Gog und Magog bedeuten,
die der Teufel, wenn er am Ende der Welt losgelassen wird, zur
Verfolgung der Kirche Gottes aufstachelt.
"Und wenn die tausend Jahre vorüber sind, wird Satan aus seiner Haft
losgelassen werden und wird ausgehen auf die Verführung der Völker an
den vier Enden der Erde, Gog und Magog, und wird sie, deren Zahl dem
Sande des Meeres gleichkommt, zum Kriege verleiten" (Off. 20,7). Dieser
Krieg also ist es, wozu er sie dann verführen wird; denn zu verführen
pflegte er sie auch schon vorher auf jedmögliche Weise durch
vielgestaltige und zahlreiche Übel. "Er wird ausgehen" besagt soviel
wie "sein geheimer Haß wird in offener Verfolgung hervorbrechen". Es
handelt sich - nun schon im Angesicht des letzten Gerichtes - um die
letzte Verfolgung, und diese wird die Kirche auf dem ganzen Erdkreis zu
erdulden haben, der gesamte Christenstaat vom gesamten Teufelsstaat, im
ganzen Umfang, den alsdann beide auf Erden haben werden.
Unter den beiden Völkern nämlich, die hier als Gog und Magog auftreten,
sind nicht irgendwelche barbarischen Völker irgendwo auf Erden zu
verstehen, etwa die Geten und Massageten, wie manche vermuten wegen der
Gleichheit der Anfangsbuchstaben und ebensowenig irgendwelche andere
fremden Völker außerhalb des römischen Machtbereiches; vielmehr ist
damit angedeutet, daß es sich hier um die Völker des ganzen Erdkreises
handelt; es heißt ja: "die Völker an den vier Enden der Erde", und
diese werden dann als Gog und Magog bezeichnet. Von diesen Namen
bedeutet, wie ich höre, Gog soviel als "Dach" und Magog "vom Dache", im
Sinne von "Haus" und "der aus dem Hause kommende". Gemeint sind also
die Völker, in denen der Teufel eingeschlossen ist wie in einem
Abgrund, und gemeint ist der Teufel selbst, der aus ihnen sich
sozusagen erhebt und hervorkommt, so daß also die Völker das "Dach"
sind und der Teufel "der vom Dach kommende".
Wir können indes auch beide Worte zumal auf die Völker beziehen, statt
eines auf die Völker, das andere auf den Teufel; dann sind eben die
gegenwärtigen Völker das Dach, weil dermalen in ihnen der alte Feind
eingeschlossen und sozusagen verdeckt ist, und wiederum die Völker
werden seinerzeit die "vom Dache kommenden" sein, weil sie aus dem
verhaltenen Haß in offenen hervorbrechen werden. "Und sie zogen herauf
über die Erde in ihrer Breite und umringten das Lager der Heiligen und
die teure Stadt", heißt es weiter (Off. 20,8), wobei natürlich nicht an
einen bestimmten Ort gedacht ist, wohin sie gekommen waren oder
vielmehr kommen würden; da müßte sich ja das Lager der Heiligen und die
teure Stadt an einem bestimmten Orte befinden, während damit doch die
über den ganzen Erdkreis verbreitete Kirche Christi gemeint ist; wo
immer demnach diese sein wird - und sie wird sich unter allen Völkern
finden, was mit dem Ausdruck "die Erde in ihrer Breite" angedeutet ist
-, da wird das Lager der Heiligen sein, da die Gott teure
Christusstadt, und da wird sie von ihren Feinden, die sich ja ebenfalls
neben ihr bei allen Völkern finden, mit unerhört grausamer Verfolgung
umringt, d.i. in die Engen der Trübsal gedrängt, gepreßt und
eingeschlossen werden und doch ihren Heerdienst nicht verlassen, der
mit dem Ausdruck "Lager" bezeichnet ist.
2. Das Feuer, das nach der
Geheimen Offenbarung vom Himmel herabfährt und die Gottlosen
vernichtet, hat nichts zu tun mit der letzten Strafpein.
Wenn es da heißt: (Off. 20,9) "Da fuhr ein Feuer herab vom Himmel und
verzehrte sie", so hat man darunter nicht die letzte Strafpein zu
verstehen, nicht jene, die der Herr im Auge hat, wenn er sprechen wird
(Matth. 25,41): "Weichet von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer."
Denn da werden ja sie in das Feuer geworfen, nicht aber kommt das Feuer
über sie. Vielmehr ist in unserer Stelle das "Feuer vom Himmel"
aufzufassen als ein Feuer, das sich entzündet an der Festigkeit der
Heiligen, womit sie dem Wüten nicht nachgeben, also nicht einwilligen
in das Verlangen der Feinde. Denn der Himmel ist eine Feste, und
infolge seiner Festigkeit werden die Gegner mit lohender Eifersucht
gepeinigt, weil sie die Heiligen Christi nicht heraberziehen können auf
die Seite des Antichrist. Und eben diese Eifersucht wird das Feuer
sein, das die Feinde verzehrt, und zwar "von Gott aus", weil die
Heiligen durch Gottes Gnade die Unüberwindlichkeit erlangen, die ihren
Feinden solche Pein bereitet. Denn in gutem wie in schlimmem Sinne
verzehrt die Eifersucht; im guten Sinne heißt es (Ps. 68,10):
"Die Eifersucht für dein Haus verzehrt mich", und im entgegengesetzten
(Is. 26,11): "Eifersucht hat das unwissende Volk ergriffen, auch jetzt
wird Feuer die Gegner verzehren." "Auch jetzt" will sagen: abgesehen
vom Feuer jenes letzten Gerichtes.
Aber auch wenn hier unter dem vom Himmel herabfahrenden und die Gegner
verzehrenden Feuer, gemeint ist jene Heimsuchung der zur Zeit der
Ankunft Christi lebenden Kirchenverfolger, die an anderer Stelle (Is.
11,4; 2 Thess. 2,8) der Atem aus dem Munde Christi genannt wird, womit
er den Antichrist tötet, so ist doch auch dies noch nicht die letzte
Strafe der Gottlosen, sondern die letzte ist die, welche sie nach der
Auferstehung des Fleisches zu erdulden haben werden.
3. Ungewiß ist, ob die Zeit der Verfolgung durch den Antichrist den tausend Jahren beizuzählen ist
oder nicht.
Diese letzte Verfolgung, die ausgehen wird vom Antichrist, wird drei
Jahre und sechs Monate dauern; und es ist sowohl in der Geheimen
Offenbarung wie beim Propheten Daniel die Rede davon (Off. 11,2f; 12,6
und 14. Dan. 7,25; 12,7 und 11). Es erhebt sich jedoch die Frage, ob
diese freilich kurze Zeit einen Bestandteil der tausend Jahre bilde,
während deren nach der Offenbarung der Teufel gebunden ist und die
Heiligen mit Christus herrschen, oder ob diese Zeitspanne gesondert zu
den tausend Jahren hinzutritt. Die Frage hat in der Tat ihre
Berechtigung. Wenn wir nämlich diese Zeit als einen Bestandteil der
tausend Jahre gelten lassen, so erstreckt sich die Herrschaft der
Heiligen Christi nicht auf den gleichen, sondern auf einen längeren
Zeitraum als die Bindung des Teufels. Denn auch während dieser
Verfolgung, ja während ihr ganz besonders, werden die Heiligen mit
ihrem König herrschen als Sieger über so viel Böses, da der Teufel
jetzt nicht mehr gebunden und eben deshalb sie mit aller Kraft zu
verfolgen imstande ist. Wie kann da die Schrift für beides zumal
tausend Jahre ansetzen, für die Bindung des Teufels und für die
Herrschaft der Heiligen, wenn doch die Bindung des Teufels drei Jahre
und sechs Monate früher zu Ende geht als die Herrschaft der Heilligen
mit Christus während dieser tausend Jahre.
Wenn wir aber diese kurze Verfolgungszeit nicht einrechnen wollen in
die tausend Jahre, sondern nach deren Ablauf ansetzen, so werden wir
damit allerdings dem Wortlaut der Geheimen Offenbarung gerecht; denn
dort wird im Anschluß an die Worte (Off. 20,6f.): "Die Priester Gottes
und Chri-sti werden herrschen mit ihm tausend Jahre" unmittelbar
beigefügt: "Und wenn die tausend Jahre zu Ende sind, wird Satan aus
seiner Haft losgelassen werden"; damit ist angedeutet, daß die
Herrschaft der Heiligen und die Bindung des Teufels zu gleicher Zeit
ein Ende nehmen werden, und die Zeit jener Verfolgung würde demnach
weder zur Herrschaft der Heiligen noch zur Haft Satans gehören, was
beides tausend Jahre dauern würde, sondern zu diesen tausend Jahren
hinzutreten und getrennt davon zu berechnen sein.
Allein dann müßten wir den Standpunkt einnehmen, daß die Heiligen
während dieser Verfolgung nicht herrschen mit Christus. Das geht aber
gegen alles Gefühl: die Glieder Christi sollten gerade dann nicht mit
ihm herrschen, wenn sie ihm fester und inniger als je anhangen, und zu
einer Zeit, da der Ruhm, von ihm nicht zu weichen, um so größer ist,
die Krone des Martyriums um so reichlicher zuteil wird, je heftiger der
Kampf wütet!
Angenommen aber, im Hinblick auf die Trübsal, die die Heiligen in
diesem Zeitraume zu erdulden haben, könne man von einer Herrschaft der
Heiligen während dieses Zeitraumes nicht reden, so würde ja daraus
folgen, daß man all jenen, die vorher, im Lauf der tausend Jahre,
Trübsal durchmachten, ebenfalls das Herrschen mit Christus für die Zeit
ihrer Trübsal absprechen müßte; es hätten demnach auch die, welche den
Tod erlitten um des Zeugnisses für Jesus und um des Gotteswortes
willen, wie der Verfasser der Geheimen Offenbarung schreibt, der ihre
Seelen geschaut hat (Off. 20,4), auch sie hätten dann nicht mit
Christus geherrscht, als sie Verfolgung erduldeten, auch sie, die
Christo doch mit Vorzug angehörten, hätten nicht Christi Reich
gebildet. Das ist doch ganz widersinnig und völlig abzulehnen. Und
jedenfalls doch nach Überwindung und Beendigung aller Schmerzen und
Mühen mit Abstreifung der sterblichen Hülle, haben die sieghaften
Seelen der glorreichen Martyrer geherrscht mit Christus und herrschen
noch mit ihm, bis die tausend Jahre vorüber sind, um dann auch fortan
in ihrem wiedererlangten und nun unsterblichen Leibe zu herrschen.
Also werden die Seelen der um seines Zeugnisses willen Getöteten auch
während dieser dreieinhalb Jahre mit ihm herrschen, sowohl die, die
vordem schon ihren Leib verlassen haben, wie auch die, die ihn während
der letzten Verfolgung verlassen werden; sie werden mit ihm herrschen
bis ans Ende der vergänglichen Weltzeit und bis zum Übergang in jenes
Reich, wo es keinen Tod mehr gibt.
Und sonach werden die Jahre, während deren die Heiligen mit Christus
herrschen, der Zahl nach mehr sein als die der Bindung und Haft des
Teufels, weil die Heiligen mit ihrem König, dem Sohne Gottes, auch
während der dreieinhalb Jahre herrschen, da der Teufel nicht mehr
gebunden ist. Es heißt nun aber doch einmal (Off. 20,6 f): "Die
Priester Gottes und Christi werden herrschen mit ihm tausend Jahre, und
wenn die tausend Jahre zu Ende sind, wird Satan aus seiner Haft
losgelassen werden"; also bleibt nur ein Doppeltes übrig: entweder
nehmen wir an, daß nicht die Herrschaft der Heiligen an den tausend
Jahren ihre Grenze findet, sondern die Bindung und Haft des Teufels; es
hatte also in diesem Fall jedes von beiden sein eigenes Ende der
tausend Jahre, d. i. der Gesamtheit der jedem zukommenden Jahre, und
die Frist würde zu verschiedener Zeit ablaufen, in weiterer Erstreckung
bei der Herrschaft der Heiligen, in kürzerer bei der Bindung des
Teufels; oder man hält dafür, die dreieinhalb Jahre, die ja ohnehin
einen sehr kurzen Zeitraum ausmachen, seien nicht in Anrechnung
gebracht und es sei offen gelassen, ob die Bindung des Teufels um
diesen Zeitraum kürzer oder die Herrschaft der Heiligen um ihn länger
dauere, so ähnlich, wie ich das im sechzehnten Buch (XVI 24, 3.
Absatz) bezüglich eines Zeitmaßes von vierhundert Jahren
dargelegt habe, das auch etwas mehr ausmacht und doch als vierhundert
Jahre bezeichnet ist, dergleichen man übrigens oft in den heiligen
Schriften findet, wenn man darauf achtet.
("Gottesstaat" XX, 11-13; in "Bibliothek der Kirchenväter" Bd. 28, Kempten und München 1916, S. 293-298.)
|