VI. Die moderne Aufgabe der Mutter Kirche
Diese Wiedergeburt durchzuführen, unter Anpassung an die veränderten
Zeiten und die neuen Bedürfnisse der Menschheit, ist recht eigentlich
Aufgabe der Mutter Kirche. Ihr ist die Verkündigung der Frohen
Botschaft von ihrem göttlichen Stifter übertragen. Hier wird den
Menschen Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe eingeschärft. Dazu
beitragen, diese Gesetze so fest als möglich in den Herzen und in den
Gewissen verankern, das ist die vornehmste und auch die wirksamste
Arbeit für den Frieden. Diese Aufgabe ist so gewaltig, daß die
streitende Kirche menschlich gesprochen fast daran verzweifeln müßte.
Aber an der Ausbreitung des Gottesreiches zu arbeiten, in jedem
Jahrhundert anders, mit neuen Mitteln, unter neuen und harten Kämpfen,
ist ein Gebot, unter dessen heiligem Zwang jeder steht, den die Gnade
des Herrn der Dienstbarkeit Satans entrissen und im Bade der
Wiedergeburt zum Bürger seines Reiches umgeschaffen hat.
Mitglied dieses Reiches sein, heißt seinem Geist entsprechend leben,
heißt an seinem Wachstum arbeiten, seine Schätze auch denen
erschließen, die noch nicht seine Glieder sind. Das besagt aber in
unsern Tagen: ankämpfen müssen gegen Hindernisse und Widerstände, die
in ausgeklügeltem System in die Breite und Tiefe angelegt sind wie nie
zuvor; daher ist heute mehr denn je ein offenes, mutiges
Glaubensbekenntnis gefordert, Standhaftigkeit im Kampf, äußerste
Opferbereitschaft. Wer im Geiste Christi lebt, den entmutigen die
Schwierigkeiten nicht, vielmehr treiben sie ihn zu höchster
Kraftanspannung und vollstem Gottvertrauen an; der entzieht sich nicht
den harten Forderungen des Augenblicks, sondern stellt sich ihnen und
vollbringt seine Hilfeleistung mit jener Liebe, die vor keinem Opfer
zurückschreckt, die stärker ist als der Tod, die sich nicht auslöschen
läßt durch die reißenden Wasser der Trübsal.
Ein inniger Trost, eine beglückende Freude, für die Wir Gott dem Herrn
Tag für Tag in tiefer Demut danken, ist es für Uns, ehrwürdige Brüder,
in allen Breiten der katholischen Welt unverkennbare Zeichen eines
Geistes zu sehen, der den riesengroßen Aufgaben der Zeit mutig die
Stirne bietet, der mit bewundernswerter Hochherzigkeit und
entschlossenem Ernst darangeht, die erste und wesentliche Sorge um
persönliche Selbstheiligung mit dem apostolischen Ringen um des
Gottesreiches Mehrung in fruchtbarem Ausgleich zu vereinen. Das von
Unsern Vorgängern mit so viel Liebe gepflegte Werk der Eucharistischen
Kongresse und die Mitarbeit der Laien, die in der Katholischen Aktion
zum vertieften Bewußtsein ihrer hohen Sendung und Würde erzogen werden,
schenken der Kirche in einem Moment gesteigerter Bedrohung und
verstärkter Beanspruchung Gnadenquellen und Kraftreserven, die in dem
zwischen Christentum und Antichristentum entbrannten Kampf nicht hoch
genug eingeschätzt werden können.
In einem Zeitpunkt, wo zwischen Priesterzahl und Priesteraufgaben ein
Mißverhältnis besteht, das dem Worte Christi von der großen Ernte und
den wenigen Arbeitern (Matth. 9,37; Lk., 10,2) einen sorgenschweren
Sinn gibt, bedeutet die zahlreiche, eifrige und hingebende Mitarbeit
der Laien am hierarchischen Apostolat eine wertvolle Hilfe für die
Priester und zeigt Entfaltungsmöglichkeiten, die zu den schönsten
Hoffnungen berechtigen. Das Gebet der Kirche zu dem Herrn der Ernte, Er
möge Arbeiter in seinen Weinberg senden (Matth. 9,38; Lk. 10,2), ist in
einer Weise erhört worden, die den Forderungen der Gegenwart entspricht
und die eine Ergänzung der vielfach eingeengten priesterlichen
Seelsorge ermöglicht. Eine einsatzbereite Front katholischer Männer und
Frauen, Jungmänner und Jungfrauen widmet, dem Ruf des obersten Hirten
folgend, in Unterordnung unter die Bischöfe diesem Apostolat die ganze
Glut des Herzens und müht sich, den Massenabfall von Christus in eine
Massenheimkehr zu Christus zu wandeln. Ihnen allen gilt in diesem für
die Kirche und die Menschheit so bedeutungsvollen Augenblick Unser
väterlicher Gruß, Unser bewegter Dank, Unsere vertrauensvolle Hoffnung.
Sie haben in Wahrheit ihr Leben und Schaffen unter das Banner Christi
des Königs gestellt. Sie können mit dem Psalmisten sprechen: »Meine
Werke gehören dem König« (Ps. 44,1). Der Ruf: Zu uns komme Dein Reich!
- ist nicht nur Sehnsuchtsziel ihres Betens, sondern auch Leitstern
ihres Handelns. In allen Klassen, Berufsschichten und Gruppen macht
diese Zusammenarbeit zwischen Priestern und Laien wertvolle Energien
frei und weist ihnen Aufgaben zu, wie sie edle und treue Herzen
ehrender und beglückender nicht erhoffen können. Diese apostolische
Arbeit, im Geiste der Kirche geleistet, weiht auch den Laien
gewissermaßen zum »Diener Christi«, wie es der hl. Augustin mit
folgenden Worten erklärt: »Meine Brüder, wenn ihr den Herrn sagen hört:
"Wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein", so dürft ihr nicht nur
an die guten Bischöfe und Geistlichen denken. Auch ihr dient ja in
eurer Weise Christus, indem ihr heilig lebt, Almosen spendet und
Christi Namen und Lehre so viel als möglich verkündet.
Jeder Familienvater sei schon auf Grund dieses Namens sich bewußt, daß
er seine Familie in väterlicher Güte umfangen soll. Um Christi und um
des ewigen Lebens willen möge er alle die Seinen ermahnen, belehren,
aufmuntern und zurechtweisen; er zeige ihnen ein gutes Herz, aber sehe
auch auf ernste Zucht; so wird der Hausvater in seinem Heim ein
kirchliches, ja geradezu ein bischöfliches Amt erfüllen, indem er
Christus dient,- um auf ewig auch bei Christus zu sein« (in Ev. Joh.,
tract. 51, n. 13).
Bei der Förderung dieses heute so wichtigen Laienapostolates fällt eine
besondere Sendung der Familie zu. Der Geist der Familie ist für den
Geist des jungen Geschlechtes entscheidend. Solange am heimischen Herd
des Christusglaubens heilige Flamme brennt, solange Vater und Mutter
das Leben ihrer Kinder nach diesem Glauben formen und prägen, wird es
immer wieder Jugend geben, die bereit ist, die Königsrechte des
Erlösers anzuerkennen und jedem Widerstand zu leisten, der diesen
Erlöser aus der Oeffentlichkeit verbannen oder in seine Rechte frevelnd
eingreifen will. Wo die Kirchen geschlossen, wo von den Wänden der
Schu!en das Bild des Gekreuzigten entfernt wird, bleibt die Familie der
providenzielle, in einem gewissen Grade unangreifbare Zufluchtsort
christlicher Glaubensgesinnung. Und - Gott sei es gedankt! - unzählige
Familien erfüllen diese ihre Sendung in unbeirrbarer Treue, die allen
Anfechtungen und Opfern trotzt. Jugend aus beiden Geschlechtern, in
großer Zahl - auch in solchen Ländern, wo das Bekenntnis zu Christus
Leid und Verfolgung bedeutet, harrt aus am Throne des Erlöser-Königs
mit jener ruhigen und sicheren Entschlossenheit, die an die
ruhmreichsten Zeiten der kämpfenden Kirche erinnert.
Welche Ströme des Segens könnten sich über die Welt ergießen, wieviel
Licht, Ordnung und Befriedigung in die verschiedenen Bereiche des
Gemeinschaftsleben einziehen, wieviel kostbare, ja unersetzbare Kräfte
könnten für die großen Aufgaben und Ziele der Menschheit nutzbar
gemacht werden, wenn man der Kirche, der berufenen Lehrmeisterin von
Gerechtigkeit und Liebe, freie Bahn gäbe, auf die sie kraft ihres
Gottesauftrages ein heiliges, unbestreitbares Recht besitzt! Wieviel
Unheil könnte verhütet, wieviel Glück und Zufriedenheit geschaffen
werden, wollte die soziale und übernationale Friedensarbeit sich von
den starken Antrieben des Evangeliums der Liebe im Kampf gegen
individuellen und kollektiven Eigennutz lenken lassen!
Die Gesetze, die das Leben der gläubigen Christen ordnen, und die
Postulate wahren Menschentums widersprechen sich nicht, sondern stützen
sich gegenseitig. Im Interesse der leidenden, in ihrem materiellen und
geistigen Gefüge tief erschütterten Menschheit haben Wir keinen
sehnlicheren Wunsch, als diesen: die Not der Gegenwart möge vielen die
Augen öffnen damit sie Christus den Herrn und die Sendung seiner Kirche
in der Welt im wahren Lichte sehen, und alle Machthaber mögen sich
entschließen, für die welterzieherischen Aufgaben der Kirche im Sinne
der Gerechtigkeit und des Friedens die Bahn freizugeben.
Voraussetzung für diese Friedensarbeit ist, daß der Kirche bei der
Ausübung der ihr von Gott anvertrauten Sendung keine Hindernisse in den
Weg gelegt werden; daß man ihr Betätigungsfeld nicht einengt und nicht
die Massen, besonders die Jugend, ihrem segensreichen Einfluß entzieht.
Als Stellvertreter dessen, der vom Propheten "Fürst des Friedens"
(lsai., 9,6) genannt worden ist, wenden wir Uns daher an die Lenker der
Völker und an alle, die auf das öffentliche Leben Einfluß besitzen,
damit sich die Kirche in voller Freiheit ihrer Erziehungsaufgabe widmen
könne, indem sie die Wahrheit verkündigt, die Gerechtigkeit einschärft
und die Herzen mit der göttlichen Liebe Christi erneuert.
Auf die Ausübung dieser ihrer Mission, die als Endziel hier auf Erden
den göttlichen Plan verwirklichen will »alles in Christus zu erneuern,
was im Himmel und auf Erden ist« (Eph., 1,10), kann die Kirche niemals
verzichten; umso weniger heute, wo ihre Arbeit notwendiger denn je
erscheint, da die traurige Erfahrung lehrt, daß äußere Mittel,
menschliche Vorsorge und politische Maßnahmen allein außerstande sind,
der bedrängten Menschheit wirksame Erleichterung zu bringen.
Gerade weil die menschlichen Auskunftsmittel leider die Stürme
abzuwenden nicht im Stande waren, die unsere Kultur in ihren Wirbel
reißen, wenden viele erneut voll Hoffnung ihren Blick zur Kirche, dem
Hort der Wahrheit und Liebe, zum Stuhle Petri, von dem, wie sie fühlen,
der Menschheit jene Einheit des Glaubens und des Sittengesetzes
wiedergeschenkt werden kann, die zu anderer Zeit den friedlichen
Beziehungen der Völker Dauer und Festigkeit verlieh.
Eine Einheit, nach der nicht wenige für die Geschicke der Völker
verantwortlichen Staatsmänner mit schmerzlicher Sehnsucht Ausschau
halten: sie müssen es ja Tag für Tag erfahren, wie sehr die Mittel
versagen, auf die sie einstens ihre Hoffnung setzten. Eine Einheit, auf
welche die Scharen, groß an Zahl, Unsere eigenen Kinder harren, die
täglich den Gott des Friedens und der Liebe anrufen (vgl. 2 Cor.
13,11). Eine Einheit, die Erwartung so vieler edler Geister, die zwar
nicht zu Uns gehören, die aber doch in ihrem Hunger und Durst nach
Gerechtigkeit und Frieden ihr Augenmerk auf den Stuhl Petri richten,
von wo sie Führung und Rat erhoffen.
Was sie an der katholischen Kirche achten, ist, die sichere Festigkeit,
mit der die Kirche durch zwei Jahrtausende die christliche Glaubens-
und Lebensregel bewahrt hat. Was sie achten, ist die unerschütterliche
Geschlossenheit der kirchlichen Hierarchie, die geeint um Petri
Nachfolger sich selbstlos aufopfert, um das Licht der Frohbotschaft in
die Menschheit hineinzutragen, sie zu führen und zu heiligen; die in
mütterlichem Verstehen weitherzig ist gegen alle, aber unbeugsam
bleibt. wenn sie, selbst um den Preis von Verfolgung und blutigem Tod,
erklären muß: Non licet, es ist nicht erlaubt!
Und doch, ehrwürdige Brüder, die Lehre Christi, die allein den Menschen
eine sichere Glaubensgrundlage bieten kann, von der aus der Blick in
selige Fernen schweift und das Herz den göttlichen Dingen sich weit
erschließt, die Lehre Christi, die in den großen Zeitnöten mächtige
Hilfe verleiht - sie und das rastlose Mühen der Kirche, jene Lehre zu
verkünden, zu verbreiten und die Menschen nach ihr zu bilden, sind
nicht selten Gegenstand mißtrauischen Verdachts, als ob sie den
Unterbau der staatlichen Autorität erschütterten und sich deren Rechte
anmaßten.
Solchem Argwohn gegenüber erklären Wir mit apostolischer Offenheit: Bei
allem Festhalten an dem, was Unser Vorgänger Pius Xl.
verehrungswürdigen Angedenkens in seinem Rundschreiben »Quas primas«
vom 11. Dezember 1925 über die Gewalt Christi des Königs und Seiner
Kirche gelehrt hat, liegen der Kirche derartige Bestrebungen vollkommen
fern; sie breitet ihre mütterlichen Arme gegen die Welt aus - nicht um
zu herrschen, sondern um zu dienen. Sie beansprucht nicht, sich
innerhalb des Eigenbereichs anderer rechtmäßiger Gewalten an deren
Stelle zu setzen; sie bietet ihnen vielmehr ihre Hilfe an, ganz nach
dem Beispiel und im Geiste ihres göttlichen Stifters, der »umherzog,
Wohltaten spendend« (Apg. 10,38).
Die Kirche predigt mit Nachdruck Gehorsam und Ehrfurcht gegenüber der
weltlichen Autorität, die ja ihre hohe Abkunft von Gott herleitet, und
sie hält sich an die Lehre ihres göttlichen Meisters, der sagt: »Gebt
dem Kaiser, was des Kaisers gebührt« (Mt. 22, 21); sie will sich keine
Macht anmaßen, sondern läßt in ihrer Liturgie singen: »Doch der raubt
nie ein irdisch' Reich, der himmlische vergeben kann« (Hymnus am
Epiphaniefest). Sie beugt nicht die menschliche Kraft nieder, sondern
erhebt sie zu allem Hochherzigen und Edlen, sie prägt Charaktere, die
unentwegt zu ihrem Gewissen stehen. Die Kirche, die den Völkern die
Gesittung brachte, hat sich nie gegen den kulturellen Fortschritt der
Menschheit gestemmt, im Gegenteil - ihr Mutterstolz schaut auf ihn mit
Freude und Gefallen. Was ihr Wirken will, haben die Engel an der Krippe
des menschgewordenen Gottes wunderbar verkündet, als sie des höchsten
Ehre sangen und den Menschen guten Willens die Friedensbotschaft
brachten: »Ehre sei Gott in der Höhe, und auf Erden Frieden den
Menschen seiner Huld« (Luk. 2,14). Es ist der Friede, den die Welt
nicht geben kann; ihn hat der göttliche Erlöser seinen Jüngern als Erbe
hinterlassen: »den Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe
ich euch« (Joh. 14,27); und nach dieser erhabenen Lehre Christi, die Er
selbst im Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe zusammenfaßt, haben
Milllionen von Seelen den Frieden gefunden, finden ihn heute und
immerdar. Die Geschichte von fast zweitausend Jahren - und ein großer
Redner Roms hat die Geschichte treffend die »Lehrmeisterin des Lebens«
(Cic., Orat., 1,2,9) genannt - liefert den Beweis von der Wahrheit des
Schriftwortes, daß jene den Frieden nicht finden, die sich Gott
widersetzen (Job, 9,4). Denn Christus allein ist der »Eckstein« (Eph.
2,20), auf dem das Heil des Einzelmen-schen und der Gesellschaft
festbegründet steht.
Auf diesen Eckstein ist die Kirche gebaut, und daher werden feindliche
Mächte nichts gegen sie ausrichten: »Die Pforten der Hölle werden sie
nicht überwältigen« (Matth., 16, 18). Nicht einmal schwächen können sie
die Kirche, denn alle inneren und äußeren Kämpfe steigern nur ihre
Kraft und winden nur immer neue ruhmreiche Siegeskränze um ihr Haupt.
Jeder andere Bau dagegen, der nicht fest auf Christi Lehre ruht, ist
auf Flugsand gebaut und muß über kurz oder lang zusammenstürzen (vgl.
Matth. 7, 26-27).
Ehrwürdige Brüder, die Stunde, in der dieses Unser erstes Rundschreiben
zu euch hinausgeht, ist in mehr als einer Hinsicht wahrhaft eine Stunde
der Finsternis (cf. Luk. 22,53), in der die Geister der Gewalt und des
Unfriedens die blutige Schale namenlosen Leides über die Menschheit
ausgießen. Brauchen Wir euch zu versichern, daß Unser Vaterherz allen
seinen Kindern mitleidend in Liebe nahe ist, vor allem den Bedrängten,
Unterdrückten und Verfolgten? Schon sind Völker in den mör-derischen
Strudel des Krieges hineingezogen, und vielleicht stehen sie erst am
»Anfang der Leiden« (Matth. 24, 8); und doch ist bereits in Tausenden
von Familien Tod und Verwaisung, Trauer und Elend bitterer Hausgast
geworden. Das Blut ungezählter Menschen, auch von Nichtkämpfern, erhebt
erschütternde Klage, insbesondere auch über ein so geliebtes Volk, wie
das polnische, dessen kirchliche Treue und Verdienste, um die Rettung
der christlichen Kultur mit unauslöschlichen Lettern in das Buch der
Geschichte geschrieben sind und ihm ein Recht geben auf das
menschlich-brüderliche Mitgefühl der Welt. Vertrauend auf die mächtige
Fürsprache Marias, der Hilfe der Christen, ersehnt es die Stunde einer
Auferstehung nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und eines wahren
Friedens.
Was heute geschehen ist und weiter geschieht, stand wie eine Vision vor
Unserem Auge, als Wir in einer Zeit, wo noch nicht alle Hoffnung
geschwunden war, nichts unversucht ließen, um in den Unserem heiligen
Amte gemäßen Formen und mit den Uns zu Gebote stehenden Mitteln den
Waffengang zu verhüten und die Wege zu einer für beide Teile
ehrenvollen Vereinbarung offen zu halten. Ueberzeugt davon, daß der
Gewaltanwendung von der einen Seite die bewaffnete Antwort der
Gegenseite folgen werde, erachteten Wir es - selbst auf die Gefahr von
Mißverständnissen Unserer Absichten und Ziele hin - für eine
unabweisbare Pflicht Unseres Amtes und ein Gebot christlicher Liebe,
alles daran zu setzen, um der Menschheit und der Christenheit die
Schrecken eines neuen Weltbrandes zu ersparen. Unsere Mahnungen sind,
wenn auch nicht ungehört, so doch unbefolgt verhallt. Und während Unser
Herz erschauert in Hirtenleid und Hirtensorge, ersteht vor Uns das Bild
des Guten Hirten; es ist Uns, als müßten Wir in seinem Namen der Welt
von heute sein klagendes Wort zurufen: »Ach hättest du es doch erkannt,
was Dir zum Frieden dient! Nun aber ist es vor Deinen Augen verborgen!«
(Luk. 18,42).
Inmitten dieser Welt, die heute das grauenvolle Gegenstück zu dem
Frieden Christi im Reiche Christi bietet, steht die Kirche und stehen
ihre Gläubigen vor Zeiten und vielleicht Jahren der Prüfung, wie sie in
ihrer bewegten Kampf- und Leidensgeschichte sicher selten zu
verzeichnen waren. Aber gerade in solchen Zeiten weiß der, der einen
festen Glauben und ein gestähltes Herz besitzt, daß Christus der König
den Seinen nie so nahe ist, wie in der Stunde der Heimsuchung, die
stets eine Feuerprobe christlicher Bewährung bedeutet. Mit blutendem
Herzen ob der Leiden und Gefahren so vieler ihrer Kinder, aber auch mit
dem Starkmut und der Unbeirrbarkeit, die ihr die Verheißungen des Herrn
verleihen, geht die Braut Christi den kommenden Stürmen entgegen. Und
sie weiß: die Wahrheit, die sie predigt, die Liebe, die sie lehrt und
übt, wird einst beim Aufbau einer neuen Welt in Gerechtigkeit und Liebe
mithelfen als unentbehrliche Beraterin und Stütze aller, die guten
Willens sind, wenn einmal die Menschheit auf dem Weg des Irrtums sich
müde gelaufen und den bitteren Trank des Hasses und der Gewalttat bis
zur Neige ausgekostet hat.
Inzwischen aber, ehrwürdige Brüder, soll die Welt, sollen alle vom
Kriegselend Betroffenen erfahren, daß das Grundgesetz des Reiches
Christi, die katholische Bruderliebe, nicht ein leeres Wort ist,
sondern lebendige Wirklichkeit. Ein unübersehbares Arbeitsfeld eröffnet
sich der christlichen Caritas in allen ihren Formen. Wir haben das
Vertrauen zu Unsern Söhnen und Töchtern, vor allem auch in denjenigen
Ländern, deren Boden noch nicht von der Geißel des Krieges heimgesucht
ward, daß sie im Geiste des göttlichen Samaritans sich derer erinnern,
die als Opfer des Krieges ein Recht auf Mitleid und Hilfe haben.
Die katholische Kirche steht da als die Stadt Gottes, »deren König die
Wahrheit, deren Gesetz die Liebe, deren Lebensform die Ewigkeit ist«
(S. Aug., Ep. 38 ad Marcellinum, 3,17); sie kündet die Wahrheit,
unverfälscht und unvermindert, sie wirkt mit mütterlicher Hingabe aus
Christi Liebe, und erhebt sich als »Erscheinung seligen Friedens« über
dem Strudel von Irrtum und Leidenschaft. So harrt sie des Augenblicks,
da Christi des Königs allmächtige Hand dem Sturm gebietet und die
Geister bannt, die den Unfrieden heraufbeschworen. Was in Unserer Macht
liegt, um das Kommen des Tages zu beschleunigen, wo die Friedenstaube
auf dieser von einer Sintflut der Zwietracht überfluteten Erde eine
Rast findet, das wollen Wir auch weiterhin tun; Wir vertrauen dabei auf
jene hervorragenden Staatsmänner, die vor Kriegsausbruch sich mit
Edelmut eingesetzt haben, um die Völker vor solcher Geißel zu bewahren;
Wir vertrauen auf Millionen von Seelen aller Länder und Schichten, die
wie nach Gerechtigkeit, ebenso auch nach Liebe und Erbarmen rufen; Wir
vertrauen aber vor allem auf den allmächtigen Gott, zu dem wir täglich
flehen: »Im Schatten Deiner Flügel hoffe ich, bis die Trübsal weicht«
(Ps. 56,2).
Schluß
Gott kann alles: in Seiner Hand trägt Er das Glück und Los der Völker,
ebenso wie die Pläne der Menschen; er vermag sie in Milde zu wenden,
wie er es will. Selbst Hindernisse werden in Seiner allmächtigen Hand
zu Werkzeugen, um Dinge und Geschehnisse zu formen und den freien
Entschluß der Herzen auf Seine Ziele zu lenken.
Darum, ehrwürdige Brüder, betet ohne Unterlaß, betet vor allem dann,
wenn ihr das göttliche Opfer der Liebe darbringt. Betet, ihr, von denen
der mutige Glaubenseinsatz heute harte, schwere, oft heldenhafte Opfer
fordert; betet ihr leidenden und bedrückten Glieder der Kirche, wenn
Jesus zu euch kommt, um eure Schmerzen mit tröstender Liebe zu lindern.
Vergeßt auch nicht, durch wahren Bußgeist und würdige Werke der Buße
euer Gebet angenehmer zu gestalten in den Augen dessen, »der Stütze ist
allen, die stürzen, und der alle Gebeugten aufrichtet« (Ps. 144,14),
damit Er in seiner Barmherzigkeit die Tage der Prüfung abkürze und sich
so das Wort des Psalmisten erfülle: »Sie schrien in ihrer Bedrängnis
zum Herrn, und er befreite sie aus ihren Aengsten« (Ps. 106,13).
Und ihr lichten Scharen der Kinder, ihr Lieblinge Jesu, erhebt beim
Empfang des himmlischen Lebensbrotes euer unberührtes, unschuldvolles
Gebet und vereint es mit dem Flehen der ganzen Kirche. Dem Flehruf der
Unschuldigen kann Jesu Herz nicht widerstehen; denn es liebt euch.
Betet alle, betet ohne Unterlaß (1 Thess., 5,17).
So werdet ihr in die Tat umsetzen, was der göttliche Meister als
erhabenes Gebot, als heiligstes Vermächtnis Seines Herzens hinterließ:
»daß alle eins seien« (Joh., 17,20): daß alle in jener Glaubens- und
Liebeseinheit leben, an der die Welt erkennen soll, wie stark und
eindrucksmächtig Christi Sendung und Seiner Kirche Wirken ist.
Die alte Kirche hat dieses Gottesgebot begriffen, getätigt und in einem
erhabenen Gebet ausgesprochen; das sollt ihr zu dem eurigen machen mit
jenen Gesinnungen, die das Leid der Stunde erheischt: »Gedenke, o Herr,
Deiner Kirche, erlöse sie von allem Uebel und mache sie vollkommen in
Deiner Liebe. Führe sie, die Geheiligte, von den vier Himmelsrichtungen
zusammen in Dein Reich, das Du ihr bereitet hast; denn Dein ist die
Macht und Ehre in Ewigkeit« (Didache, cap. 10).
Im Vertrauen, daß Gott, des Friedens Mehrer und Freund, das Gebet
Seiner Kirche erhöre, erteilen Wir als Unterpfand überströmender
göttlicher Gnade, aus der Fülle Unseres väterlichen Herzens, den
Apostolischen Segen.
Gegeben zu Castel Gandolfo bei Rom, am 20. Oktober 1939, im ersten Jahre Unseres Pontifikats.
Pius PP. XII.
* * *
(Rex-Verlag Luzern, mit kirchlicher Druckerlaubnis des bischöflichen Ordinariats der Diözese Basel 11. Nov. 1939) |