DAS GIFTGESPEI DES DRACHEN
von
Theologieprofessor Dr.P.Severin M.Grill
SOCist, Stift Heiligenkreuz bei Wien
In der Schrift ist öfter vom Speien und Ausspeien und vom Gespei die
Rede. Wo die Ausdrücke nicht wörtlich zu verstehen sind wie in Is 28,8
und Jere 40,16, werden sie bildlich verwendet von Irrtum und Unsitte.
So heißt es Spr 26,11: Wie der Hund sein Gespei wieder frißt, so ist
der Narr, der seine Narrheit wiederholt. Und Is 19,14: Ein
Schwindelgeist ist über die Fürsten von Zoan ausgegossen, daß sie
Ägypten verführen in all ihrem Tun, wie ein Betrunkener taumelt, wenn
er speit.
2 Petr greift auf Is 26,11 zurück und gebraucht das Hundebild für
diejenigen, die nach ihrer Bekehrung wieder in ihre alte Unsittlichkeit
zurückfallen. Die Kirchenväter verwenden das Bild, um den Irrweg im
Glauben und die damit verbundene sittliche Fäulnis zu bezeichnen.
Hierbei wird ausdrücklich der Satan als Urheber und Verführer genannt.
Prosper von Aquitanien nennt den Pelagianismus eine Lehre, die
gesättigt ist mit der Galle des alten Drachen und welche die
britannische Schlange ausgespien hat.(1)
Jakob von Sarug nennt Satans Versuchung und Verführung ein
Drachengespei. Die alte Schlange ist bestrebt, Bitterkeit auszuspeien
und die Welt in Fäulnis zu versetzen, aber durch die Kraft der Gebete
der Frommen ist es möglich, ihr Gift zu vernichten und ihre List
erfolglos zu machen. Der Weg Christi ist höher als der Weg der
gewöhnlichen Menschen und erhaben über den Lauf der Natur. Aber die
Gelehrten werden irregeführt durch die aufrührerischen Ratschläge des
Drachen, so daß sie es nicht verstehen, auf dem rechten Weg zu gehen.(2)
Spr 30, 1 ist nach dem lateinischen und hebräischen Text auch von einem
"Speier" die Rede (vomens, Qu"i). Der Verdacht liegt nahe, daß wir bei
den anscheinenden Eigennamen nicht an Personen, sondern an
Gattungsnamen zu denken haben und übersetzen müssen: Worte des Pöbels,
des Sohnes des Speiers, der sagt: Es gibt keinen Gott, es gibt keinen
Gott". Der Sinn der Verse ist demnach derselbe wie Ps 14,1: "Es spricht
der Tor in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott!" Und Weish 13,1:
"Töricht sind von Natur aus alle Menschen, die keine Erkenntnis Gottes
haben, die aus der sichtbaren Schöpfung nicht den Ewigen erkennen und
bei der Betrachtung seiner Werke nicht auf einen weisen Schöpfer
schließen."
Ist nicht auch unsere Gegenwart vom Gespei des Drachen übersprüht? Die
Glaubenslehre gefährdet durch immer dreistere Formulierungen und
Falschübersetzungen? Die Sittenlehre in Gefahr durch eine schamlose
Mode, ja durch Gesetze? Und ein Unterricht, der die Kinder verführt?
Das Kirchenrecht geschändet durch Umsturz und Verachtung der Hierarchie?
Daß nur nicht bald ein reinigender Regen, um nicht zu sagen ein
Wolkenbruch niedergeht, um die Weide Gottes zu reinigen vom Gespei des
Drachen und dem Gestank des satanischen Geträufels. In seinem Büchlein
"Moses und Christus" sagt Wilh. Meier: "Als Moses bei seiner Berufung
im Auftrage Gottes den Stab hinwarf und dieser sich in eine Schlange
verwandelte und die spärlichen Gräser der Wüste mit ihrem Gift
begeiferte, daß die Herde Jetrhros keine Weide mehr fand, da mußte
Moses seinen wahren Hirteneifer zeigen, nämlich die Schlange am Schwanz
fassen, wodurch sie sich wieder in einen Stab verwandelte." (3)
Möchten auch unsere Hirten mutig zugreifen und aller Lüge und Unmoral
wehren, die das Gift der Schlange in die Kirche gebracht hat!
Anmerkungen:
(1) De ingratis, Cap.1
(2) Olinder: Jacobi Sar. opistolae, Parisiis 1937, Brief 19, S.115 u Brief 21, S.136. Diese Briefe
1-22 in Auswahl hrsggb. von mir, Heiligenkreuz 1971
(3) Passau 1876, S.24
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