DIE VERMESSUNG DES TEMPELS
von
Walter W.E. Dettmann
In der Geheimen Offenbarung des Apostels Johannes heißt es: "Es wurde
mir ein Stab wie eine Rute gegeben und mir gesagt: "Erhebe dich und miß
den Tempel Gottes und den Altar und die, die dort anbeten. Den Vorhof
aber außerhalb des Tempels wirf hinaus und miß ihn nicht.Denn er ist
den Heiden überlassen, die die heilige Stadt 42 Monate lang treten
werden" (Apokalypse 11, 1-2).
Die hier erwähnte Vermessung des Tempels leitet die allerletzte
Begebenheit ein, die vor dem Ertönen der siebten Posaune beschrieben
ist, nämlich das Auftreten der beiden Zeugen.
Um diese Vermessung des Tempels richtig einordnen und verstehen zu
können, muß man wissen, daß die Geheime Offenbarung des Apostels
Johannes die Geschicke der gesamten Menschheit in zweifacher Form
beschreibt: Das erste Mal unter der Rücksicht der hauptsächlichsten
Katastrophen, die gemäß dem siebenfach versiegellen Buch über die
Menschen kommen; das zweite Mal unter der Rücksicht der
Kirchengeschichte, die in der Geheimen Offenbarung vom: 13. bis zum
20.Kapitel prophetisch vorausgeschaut wird.
Infolgedessen wird das Weltgericht, auf das die Geheime Offenbarung
vorbereiten will, zweimal erwähnt, und zwar zuerst bei 11,18 und dann
bei 20, 11-15.
Schon die Kirche des Altertums war sich dieser Wiederholungen bewußt,
wie aus den Erklärungen des heiligen Bischofs und Martyrers Victorinus
von Pettau (+ ca. 304) hervorgeht: Siehe die Studie des Verfassers "Das
12.Kapitel der Apokalypse bei Victorinus von Pettau" (1967).
Bei der Vermessung des Tempels werden fast gar keine näheren Angaben
gemacht. Es ist klar, daß es sich hier nicht um jenen "Tempel Gottes im
Himmel" handelt, der bei 11,19 erwähnt ist. Denn bei dem Tempel von
11,1-2 wird vom "Vorhof der Heiden" gesprochen, der "hinausgeworfen
wird".
Der Tempel von 11,1-2 ist selbstverständlich das Bild für die Kirche,
in der bisher das vorgeschriebene Opfer dargebracht worden war.
Es hat seinen tiefen Grund, daß die Kirche in der Gestalt des alten
jüdischen Tempels geschaut wird. Dieser existierte zwar damals, als
Johannes auf der Insel Patmos seine Visionen bekam, nicht mehr. Aber
umso mehr eignete er sich dafür, zu zeigen, daß die Kirche nur dazu da
ist, um Gott dem Herrn das vorgeschriebene Opfer, das Opfer des Neuen
Bundes, darzubringen.
In dem Tempel, den die Kirche versinnbildet, ist ein Altar, und es
befinden sich dort anbetende Menschen. Gemäß der Geheimen
Offenbarung haben die Heiden Zutritt zu einem Vorhof des Tempels. Damit
ist gesagt, daß Johannes hier an dieser Stelle die Kirche im Zustand
der Freiheit und nicht im Verfolgungszustand der Katakombenzeit
schaut.
Bevor die katholische Kirche wie ein großartiger Tempel frei dastand,
war sie von der überwiegenden Mehrheit der Heiden verachtet und gehaßt.
Damals hatte sie keinen "Vorhof der Heiden". Kaum aber war der
katholische Glaube zur Staatsreligion geworden, da drängte sich die
Menge der Heiden herein, um in den Genuß vieler Vorteile zu gelangen.
Deshalb schaute Johannes beim Tempel den "Vorhof der Heiden". Die
Heiden, die sich taufen ließen, nahmen zwar am kirchlichen Opfer teil,
aber oft nur äußerlich.
Es ist bis in unsere Tage hinein so, daß sich auch Inhaber kirchlicher
Ämter und gutbezahlter Professorenstellen ("Theologen") in ihrem
praktischen Leben wie Heiden benehmen. Diese alle sind es, die die
Kirche, wie es heißt, 42 Monate lang treten. Mit dem Treten sind nicht
jene schweren Verfolgungen gemeint, die die Kirche einst von den
wirklichen Heiden des römischen Staates auszuhalten hatte. Damit ist
vielmehr das Verhalten jener "Menschen gemeint, die zwar die Taufe
empfangen und trotzdem wie die Heiden weiterleben. Sie sind Mitglieder
der Kirche geworden. Aber in Wirklichkeit treten sie die Kirche wegen
des schlechten Lebens, das sie vor dem Himmel und vor den Menschen
führen.
Die Vermessung des Tempels findet gegen das Ende der sechsten
Posaunenvision statt, die durch den Aufmarsch der zweihundert Millionen
Panzerreiter gekennzeichnet ist. Nach diesem Aufmarsch erscheint im
zehnten Kapitel der Geheimen Offenbarung jener große Engel, der mit
einem Fuß auf dem Lande und mit dem anderen auf dem Wasser steht und
die feierlichen Worte spricht: "Es wird keine Zeit mehr sein, sondern
in den Tagen, in denen der siebente Engel seine Stimme erschallen läßt
und die Posaune zu blasen beginnt, wird das Geheimnis Gottes erfüllt
werde." (10,6-7)
Die Vermessung des Tempels findet somit kurz vor dem Ende der
Weltgeschichte statt. Denn diese ist mit dem "Geheimnis Gottes"
gemeint.
Der Aufmarsch der zweihundert Millionen Panzerreiter beim Schall der
sechsten Posaune (wie das dröhnt!) ist eine der letzten großen
Katastrophen der Weltgeschichte. Dieser Aufmarsch vollzieht sich in
unserem 20.Jahrhundert.
Zugleich sehen wir, daß heute die Verkündigung des Evangeliums Christi
in mehrfacher Weise bendet ist. Die Botschaft von JESUS Christus wurde
in sämtlichen Sprachen der Erde verkündet. Es gibt kein Land und kein
Volk mehr, das nicht von der Offenbarung Gottes durch Jesus Christus
gehört hätte. In dieser Hinsicht ist die Verkündigung des Evangeliums
heute sicherlich beendet.
Die Ausbreitung der Glaubensbotschaft ist heute auch trotz oder sogar
wegen des Zweiten Vatikanischen Konzils beendet. Denn dieses war
ungeachtet seines großen Aufwandes keine Glaubensverkündigung mehr
sondern das Gegenteil. Das Konzil war in keiner Weise eine Erneuerung
der Kirche, wie die heutigen Bischöfe behaupten, sondern eine
Verschlechterung auf der ganzen Linie.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat die in der Geheimen Offenbarung
geschilderte und beschriebene Natur der Kirche verleugnet, nämlich ein
Tempel Gottes zu sein, worin täglich das vorgeschriebene Opfer
dargebracht wird. Das Zweite Vatikanische Konzil hat gegenüber unserem
Herrn Jesus Christus in viel schlimmerer Weise versagt als die
gemeinsam schlafenden elf Apostel im Garten Gethsemani.
Die Vermessung des Tempels bedeutet, daß sich vor dem Schall der
siebenten Posaune etwas am Tempel geändert hat: Es gibt heute alte
Kirchen, die jahrelang den genauesten Messungen unterworfen werden,
weil sich die Fundamente ändern und infolgedessen Einsturzgefahr
besteht, wie z.B. bei der berühmten Kirche in Osterhofen an der Donau
in Niederbayern.
In ähnlicher Weise beschäftigen sich in der letzten Zeit der Menschheit
(diese hat ungeheure Angst vor ihrer eigenen Vermehrung!) ernste Männer
mit dem geistigen Vermessen unserer römisch-katholischen Kirche. Sie
fragen sich besorgt, ob die Kirche heute noch jener Verpflichtung zum
heiligen Opfer nachkommt, die ihr von ihrem Stifter auferlegt ist. Denn
die Fundamente der Kirche, nämlich die zweitausend Bischöfe des Zweiten
Vatikanischen Konzils, haben sich verändert.
Das, was heute von ernsten Männern und Frauen an der Kirche geprüft und
gemessen wird, ist genau das, was Johannes in der Vision arn Anfang des
11.Kapitels der Geheimen Offenbarung sinnbildlich tun muß.
Was aber hat der sonderbare Satz: "Den Vorhof, der sich außerhalb des
Tempels befindet, wirf hinaus" mit dem Vermessen des Tempels zu tun? -
Dieser Satz tut kund, wie die gesamte Vermessung des Tempels vor sich
geht und verstanden werden muß. Der Vorhof gehört zum Tempel, das heißt
zum Hoheitsgebiet des Tempels,und befindet sich trotzdem "außerhalb"
des Tempels. Damit sind alle jene Menschen gemeint, die infolge ihrer
Taufe der kirchlichen Rechtsprechung unterworfen sind, ohne ein
eigentlich katholisches Leben zu führen und ohne den eigentlichen
katholischen Glauben zu pflegen.
Der Apostel Johannes muß zwei verschiedene Dinge in der Kirche messen:
Einerseits die Verfassung, die Ordnung und Einrichtung der Kirche und
andererseits die der Kirche angehörigen Menschen.
Der Opferaltar und die Opferordnung in der Kirche müssen bleiben, wie
sie bisher vorgeschrieben waren, und wer nicht am bisherigen heiligen
Opfer der Kirche teilnehmen will, der wird zum "Vorhof der Heiden"
gezählt und verworfen. Unter dem "Vorhof der Heiden", den die
Verwerfung trifft, ist keineswegs nur die breite Masse der Laien
zum Unterschied von den höheren und niederen Geistlichen gemeint. Im
Gegenteil:
Der Seher der Geheimen Gffenbarung bekommt eigens den Auttrag, die
"Anbetenden" im Tempel zu messen und es ist klar, daß bei dieser
Messung jene Menschen, die Gott den Herrn "im Geist und in der Wahrheit
anbeten" (Joh.4, 23-24), den Vorzug gegenüber jenen erhalten, die ein
bloßes Lippengebet verrichten, ohne mit dem Herzen bei der Sache zu
sein.
Bei der Messung des Tempels kommt es nicht auf die kirchliche Würde an,
sondern auf die Beschaffenheit des persönlichen Gebetes. Es kommt auf
die Aufrichtigkeit der Menschen im Tempel an, wie im Gleichnis Jesu vom
Pharisäer und vom Zöllner gezeigt wird. Alle jene Mitglieder der
Kirche, die nicht aufrichtig beten und vor allem jene, die nicht
aufrichtig das Opfer des Neuen Bundes darbringen, gehören infolge ihres
schlechten Seelenzustandes in den "Vorhof der Heiden", der vom Apostel
Johannes hinausgeworfen werden muß.
Damit ist bereits ausgesprochen, daß die Verfasser der durch und durch
unaufrichtigen und verdrehten Liturgiekonstitution des Zweiten
Vatikanischen Konzils und viele andere Priester und Bischöfe in den
Vorhof der Heiden gehören und sich auf das Hinausgeworfenwerden gefaßt
machen müssen, wenn sie sich nicht bekehren.
Bei der befohlenen Vermessung des Tempels kurz vor dem allgemeinen
Weltgericht ist somit das Verwerfungsurteil über einen großen Teil der
Kirche bereits vorweggenommen. Der Befehl: "Wirf hinaus!" erinnert an
ganz ähnliche Worte des Herrn: "Die Kinder des Reiches werden
hinausgeworfen werden" (Matth 8,12), und "Werfet ihn hinaus in die
Finsternis!" (Matth 22,13).
Die nur kurz erwähnte Vermessung des Tempels zwischen dem Schall der
sechsten und siebenten Posaune scheint eine unbedeutende Kleinigkeit in
der ganzen Apokalypse zu sein. Aber dieser Schein trügt. Denn der
Tempel ist die gesamte Kirche, und die Vermessung des Tempels ist eine
anschauliche Ausmalung jenes Wortes des Herrn: "Viele sind berufen,
wenige aber auserwählt" (Matth 22,14).
Die kurze aber ernste Erwähnung der Kirche in diesem Buch der
Katastrophen hat ihren Grund darin, daß es tatsächlich die furchtbarste
Katastrophe sein wird, wenn ein sehr großer Teil der als
"alleinseligmachend" bezeichneten Kirche der ewigen Verwerfung
anheimfällt.
Die Vermessung des Tempels und des Opferaltares beweist aufs neue, daß
die geänderten Wandlungsworte in der neuen Liturgie ("für alle") ein
überaus leichtsinniger Frevel sind.
Mehr denn je ist es jetzt, in Ermangelung eines ordentlichen heiligen
Meßopfers, für viele, ja für alle Gläubigen notwendig, die Zuflucht zum
täglichen Rosenkranz zu nehmen und zu beten:
"Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder,
jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen"
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