ÜBER DIE BERGPREDIGT
vom
hl. Ambrosius
1. "Als er aber", so lasest Du, "die Scharen sah, stieg er den Berg
hinan, und als er sich gesetzt hatte, stiegen seine Jünger zu ihm
hinauf" (Matth. 8,1). Im Begriffe nämlich, die Sprüche der
Seligpreisungen zu verkünden und aus dem Schatze der Gottheit
hervorzulangen, nimmt er nunmehr einen erhöhten Platz ein. An unserer
Stelle hingegen hob er doch, obgleich er noch in der Niederung stand,
die Augen auf (Luk. 6,20). So "erschauerte er ja auch im Geiste", als
er den Lazarus erweckte (Joh. 11,33); so hob er auch das Haupt empor,
als er der Ehebrecherin die Sünden vergab (Joh. 8,10). Denn was anders
bedeutet 'die Augen erheben' als das innere Auge öffnen?
2. Der heilige Matthäus endlich bemerkt: "Er öffnete seinen Mund"
(Matth. 5,2), die Schätze der Weisheit nämlich und der Erkenntnis
Gottes (vgl. Röm 11,33). Das Allerheiligste seines Tempels erschließend
entsiegelte er seinen Mund. So öffne denn auch du deinen Mund! Doch
bitte zuvor, daß er geöffnet werde! Denn wenn ein Paulus zur Öffnung
seines Mundes Hilfe erfleht" (Eph. 6,19), geziemt dir noch vielmehr
darum zu flehen. Der Prophet zeigte dir auch den Schlüssel der
Erkenntnis, womit du deinen Mund öffnen sollst, wenn er mahnt: "Öffne
deinen Mund kraft des Wortes Gottes" (Hebr. 24,76) Das Wort Gottes ist
der Schlüssel deines Mundes. Der Schlüssel der Erkenntnis ist deines
Mundes Schlüssel, mit welchem sich die Ketten des Schweigens lösen, der
Riegel der Unwissenheit aufsperren läßt.
3. "Selig, ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes! Selig, die ihr
jetzt hungert und durstet, denn ihr werdet gesättigt werden! Selig, die
ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen! Selig werdet ihr sein, wenn
euch die Menschen hassen" (Luk. 6,20-22). Nur vier Seligpreisungen des
Herrn zählte der heilige Lukas auf, der heilige Matthäus hingegen acht.
Indes schließen diese acht jene vier, und diese vier jene acht ein.
4. Ersterer griff nach der Vierzahl als der Zahl der Kardinaltugenden,
letzterer erschloß in jener Achtzahl eine mystische Zahl. "Auf den
Achten" sind viele Psalmen überschrieben. Dazu die Weisung "Anteil zu
geben jenen acht" - Seligpreisungen vielleicht. Wie nämlich der achte
Tag (Oktavtag) die Vollendung unserer Hoffnung bedeutet, so die
Achtzahl den Inbegriff der Tugenden. Doch zuvor wollen wir die weiteren
Ausführungen ins Auge fassen: "Selig, heißt es, die Armen im Geiste,
denn ihrer ist das Himmelreich!"
5. Diese erste Seligpreisung nahmen beide Evangelisten auf Sie ist in
der Reihenfolge die erste und gleichsam die Mutter und Erzeugerin der
Tugenden; denn wer das Zeitliche verachtet, der nur wird das Ewige
verdienen; und niemand kann die Verdienstkrone des Himmelreiches
erlangen, der von der Weltlust eingenommen nicht die Kraft hat, sich
zur Höhe zu schwingen. Die zweite Seligpreisung lautet: "Selig die
Sanftmütigen"; die dritte: "Selig die Trauernden"; die vierte: "Selig
die Hungernden"; die fünfte: "Selig die Barmherzigen"; die sechste:
"Selig die reinen Herzens sind"; die siebte: "Selig die Friedfertigen",
und mit Recht die siebte; denn an diesem Tage ruhte Gott aus von allen
Werken der Welt (Gen. 2,2): es ist der Tag der Ruhe und des Friedens;
die achte: "Selig, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen".
6. Komm, Herr Jesus, erkläre uns die Reihenfolge Deiner
Seligpreisungen! Denn nicht von ungefähr setzest Du an erster Stelle
die Seligpreisung der Armen im Geiste, an zweiter die Seligpreisung der
Sanftmütigen und an dritter die Seligpreisung der Trauernden. Denn wenn
ich auch einige Erkenntnis habe, so ist es doch nur Stückwerk. Wenn
nämlich schon des Paulus Erkenntnis Stückwerk war (Kor. 13,9), wie weit
kann dann wohl die meinige reichen, der ich ebenso tief wie im Leben
auch im Wort unter Paulus stehe? Leben heischt und fordert Worte, Worte
aber ohne Leben sind nicht Gottes Worte. Wie weit übertrifft Paulus
mich an Weisheit! Er rühmt sich der Gefahren (Kor. 11,26; 12,5), ich
rühme mich der Erfolge. Er rühmt sich, daß er sich auf die
Offenbarungen hin nicht überhebe (ebd.12,1 ff), ich würde mich rühmen,
falls mir etwa Offenbarungen zuteil würden. Indes kann doch Gott aus
Steinen Menschen erwecken (Matth. 3,9) und aus verschlossenem Munde das
Wort hervorrufen, von stummer Zunge den Laut lösen. Wenn er einer
Eselin die Augen öffnete, daß sie den Engel gewahrte (Num. 22,23 ff),
vermag er auch uns die Augen zu öffnen, daß wir Gottes Geheimnis
schauen können.
7. "Selig die Armen!" Nicht alle Armen sind selig. Denn Armut ist ein
unbestimmter Begriff. Es können Arme gut und sch1echt sein. Es müßte
denn etwa unter dem "seligen Armen" jener verstanden sein, den der
Prophet mit den Worten bezeichnete: "Besser ein gerechter Armer denn
ein lügenhafter Reicher" (Spr. 19,22)). Selig"der Arme, der rief, und
der Herr erhörte ihn" (Ps. 33,7), der Arme sonder Siinde, der Arme
sonder Laster, der Arme, an dem der Fürst der Welt nichts findet (vgl.
Joh. 14,30), der Arme, der jenes Armen Nachahmer ist, "der, da er reich
war, unsertwegen arm geworden ist!" (2 Kor. 8,9) Den vollen Sinn
erschloß darum Matthäus mit dem Ausspruch: "Selig die Armen im Geiste!"
Denn der Arme im Geiste b1äht sich nicht auf, überhebt sich nicht in
fleischlicher Gesinnung.
8. Diese erste Seligpreisung tritt sonach ein, wenn ich alle Sünde
ablege und alle Bosheit ausziehe und in Einfalt mich bescheide, arm an
bösen Werken. Dazu erübrigt, daß ich meinen Charakter zäh-me Denn was
frommte mir der Verzicht auf das Zeitliche, wenn ich nicht sanft und
mild wäre? Wer dem rechten Weg folgen will, muß doch dem folgen, der da
spricht: "Lernet von mir, weil ich sanft bin und demütig von Herzen!"
(Matth.11,29) So lege denn ab, was unrecht ist! Darbe an Lastern,
wie es die rechte Armut verlangt! Dämpfe die Leidenschaft, daß du nicht
zürnest oder doch im Zorne nicht sündigest, wie geschrieben steht: "Ihr
zürnet; doch sündiget nichtl" (Ps. 4,5)) Denn eine herrliche Tat ist
es, die innere Regung bewußt zu bezähmen; doch für nicht weniger
tugendhaft gilt es, den Jähzorn zu bezwingen und den Unwillen
niederzuringen, als einer Zornesregung überhaupt nicht stattzugeben:
Ersteres, glaubt man, erfordert meist größere Bedachtsamkeit, letzteres
größere Energie
9. Bei diesem Handeln bleib eingedenk, daß du ein Sünder bist, und
trauere über deine Sünden, trauere über deine Fehltritte! Mit gutem
Grund gilt die dritte Seligpreisung dem, der seine Sünden beweint; denn
der dreieinige Gott ist es, der die Sünden nachläßt. Wasche dich denn
ab mit deinen Zähren, bade dich rein in Tränen! Wenn du selbst über
dich weinst, braucht kein anderer über dich weinen. Hätte Saul seine
Sünden beweint, hätte Samuel nicht über ihn weinen müssen (1 Kön.
15,35) Jeder hat seine Toten, die er beweint. Tot sind wir, wenn wir
sündigen; wenn wir voll von Totengebein starren. Tot ist die schlimme
Rede, die aus dem Munde kommt; denn sie kommt aus einem schlimmen
Grabe: "Ein offe nes Grab ist ja ihre Kehle" (Ps. 5,10) Darum des
Apostels Mahnung: "Seid meine Nachfolger!" (1 Kor. 4,16) Er will, daß
wir unserer Sünden eingedenk seien. Paulus hatte nichts zu beklagen,
seitdem er christusgläubig ward, und dennoch beweinte er seinen
früheren Wandel, indem er bekennt: "Ich bin nicht wert, ein Apostel zu
heißen, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe" (1 Kor. 15,9). Er war
ein Sünder vor der Annahme des Glaubens, wir hingegen sündigen noch
fort nach dessen Annahme. Wer aber ein Sünder ist, weine über sich und
klage sich an um gerecht zu werden! Denn "der Gerechte ist sein eigener
Ankläger" (Spr. 18,17).
10. Halten wir uns an die Ordnung! Denn es steht geschrieben: "Ordnet
die Liebe gen mich!" (Hohesl. 2,4) Schon habe ich die Sünde abgelegt,
den sittlichen Wandel geregelt, die Fehltritte beweint: nun fange ich
an zu "hungern und zu dursten nach der Gerechtigkeit". Ein Kranker,
solange er schwer krank ist, hungert nicht, weil der Schmerz der
Krankheit den Hunger ausschließt. Doch worin besteht dieser Hunger nach
der Gerechtigkeit? Welches ist dieses Brot, nach welchem der Gerechte
hungert? Ob es nicht jenes Brot ist, von dem gesprochen wart: "Jung war
ich und bin alt geworden, und ich sah keinen Gerechten verlassen und
seine Nach kommen nicht um Brot betteln" (Ps. 36,25). Ein Hungernder
sucht doch fiirwahr seine Kräfte zu stärken: welches wirksamere
Kräftigungsmittel für die Tugend aber gäbe es als die Norm der
Gerechtigkeit?
11. "Selig die Barmherzigen", heißt es im Anschluß an die vorgenannten
(Gerechten)! Auf die Gerechtigkeit kommt nämlich die Barmherzigkeit.
Daher das Wort: "Er teilt aus, gibt den Armen, seine Gerechtigkeit
währt ewiglich" (Ebd. 111,9) Doch auch wer Barmherzigkeit erweist, geht
des Lohnes verlustig, wenn er sie nicht reinen Herzens übt. Sucht er
nur Selbstlob, reift keine Frucht. So läutere denn das Innere deines
Geistes! Und hast du das Verborgene deines Herzens sorgsam geläutert,
so hab Mitleid mit den Bedrängten und bedenke, wie viele Menschen, wie
viele deiner Brüder nach deiner Hilfe begehren!
12. Machst du jedoch nicht selbst zuvor dein Inn res frei von aller
Sündenmakel, daß nicht Zank und Streit aus deinem Herzen hervorgehen,
vermagst du auch anderen keine Arznei dagegen zu reichen. Bei dir also
beginn das Friedenswerk, um auch anderen, nachdem du selbst friedfertig
geworden bist, den Frieden zu bringen. Wie könntest du denn die Herzen
anderer läutern, wenn du nicht zuvor dein eigenes läutertest?
13. Du frommtest anderen, hast vielen geholfen: nun rasch voran, dem
Ziele zu! Wohl standen viele Wege offen, die aus dem Leben führen, doch
nur einer geziemte dem Herrn; denn was in der Geburt den Weg des
Fleisches ging, mußte auch im Sterben den Weg des Fleisches gehen. Er
wählte das Leiden, um für uns zu sterben. Auch du sprich in Hinblick
auf alles, was er dir vergolten: "Den Kelch des Heiles will ich
ergreifen und den Namen des Herrn anrufen" (Ps. 115,3 f.) Gemeint ist
das Leiden. Daher auch seine Frage an jene, die zu seiner Rechten oder
Linken zu sitzen wünschten: "Könnt ihr den Kelch trinken, welchen ich
trinken werde?" (Matth. 20,22) Bis zum Ziele geleitet er dich, bis zum
Martyrium folgt er dir und pflanzt auf die Palme der Seligpreisungen.
14. Beachte die Reihenfolge! Arm im Geiste mußt du werden; denn die
Demut des Geistes bedeutet den Reichtum der Tugenden. Bist du nicht
arm, kannst du auch nicht sanftmütig sein. Nur der Sanftmütige
hinwiederum kann über seinen gegenwärtigen Zustand trauern. Wer über
das Niedrige trauert, kann nach dem Besseren verlangen; wer nach dem
Höheren strebt, meidet das Niedrige, um auch seinerseits Hilfe von oben
zu finden. Wer Erbarmen übt, läutert sein Herz. Was heißt denn, seinen
Geist läutern' als des Todes Fäulnis beseitigen? Denn "das Almosen
befreit vom Tode" (Tob. 4,10). Das Leiden hingegen bedeutet die
Vollendung der Liebe. Wer aber im letzten Streite stehend Verfolgung
leidet, wird durch Widerwärtigkeiten geprüft, um gekrönt zu werden,
nach dem er rechtmäßig gekämpft hat (2 Tim. 2,5). Einige wollen hierin
die Tugendgrade erblicken, durch welche wir von den untersten Stufen
womöglich zu den höheren aufsteigen.
15. Wie es endlich ein Wachstum in den Tugenden gibt, so auch ein
Wachstum in den Belohnungen; denn mehr besagt die Gotteskindschaft als
der Besitz des Erdreiches und das Getröstetwerden, dessen einer
gewürdigt wird. Weil aber das Himmelreich die erste und das Himmelreich
hinwiederum die letzte Lohnstufe bildet (vgl. Matth5,3.10.): ist
deswegen der Lohn für die Anfänger und für die Voll endeten etwa der
gleiche? Ob wir nicht auf mystischem Wege belehrt werden, daß das erste
Himmelreich in jenem "aufgelöst werden und mit Christus sein"
(Phil.1,23) des Apostels besteht? Der Besitz des ersten Reiches winkt,
wenn die Heiligen "auf Wolken Christus entgegen in die Luft entrückt
werden" (1 Thess. 4,17); denn "viele der Entschlafenen werden
aufstehen, die einen zum ewigen Leben, die an deren um zuschanden zu
werden" (Vgl. Joh. 5,28 f.). Das erste Himmelreich ist darnach den
Heiligen beim leiblichen Hinscheiden in Aussicht gestellt, das zweite
Himmelreich besteht nach der Auferstehung im "sein mit Christus". Bist
du in das Himmelreich gelangt, dann hat der Aufstieg in die Wohnsitze
daselbst statt. Gibt es auch nur ein Reich, so doch verschiedene
Verdienststufen im Himmelreiche. Nach der Auferstehung wirst du
anfangen vom Tode befreit dein "Erdreich zu besitzen"; denn der, zu
welchem noch gesprochen wird: "Erde bist du und zur Erde sollst du
zurückkehren" (Gen. 3,19), ist nicht Besitzer seines Erdreiches; denn
der ist unmöglich Besitzer, der nicht die Frucht einerntet. Befreit
durch das Kreuz des Herrn, wirst du, wenn sonst unter dem Joche des
Herrn befunden, im Besitze selbst Tröstung finden. Der Tröstung folgt
das Ergötzen, dem Ergötzen das göttliche Erbarmen. Wessen aber der Herr
sich erbarmt, den ruft er auch (Röm. 9,18.24); wer berufen ist, schaut
den Berufenden; wer Gott schaut, hat das Anrecht zur Aufnahme in die
Kindschaft Gottes. Jetzt erst erfreut er sich als Kind Gottes der
Schätze des himmlischen Reiches". So steht also der eine noch am
Anfang, ein anderer im vollen Besitz. Auch in dieser Welt gibt es ja
viele römische Reichsangehörige, doch den größten Anteil an der
Reichsherrlichkeit besitzen jene, welche dem Kaiser am nächsten stehen.
16. Jetzt wollen wir sagen, warum der heilige Lukas die acht
Seligpreisungen in vier zusammenfaßte. Wir wissen nämlich, daß es vier
Kardinaltugenden gibt: Mäßigkeit, Gerechtigkeit, Klugheit, Starkmut.
Der Arme im Geiste nun ist nicht habsüchtig; der Weinende nicht
hochmütig, sondern sanft und friedfertig; der Trauernde demütigt sich;
der Gerechte vorenthält nicht, was allen, wie er weiß, gemeinsam zur
Nutznießung verliehen ward; der Barmherzige teilt von dem Seinigen mit;
wer das Seinige gibt, trachtet nicht nach fremdem Gut und schmiedet
keine Ränke gegen den Nächsten.
17. Verknüpft und verkettet sind die Tugenden untereinander, Wer eine
besitzt, besitzt, wie es scheint, deren mehrere. Auch die Heiligen
ziert die eine Tugendhaftigkeit; doch harrt jener Tugend, die besonders
reich sich entfaltete, auch ein reichlicherer Lohn. Wel che
Gastlichkeit bei Abraham! Welche Demut! Welche Heiligkeit, daß er des
Bruders Sohn aus Feindeshand rettete! Und welche Mäßigkeit, daß er
nichts von der Beute verlangte! (Vgl. Gen.14,16.22f; 18,2ff.) Doch weil
er sich im Glauben besonders auszeichnete, verdiente er im Glauben
allen voran die Palme (vgl. ebd. 15,6). So winkt also jedem ein
mehrfacher Lohn, weil es auch einen mehrfachen Tugendeifer gibt. Indes
entspricht dem reicheren Verdienst in einer Tugend auch ein
reichlicheres Lohnmaß.
18. "Selig die Armen im Geiste!" Da hast du die Mäßigkeit, die
sich von Sünde freihält, die Welt mit Füßen tritt, nach Genüssen nicht
verlangt.
19. "Selig, die hungern und dürsten!" Wer hungert hat mit dem
Hungernden Mitleid, wird aus Mitleid freigebig, aus Freigebigkeit
gerecht; denn "seine Gerechtigkeit währt in Ewigkeit" (Ps. 111,9). Wir
fassen darum bei Matthäus Hunger und Durst im geistigen Sinn, vom
Verlangen nach der Speise oder dem Trank der Gerechtigkeit, insofern
diese Tugend gewissermaßen die Nahrung der übrigen ist: der Gerechte
stellt sich mit den Untergebenen auf gleiche Stufe, wehrt der Arglist,
bestrebt sich der Wahrhaftigkeit.
20. "Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen!" Da hast du
die Klugheit, der es eigen ist, das Hinfällige zu beweinen, nach dem
Ewigen zu trachten, über das Weltliche, das im Widerstreite mit sich
selbst liegt, zu trauern, den Gott des Friedens (Röm.15,33) zu suchen,
der "das Törichte vor der Welt auserkoren hat, um die Weisen zu
beschämen", und der das, was nicht ist, zu nichte macht, um das, was
ist, gewinnen zu können (1 Kor. 1,27 f.).
21. "Selig werdet ihr sein, wenn euch die Menschen hassen" Da hast du
den Starkmut, aber jenen, der nicht, weil verbrecherisch, hassenswert
ist, sondern um des Glaubens willen Verfolgung leidet Denn so gelangt
man zur Krone des Martyriums, wenn man unbekümmert um Menschengunst nur
Gottesgunst anstrebt Zum Schlusse fügte der Herr, damit du wissest, daB
der Starkmut seine Vollendung im Martyrium hat, noch bei: "Auf die
gleiche Weise handelten ihre Väter an den Propheten" (Luk. 6,23).
Die Juden haben nämlich die Propheten bis zum leiblichen Tod verfolgt,
Sache des Starkmutes ist es, auch den Zorn zu überwinden und den
Unwillen zu bezähmen. Auf diese Weise stählt der Starkmut die Seele
ebenso wie den Leib und läßt sie nicht einschüchtern durch irgendwelche
Furcht oder Qual, den schlimmen Beratern, die uns so häufig aus der
Fassung bringen.
22. So hat also die Mäßigkeit die Reinheit des Herzens und der
Gesinnung im Gefolge, die Gerechtigkeit das Erbarmen, die Klugheit die
Friedfertigkeit, der Starkmut die Sanftmut.
23. "Wehe euch, ihr Reichen, denn ihr habt eueren Trost!" (Ebd. 24) Mag
Geld und Gut viele Lockungen zur Sünde bergen, es birgt doch auch so
manchen Ansporn zur Tugend. Wohl gehört zur Tugend nicht notwendig
materielles Wohltun und empfiehlt sich das Trostwort eines Armen mehr
als die freigebige Gabe eines Reichen, gleichwohl verurteilt der Herr
kraft himmlischen Ausspruches nicht jene, welche Reichtum besitzen,
sondern jene, welche ihn nicht zu gebrauchen verstehen. Denn wie jener
Arme umso lobenswerter ist, der rasch und gern gibt, ohne sich wegen
der drohenden Dürftigkeit hiervon abschrecken und abhalten zu lassen,
und sich nicht für notleidend hält, solange er das zu seinem physischen
Fortkommen Ausreichende besitzt, so ist der Reiche umso sündhafter, der
für das, was er empfangen, hätte Gott danken, das Geld, das zum al
gemeinen Gebrauch da ist, nicht nutzlos zurücklegen und die Schätze
nicht in die Erde vergraben und sich darauflegen sollen (Vgl. Matth.
25,8). Nicht also das Geld, sondern die Gesinnung ist sündhaft. Wohl
bringt der habsüchtige Geist sein ganzes Leben mit einer Wachsamkeit
zum Erbarmen in angstgequälter Ruhelosigkeit hin, so daß es keine
schwerere Strafe geben könnte: gleichwohl gehen sie, die insofern den
Trost des gegenwärtigen Lebens hatten, als das Sinnen und Trachten der
Habsucht an der eitlen Gier des Zusammenraffens sich ergötzte, auch
noch des Lohnes des ewigen Lebens verlustig.
24. Wir können indes an unserer Stelle unter dem Reichen auch das
Judenvolk oder die Häretiker oder gewiß auch die Weltweisen verstehen,
die am reichen Wortschwall und sozusagen am Erbe überschwenglicher
Redefertigkeit sich ergötzen, über die schlichte Lehre des wahren
Glaubens sich hinwegsetzen und so unnütze Schätze bergen. Dunkt dir
nicht der nächstbeste Häretiker, wenn du ihn nach weltlichem Brauch
über den Ursprung des Herrn disputieren hörst, reich an Worten, arm an
Kräften? Er wähnt im Diesseits reiche (Wissens-) Schätze zu besitzen;
doch in der Zukunft wird er die Armut seines Glaubens inne werden und
vom ewigem Glaubenshunger gequält einsehen, daß die Speise des
Unglaubens, die er im diesseitigen Leben zum Erbrechen genossen, der
Grund seiner schauerlichen Qual is tund es wird die Zeit kommen, da
sie, die jetzt unsere Worte verlachen, ihr Lachen beweinen werden. Mit
Recht gilt ihnen das Wort: "Wehe, wenn alle Welt euch lobpreist!" (Lk
6.26)
(aus: "Bibliothek der Kirchenväter" Kempten-München 1915, Bd. 21, S. 229-241) |