DER HEILIGE PIERRE FOURIER
von
Eugen Golla
Im Jahre1593 empfing in der in unmittelbarer Nähe der Porta Nigra
gelegenen Trierer Stiftskirche des heiligen Simeon ein junger Franzose
die Priesterweihe. (Diese Kirche fiel später der Kulturbarbarei der
Säkularisation zum Opfer.) Es war dies nichts Außergewöhnliches, da die
Jurisdiktion des alten Erzbistums Trier über Oberlothringen erst mit
dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zu Beginn
des vorigen Jahrhunderts erloschen ist.
Dieser Priester war Pierre Fourier (auch: Petrus Forerius), geboren
1565 im lothringischen Städtchen Mirecourt. Obwohl seine Eltern in
bescheidenen Verhältnissen lebten, förderten sie die schon im
Kindesalter hervortretende Neigung des auffallend frommen Knaben,
Priester zu werden - die Nachbarn nannten ihn nur den "Heiligen". Daher
durfte er bereits im Alter von dreizehn Jahren die kurz vorher
eröffnete Jesuiten-Universität in Pont-à-Mousson besuchen, wo ihm die
Pädagogik dieses Ordens eine hervorragende humanistische Bildung
verlieh, die es ihm u.a. ermöglichte, fließend den Aristoteles im
Original zu lesen. Aber nicht minder zeichnete er sich durch tiefe
Religiosität aus: er ministrierte mindestens einmal täglich bei der hl.
Messe und betete den Rosenkranz, wenn er sich nicht in seine Bücher
vergraben hatte.
Zwanzigjährig entschloß sich Fourier für ein Leben in einem Kloster. Er
wählte aber keinen der neu aufstrebenden Orden, wie es besonders die
Gesellschaft Jesu war, sondern trat in die nicht weit von seinem
Heimatort gelegene, in Auflösung befindliche Augustiner-Abtei
Chamousey ein, wahrscheinlich aus Verehrung für den von ihm besonders
hochgeschätzten hl. Augustinus. Obwohl er sich in diesem seelenlosen
Kloster vergebens bemühte, durch ein heiligmäßiges Leben Gottes- und
Bruderliebe wiederzuerwecken, legte er dennoch dort die ewigen Gelübde
ab; aber nicht lange danach setzte er seine Studien in Pont-à-Mousson
fort, die nunmehr ausschließlich der Theologie gewidmet waren.
Nach erfolgter Promotion in Patristik kehrte er nach Chamousey zurück,
wo er mit großer Geduld alle Kränkungen, denen er infolge
mustergültiger Befolgung der Regel ausgesetzt war, ertrug. Schließlich
entschlossen sich seine Mitbrüder, ihn aus ihrer Gemeinschaft
auszuschließen, indem sie ihm einen auswärtigen Seelsorgeposten
anboten. Drei Pfarreien standen zur Wahl, zwei bequeme und eine
dornenreiche. Er wählte letztere, das arme und durch seine Laxheit
berüchtigte Dorf Mattaincourt, das außerdem vom Kalvinismus angesteckt
war, so daß es den Beinamen das "kleine Genf" erhalten hatte. So fand
er nach einem Worte seines Vetters "viel Mühe und wenig zeitliche
Belohnung".
Ähnlich wie dem Pfarrer von Ars gelang es Fourier, seine verrufene
Pfarrei zu einer Gemeinde frommer Gläubiger umzuschaffen. Seine
hauptsächlichsten Mittel hierzu waren das Beispiel seiner eigenen
heiligmäßigen, asketische Lebensweise, seine zugkräftigen Predigten und
Katechesen sowie eifriges Beichthören. Aber all dies genügte ihm nicht:
er schuf Bruderschaften, führte seine Pfarrkinder in die Schönheit der
Gregorianik ein und räumte auch den Dingen aus dem praktischen Leben,
insbesondere den sozialen Bedürfnissen den ihnen gebührenden Anteil
ein, indem er eine Hilfskasse für verarmte Pfarrkinder schuf und ein
Friedensgericht einsetzte, welches besonders unschuldigen Angeklagten
beistehen sollte. Rückblickend auf sein Wirken konnte er daher später
einmal schreiben: "Wenn ihr wissen wollt, was ein Pfarrer ist, das ist
ein Hirte des Volkes: Vater, Mutter, Hauptmann, Aufseher, Schildwache,
Arzt, Anwalt, Unternehmer, Ernährer, Vorbild und Spiegel, alles für
alle."
In seinem ärmlichen Pfarrhaus wurden aber auch Pläne entworfen, den
Unterricht sowie die Erziehung der vernachlässigten Jugend zu
reformieren, konnte Fourier doch immer wieder feststellen, daß die
Erfolge des Kalvinismus sowie die religiöse Gleichgültigkeit ihren
Ursprung in mangelnden Kenntnissen der religiösen Wahrheiten sowie der
mangelnden elementaren Schulbildung hatten und daß vor allem Frauen
ohne Schulbildung ein besonderes Problem für die Gesellschaft waren, da
auf ihnen als den zukünftigen Müttern ein großer Teil der Erziehung
lastete.
Er entschloß sich daher, bereits 1597 eine religiöse Gemeinschaft von
Frauen zur kostenlosen Ausbildung von Mädchen zu gründen, der er die
Regel des hl. Auguntinus gab und unter den Schutz der allerseligsten
Jungfrau Maria stellte. Daran, daß dieser Gründung, in die zunächst nur
vier junge Mädchen eintraten, ein schneller Erfolg beschieden war,
hatte ein junges Fräulein, Alix le Clerc, einen bedeutenden Anteil. Im
lothringischen Remiremont 1576 geboren, beschloß sie 1597 aufgrund
einer Vision ihr bisheriges Leben zu ändern und sich Fourier als
Seelenführer zu unterstellen. Er riet ihr, in einen bestehenden Orden
einzutreten, doch einer inneren Stimme gehorchend, bat sie ihn, ihr zu
gestatten, seine Mitarbeiterin in dem projektierten Frauenorden zu
werden. Er stimmte zu. Bereits im Sommer 1598 konnte die erste
kostenlose Mädchenschule Lothringens eröffnet werden.
Fourier legte Wert darauf, daß in dieser Schule auch wichtige
Kenntnisse für das Leben vermittelt wurden und verlangte, daß der bis
dahin noch unbekannte Gruppenunterricht praktiziert werde. Große
Schwierigkeiten hinsichtlich der päpstlichen Anerkennung seiner
Kongregation der "Chorfrauen Unserer lieben Frau" bereitete die
Aufnahme externer Schülerinnen, da man dies mit der Klausur für
unvereinbar hielt. Die schließlich durch Papst Paul V. im Jahre 1616
gegebene Erlaubnis, auch Auswärtige unterrichten zu dürfen, hatte zur
Folge, daß sich der neue Orden schnell über ganz Frankreich ausbreitete.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts entstanden nach den furchtbaren
Hugenottenkriegen zur Linderung des geistlichen und leiblichen Elends
in großer Anzahl Reformklöster, die sich insbesondere der Erziehungs-,
der Krankenpflege und der Heranbildung von Priestern widmeten. Im Zuge
dieser Erneuerung erhielt der Bischof von Toul vom Papst den Auftrag,
auch den verwahrlosten Orden der regulierten Augustiner-Chorherren in
seinem ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. Er hielt es für
notwendig, als seinen wichtigsten Helfer den bescheidenen Landpfarrer
Fourier, der ja vor Jahrzehnten in diesen Orden eingetreten war,
beizuziehen. Diesem gelang es, durch die Zusammenlegung einiger Klöster
eine Kongregation mit einer reformierten Verfassung, durch die
insbesondere das gemeinsame Leben gepflegt wurde, zu errichten. Fourier
vermochte es trotz heftigen Widerstrebens schließlich nicht zu
verhindern, daß er nach dem frühzeitigen Tod des ersten Generaloberen
1632 zu dessen Nachfolger gewählt wurden. Auch dieses Amt änderte
nichts an seinem Leben in äußerster Bescheidenheit, nur mußte er auf
seine geliebte Pfarre resignieren. Die Belastungen des inzwischen über
60-jährigen Fourier wurde durch das neue Amt immer größer. Er
verwendete einen Teil der Nacht zum Briefeschreiben, hielt weiter
Predigten und missionierte, kurz er wurde ein wichtiger Mitarbeiter in
der Erneuerungsbewegung des französischen Katholizismus, deren
hervorragendste Persönlichkeiten die Heiligen Jean Eudes, Vinzenz von
Paul und Franz Regis sind.
1634 brach ein Krieg zwischen Frankreich und Lothringen aus. Kardinal
Richelieu ließ Truppen in das bisher noch unabhängige Land
einmarschieren. Da Fourier bei der herzoglichen Familie sehr angesehen
war und für die Unabhängigkeit seines Heimatlandes eintrat, floh er,
von den Häschern Richelieus verfolgt, in die Freigrafenschaft Burgund,
wo er in Gray Asyl fand. Obwohl nun schon über siebzig Jahre alt, half
er auch hier, so lange es seine abnehmenden Kräfte erlaubten, in der
Seelsorge und erteilte Lateinunterricht. Hier starb er am 9. Dezember
1640. Seine sterblichen Überreste wurden in seine ehemalige Pfafrei
Mattaincourt übertragen, wo sie ein Gegenstand öffentlicher Verehrung
wurden. Sein Gedenktag wird ebenfalls am 9. Dezember gefeiert. Kardinal
Bérulle, der Gründer der Oratorianer, sagte von ihm: "Es gibt keine
Tugend, in der er nicht ein Vorbild wäre." Papst Benedikt XIII. sprach
ihn 1730 selig und Leo XIII. nahm 1897 die Heiligsprechung vor.
In Trier war die Erinnerung an ihn auch nach mehr als zweihundert
Jahren lebendig geblieben. ln einer Predigt hob 1861 der
"Bekennerbischof" Matthias Eberhard - diesen Titel erhielt er wegen
seiner Haltung im sog. "Kulturkampf" - hervor, daß fast sämtliche
Mütter und Voreltern der hiesigen Bürger in der seit 1641 bestehenden
Kongregation Fouriers unterrichtet worden seien, sei sie doch nach der
infolge der Französischen Revolution erfolgten Säkularlsation die
einzige noch übriggebliebene katholische Stiftung der Stadt gewesen.
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Benützte Literatur:
Dictionnaire de Spiritualité, Band 12, Paris 1986.
Eberhard, Matthias: "Kanzelvorträge“, 5. Band, Trier 1879.
Stadler, Joh. Ev.: “Vollständiges Heiligenlexikon in alphabetischer Ordnung", Bd. 4, Augsburg l875.
"Vies des Saints", Band 12, Paris 1956.
Firtel, H.: “Pierre Fourier“ in: “Die Heiligen in ihrer Zeit“, Band 2, Mainz 1966.
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