PREDIGT ÜBER DIE AUFERSTEHUNG DES HERRN
vom
hl. Leo d.Gr., Papst von 440-461
Geliebteste!
1. In unserer letzten Predigt haben wir euch, wie wir glauben, in
wohlberechtigter Weise die Teilnahme am Kreuzestode Christi empfohlen;
soll doch das Ostergeheimnis im Leben der Gläubigen ein Echo finden und
auch in unserem Wandel zum Ausdruck kommen, was wir an diesem Festtag
feiern! Welchen Nutzen eine solche Teilnahme bringt, das habt ihr an
euch selbst erfahren: Aus eueren frommen Übungen habt ihr gelernt, wie
sehr es für Leib und Seele von Vorteil ist, längere Zeit hindurch zu
fasten, öfters zu beten und reichlicheres Almosen zu spenden, denn es
gibt wohl keinen unter euch, der nicht durch diese Selbstverleugnung
gefördert worden wäre und nicht in der Tiefe seines Herzens etwas
geborgen hätte, woriiber er sich mit Recht freuen könnte. Allein dieser
Gewinn muß dauernd gehütet werden, damit sich unser frommer Eifer nicht
in Lauigkeit verwandle und uns der neidische Satan nicht rauben kann,
was wir durch Gottes Gnade erreicht haben. Da wir also deshalb das
vierzigtägige Fasten beobachteten, um während der Leidenszeit des Herrn
an uns selbst einigermaßen sein Kreuz zu verspüren, müssen wir auch
darnach streben, als Teilnehmer an seiner Auferstehung zu erscheinen.
Schon während unserer irdischen Wanderschaft müssen wir vom Tode zum
Leben übergehen.
Jeder Mensch, der irgendeine Umwandlung durchmacht, hört auf zu sein,
was er war, und beginnt zu sein, was er nicht war. Doch ist es nicht
gleichgültig, wofür man lebt oder stirbt; denn es gibt einen Tod, der
zum Leben, und ein Leben, das zum Tode führt. Nur solange wir dieser
vergänglichen Zeitlichkeit angehören, können wir uns das eine oder das
andere zu eigen machen, und nach unseren Handlungen auf Erden richtet
sich unser Lohn in der Ewigkeit. Darum müssen wir dem Satan entsagen
und Gott unser Dasein weihen. Ablegen müssen wir jede Ungerechtigkeit,
um zu einem gerechten Leben zu erstehen. Das Alte in uns muß sterben,
damit sich das Neue entwickeln kann. Und da nach dem Ausspruch der
Ewigen Wahrheit "niemand zwei Herren zu dienen vermag" (Matth. 6,24
Vgl. Luk. 16,13; 1Joh. 2,15) , soll der nicht unser Gebieter sein, der
die Stehenden zu Fall brachte, sondern jener, der die Gefallenen zur
Herrlichkeit erhob!
2. Der Apostel sagt: "Der erste Mensch aus Erde ist irdisch, der zweite
Mensch vom Himmel ist himmlisch. Wie der irdische ist, so sind auch die
irdischen, und wie der himmlische, so auch die himmlischen. Wie wir
also das Bild des irdischen (Stammvaters) getragen haben, so wollen wir
auch das des himmlischen tragen!" ( 1 Kor. 15,47ff.) Dieser
Wandel muß uns mit großer Freude erfüllen; denn auf diese Weise wird
uns armseligen Erdgeborenen die Herrlichkeit des Himmels erschlossen
durch die Barmherzigkeit dessen, der zu uns herniederstieg, um uns zu
sich emporzuheben. Er begnügte sich nicht allein mit unserer Natur,
sondern nahm auch das Los der Sünder auf sich. So ließ also Gott, der
nicht leiden konnte, das ganze Elend der sterblichen Menschen über sich
ergehen. Damit aber an den Herzen der bestürzten Jünger nicht lange
Trauer nage, ließ der Herr die von ihm im voraus verkündete dreitägige
Frist seiner Ruhe im Grabe (vgl. Matth. 12,40; Joh. 2,19)
wunderbar schnell zu Ende gehen: Zu dem vollen zweiten Tage fügte er
den Schluß des ersten und den Anfang des dritten hinzu, so daß die
Zeitdauer bedeutend verkürzt wurde, während die Zahl der Tage bestehen
blieb. So ließ die Auferstehung des Erlösers weder die Seele lange in
der Unterwelt noch das Fleisch lange in seinem Grabe. Und so schnell
vollzog sich die Wiederbelebung des keine Spur der Verwesung an sich
tragenden Leibes, daß dieser mehr geschlafen zu haben als tot zu sein
schien. Es verband eben die Gottheit, die von keinem der beiden
Bestandteile der menschlichen Natur in Christus wich, durch ein
Machtwort, was sie durch ihre Macht getrennt hatte.
3. Noch viele Zeichen folgten, durch welche die Wahrheit des Glaubens,
der auf der ganzen Welt verkündigt werden sollte, bestätigt wurde: Der
weggewälzte Stein, das leere Grab, die zurückgelassenen Tücher und die
Engel, die den ganzen Hergang erzählten, bewiesen schon zur Genüge, daß
der Herr wirklich auferstanden war. Aber dennoch zeigte er sich noch
öfters persönlich den Frauen und den Aposteln. Er redete, verkehrte und
aß mit ihnen. Ja er ließ sich sogar von denen, die noch zweifelten,
sorgsam und neugierig betasten. Bei verschlossenen Türen trat er mitten
unter seine Jünger und erfüllte sie durch seinen Hauch mit dem Heiligen
Geiste. Er verlieh ihnen das Licht der Erkenntnis und erschloß ihnen
die Geheimnisse der Heiligen Schrift. Wiederholt zeigte er ihnen die
Wunde an seiner Seite, die Spuren der Nägel und all die Beweise seines
jüngst überstandenen Leidens (vgl. Matth. 28; Mark. 16; Luk. 24; Joh.
20; Apg. 1,3) Dies alles tat er, damit wir erkennen, daß in ihm
die wahre göttliche und menschliche Natur ungetrennt bestehen bleibt,
damit wir also wissen, daß zwischen "Wort" und "Fleisch" ein
Unterschied vorhanden ist, und gläubig daran fest-halten, daß "Wort"
und "Fleisch" zusammen den "Einen Sohn Gottes"
bilden.
4. Mit diesem Glauben steht nicht in Widerspruch, was der Völkerapostel
Paulus sagt: "Wenn wir auch Christus dem Fleische nach gekannt haben,
so kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr" (2 Kor. 5,16); denn obgleich
die Auferstehung des Herrn keine Lossagung von seinem Leibe bedeutete,
brachte sie doch eine Umgestaltung. Die menschliche Natur erfuhr einen
Zuwachs an Macht, ohne darum aufgelöst zu werden. Die Beschaffenheit
änderte sich, die Wesenheit blieb dieselbe: Der Leib, der soeben noch
gekreuzigt werden konnte, wurde leidensunfähig, was man töten konnte,
wurde unsterblich, und was verwundbar gewesen war, ward nunmehr
unverletzlich. Mit Recht heißt es also, daß man den Leib Christi, so
wie er war, nicht mehr kenne, weil nichts von seiner früheren
Leidensfähigkeit, nichts von seiner alten Schwäche in ihm zurückblieb,
so daß er zwar noch derselbe seinem Wesen nach ist, nicht aber nach der
ihm jetzt eigenen Herrlichkeit.
Doch, warum sollten wir an jenen Worten des Apostels über den Leib
Christi etwas Wunderbares finden, wenn er von der Gesamtheit der
geistigen Christen sagt: "Darum erkennen wir von nun an niemand mehr
dem Fleische nach?" (2 Kor. 5,16) Die Auferstehung in Christus -
so meint er - hat für uns Menschen schon damals begonnen, als der Herr,
der für die ganze Welt gestorben ist, uns an sich selbst (durch sein
Hervorgehen aus dem Grabe) die Erfüllung all unseres Hoffens im voraus
zeigte. Daran halten wir ohne Schwanken und Mißtrauen fest. Auch hängen
wir mit dieser Erwartung keinem eitlen Wahngebilde nach. Nachdem sich
bereits der erste Teil dessen erfüllt hat. Nämlich in der Auferstehung
des Herrn, die eine sichere Gewähr und das erste Anzeichen dafür ist,
daß auch wir Menschen auferstehen und einen verklärten Leib erhalten
werden, was uns verheißen ist (vgl. u.a. Matth. 13,43; Joh. 5,28f.;
Apg. 23,6; 24,15), sehen wir mit den Augen des Glaubens schon
verwirklicht, was unser erst in Zukunft wartet. Und indem wir uns über
diese einstige Erhebung unserer Natur freuen, genießen wir schon jetzt,
worauf wir hoffen.
5. Darum dürfen wir uns auch nicht von dem äußeren Scheine der
irdischen Dinge bestechen lassen. Nicht darf die Welt unsere Blicke auf
sich ziehen und uns von dem ablenken, was zum Himmel führt.
Als abgetan muß für uns gelten, was so schon größtenteils vorüber ist.
Unser Herz, das nach dauernden Gütern verlangt, soll sich dorthin
sehnen, wo ihm ewige Genüsse winken! Obgleich unsere Seligkeit erst
kommt und wir noch in einem sterblichen, der Verwesung geweihten Leibe
wandeln, heißt es doch ganz richtig von uns, wir haben das Fleisch
abgelegt, wenn die sinnlichen Gelüste keine Macht mehr über uns
besitzen. Mit Recht spricht man uns den Teil unseres Wesens ab, auf
dessen Stimme wir nicht hören. Wenn der Apostel sagt: "Pfleget nicht
das Fleisch zur Begehrlichkeit" (Röm. 13,14), so dürfen wir das nicht
so verstehen, als ob uns damit verboten wäre, was mit unserem Heile
vereinbar und für unsere schwache Natur vonnöten ist. Nein, nur deshalb
sehen wir uns ermahnt, Maß und Ziel zu halten, weil man nicht jedem
Verlangen willfahren und nicht alles tun darf, was das Fleisch begehrt.
Wir dürfen also dem Leibe, der dem Geiste untersteht, weder geben, was
überflüssig, noch versagen, was unentbehrlich ist.
Darum sagt auch derselbe Apostel an einer anderen Stelle: "Noch nie hat
jemand sein Fleisch gehaßt, sondern er nährt und pflegt es. (Eph. 5,29)
Natürlich soll der Leib nicht deshalb gehegt und gepflegt werden, um
sich Lastern und Ausschweifungen hinzugeben, sondern damit er die
erforderlichen Dienste leisten, seine Kräfte erneuern und seine
Bestimmung erfüllen kann! Soll doch nicht das Niedrigere an uns in
verkehrter und schimpflicher Weise über das Höhere herrschen oder
dieses dem Niedrigeren untertan sein! Darf doch das Laster nicht unsere
Seele meistern. Darf doch das nicht zum Knechte werden, was als
Gebieter auftreten soll.
6. So sei sich also das Volk Gottes bewußt, daß es durch Christus
neugeschaffen ist! Mit Aufmerksamkeit frage es sich, von wem es
aufgenommen wurde und wen es selhst aufgenommen hat! Was neu geworden
ist, darf nicht mehr zur alten Unbeständigkeit zuriickkehren! Und wer
die Hand an den Pflug gelegt hat ( Luk. 9,62) , der soll auch sein Werk
vollenden! Auf seine Aussaat richte er sein Augenmerk und nicht auf
das, was hinter ihm liegtl Niemand möge in die alte Lage zurückfallen,
von der er auferstanden ist! Und wenn jemand infolge der Schwäche des
Fleisches immer noch an einzelnen Gebrechen krank darnieder liegt, so
muß er unablässig nach Gesundung und Befreiung trachten. Nur dann
befindet man sich auf dem Wege des Heiles, nur dann nimmt man sich die
mit Christus begonnene Auferstehung zum Vorbild, wenn der Wanderer
seine Schritte statt auf schwankenden Grund auf festen Boden setzt, da
auf den schlüpfrigen Pfaden dieses Lebens Sturz und Fall nicht
ausbleiben. Darum steht auch geschrieben: "Vom Herrn werden die
Schritte des Menschen geleitet, und er ist gnädig seinem Wege. Wenn der
Gerechte fällt, wird er keinen Schaden nehmen; denn der Herr legt seine
Hand unter ihn." (Ps. 36 (37) 23f.)
Solche Betrachtungen sollen wir, Geliebteste, nicht nur aus Anlaß des
Osterfestes, sondern immer wieder anstellen, um unser ganzes Leben
dadurch zu heiligen! Die frommen Übungen dieser Tage müssen das als
Endziel anstreben, daß sie bei den Gläubigen, die sich ihnen für kurze
Zeit so gerne unterzogen haben, zur Gewohnheit werden und stets
ungeschwächt fortdauern, daß alle Mängel, die etwa dabei unterlaufen
sind, durch schnelle Buße getilgt werden. Und weil es schwer ist und
lange dauert, eingewurzelte Krankheiten zu beseitigen, so wollen wir um
so schneller zu den Heilmitteln greifen, je frischer die Wunden sind!
Dann werden wir stets von jeder Sünde wieder genesen und würdig werden,
zu der verheißenen Auferstehung und Verklärung des Fleisches zu
gelangen durch Christus Jesus, unseren Herrn, der mit dem Vater und dem
Heiligen Geiste lebt und waltet in Ewigkeit. Amen.
(Leo der Große, Sermo LXXI - 1. Osterpredigt - in: "Bibliothek der Kirchenväter" Bd.55, München 1927, S. 190 ff.)
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