53. Jahrgang Nr. 1 / Januar 2023
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1. Zeige mir, Herr, deine Wege, lehre mich deine Pfade!“ (Psalm 5,4)
2. In te Domine speravi (Auf Dich o Herr vertraue ich) Psalm 31, 2
3. Gegen eine Politik der Illusionen und die Diktatur des Schwachsinns
4. Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf
5. Von der Inflation zur Liquidierung
6. Leserzuschrift von + Elija
7. Die „taz“ bricht wieder ein Tabu: Sex mit Tieren soll salonfähig gemacht werden
8. Was uns verschwiegen wird
9. Die Ignorierung der Impfschäden
10. Buchbesprechungen:
11. Nachrichten, Nachrichten, Nachrichten...
12. Mitteilungen der Redaktion
Aufbruch in unbekannte Fernen
 
Aufbruch in unbekannte Fernen
Sebastian Englert - der ungekrönte König der Osterinsel (Heyerdahl)

von
Magdalena S. Gmehling

Auf meinem Schreibtisch steht ein Moai. Es handelt sich um eine etwa 25cm hohe Nachbildung jener weltbekannten kolossalen Steinstatuen, die auf der Osterinsel zu finden sind. Dienten sie der Ahnenverehrung? Stellen sie verdienstvolle Häuptlinge dar? Man rätselt heute noch, wann genau sie errichtet wurden, welchen Zweck sie erfüllten. Ein Bayer, welcher von den vielen hundert Figuren der längst erloschenen Inselkultur lebenslang fasziniert war, stammte aus dem schwäbischen Dillingen.
Anton Franz Englert wurde am 17. November 1888 als Sohn eines Altphilologen geboren. Er hatte 16 Geschwister. Der Vater wirkte als Professor und Oberstudiendirektor in Eichstätt und Dillingen. Eine ungewöhnliche Sprachbegabung war dem jungen Mann sozusagen in die Wiege gelegt. Schon während seiner Gymnasialzeit vertiefte er sich jede freie Minute in Sprachstudien. In Dillingen studierte er Theologie, trat in den Kapuzinerorden ein und erhielt den Namen Sebastian. Während des 1. Weltkriegs wirkte er als Feldgeistlicher. Doch bald konnte ihn nichts mehr in  der Heimat halten. Sein Interesse für unbekannte Länder und fremde Sprachen ließ in ihm den Entschluss reifen, sich für die kulturelle Entwicklungsarbeit zur Verfügung zu stellen und als Missionar in den Indianergebieten Chiles zu wirken. 1922 verließ Pater Sebastian für immer den alten Kontinent. Hatte er schon als Student Latein, Altgriechisch, Hebräisch, Englisch, Französisch und Italienisch gelernt, so bewältigte er in wenigen Monaten die Anfangsschwierigkeiten des Spanischen und machte sich mit der Mapuche-Sprache der araukanischen Indianer bekannt. Wie erfolgreich er war, belegt die Tatsache, dass er in den dreißiger Jahren von der chilenischen Regierung gebeten wurde an der Universität in Santiago Vorlesungen über das Mapuche zu halten. Pater Sebastian betätigte sich als vergleichender Sprachwissenschaftler. Er beschränkte sich bei seinen Forschungen nicht nur auf Gram-matik, Wortschatz und Sprachgebrauch sondern bezog andere Eingeborenensprachen in seine Arbeit ein. So wurde er 1935 in eine wissenschaftliche Studienkommision berufen, die auf der Osterinsel die eigenständige Rapanui-Sprache studieren sollte. Die Osterinsel (Isla de Pasqua) ist eine abgelegene vulkanische Insel Polynesiens im Südostpazifik. Politisch gehört sie zu Chile. Berühmt sind die archäologischen Stätten mit den fast 1000 Moai. Die Steinfiguren mit den überdimensionalen Köpfen wurden vermutlich zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert gefertigt. Viele stehen auf Plattformen den sogenannten „Ahus“. Entdeckt wurde die Isla de Pasqua oder Rapa Nui, wie sie in der Eingeborenensprache heißt, am Osterfest des Jahres 1722 durch den holländischen Admiral Roggeveen.
Pater Englert war von den Geheimnissen der Vergangenheit fasziniert. Die längst erloschene Inselkultur weckte sein lebhaftes Interesse. Auch bedrückte ihn die religiöse Verlassenheit der priesterlosen Indianer. So erwirkte er von seinen Ordensoberen die Erlaubnis, als Pfarrer für immer auf dem rätselhaften Eiland zu bleiben. Dieser Entschluss bedeutete eine freiwillige Totalisolation und eine Art Rückkehr in die Steinzeit. Es gab kaum Kontakte zur Außenwelt und zu den Weltereignissen. Die abgelegene Insel wurde damals nur einmal jährlich von einem chilenischen Kriegsschiff angefahren. Erst sehr viel später entstand ein kleiner Flugplatz.
Pater Sebastian war ein energischer, zielbewusster, zäher und hochintelligenter Mensch. Es gelang ihm, die Eingeborenen, welche vagen Göttervorstellungen und abergläubischen Praktiken anhingen, zu eifrigen Christen zu erziehen. Klug vermied er es, ihnen die noch vorhandenen Reste der schon fast ausgestorbenen Inselkultur zu nehmen. Sein Erfindungsreichtum und sein Organisationstalent trugen reiche Früchte.
Mit derselben Gründlichkeit mit welcher der Pater einst die Mapuche-Sprache erforscht hatte, ging er nun an die wissenschaftliche Darstellung und Auswertung des Rapanui heran. Er verfasste ein Lexikon mit 7000 verschiedenen Wörtern, erstellte eine Grammatik und beschäftigte sich mit den weltberühmten uralten Schrifttafeln der Osterinsel, den sogenannten „rongo-rongo“. Englert betätigte sich nicht nur als Linguist. Er sammelte bei den Eingeborenen die Berichte über die Geschichte der Osterinsel, trug Kultgegenstände zusammen und katalogisierte 638 der steinernen Statuen. Der gelehrte Kapuziner beschäftigte sich auch mit der ethnologisch bedeutsamen Frage, ob die Urbewohner der Osterinsel aus Südamerika oder aus Polynesien gekommen seien. Er stellte Stammbäume auf und veröffentlichte seine Forschungen wiederholt in Büchern. 1948 erschien sein bedeutendstes Werk in spanischer Sprache: „La Tiera de Hotu Matua-Historia, Etnologia y Lengua de Isla de Pascua“ (Das Land Hotu Matuas-Geschichte, Ethnologie und Sprache der Osterinsel). In Spanisch und Rapanui schrieb er ferner ein Buch über die Traditionen der Eingeborenen.
Zu einer denkwürdigen Begegnung kam es im Jahr 1955. Ein weltbekannter Norweger, der Archäologe, Ethnologe, Anthropologe und Umweltaktivist Thor Heyerdahl besuchte die Osterinsel, um die These zu erhärten, dass es auch von Südamerika aus dorthin eine Einwanderungswelle gegeben haben müsse. In seinem Buch „Aku-Aku“ nennt er Pater Sebastian nicht nur den „ungekrönten König der Osterinsel“, sondern bezeichnet ihn auch als die „größte Persönlichkeit“ der er je im Leben begegnete.
„Als wir auf dem Uferplateau über der Landungsstelle ankamen, war alles schwarz von Eingeborenen. Unter ihnen ragte eine einsame weiße Gestalt in flatterndem Gewand hervor. Ich wusste sofort, wen ich vor mir hatte: den mächtigsten Mann auf der ganzen Insel, Pater Sebastian Englert ... Habe man ihn zum Freund, so öffneten sich alle Türen, aber Gnade dem, der ihm nicht gefalle. So hatte man mich gewarnt. Vor dem Hintergrund eines tiefblauen Himmels stand er nun breitschultrig und aufrecht vor mir, in seiner weißen Kutte, einen Strick um den Leib. Darunter trug er große blanke Stiefel. Barhäuptig mit zurückgeworfener Mähne und wallendem Bart glich er einem Apostel oder Propheten. Ich sah in ein vom Wind gerötetes Gesicht mit forschenden Augen und klugen Lachfältchen und streckte ihm die Hand entgegen. Willkommen auf meiner Insel! waren seine ersten Worte. Ich merkte wohl, die Betonung lag auf meiner. Ja ich sage immer meine Insel setzte er hinzu und lachte über das ganze Gesicht, denn ich weiß, dass sie mein ist, und ich würde sie nicht für Millionen hergeben! Ich versicherte ihm, dass wir dafür Verständnis hätten und gern bereit seien, uns unter seinem Oberkommando einzurichten. Da lachte er wieder. Mögen sie Eingeborene? fragte er plötzlich und sah mich forschend an. Je ursprünglicher sie sind, desto lieber sind sie mir, antwortete ich. Sein Gesicht leuchtete auf. Dann können wir Freunde werden.“ (1) Den katholischen Priester und den protestantischen Wissenschaftler verband künftig neben wissenschaftlichem Interesse auch eine tiefe menschliche Zuneigung.
Pater Sebastian Englert verstarb am 13. November 1968 während einer Vortragsreise in den Vereinigten Staaten. Mit einer chilenischen Sondermaschine wurde seine sterbliche Hülle zurück auf die Osterinsel geflogen, wo er in Hangaroa neben der Kirche ein feierliches Staatsbegräbnis erhielt.

(1) zitiert nach Weichslgarntner: Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen. 1970
 
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