48. Jahrgang Nr. 3 / August 2018
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1. Hoffnung tanken
2. Leserbrief
3. Der Prüfer der Früchte
4. 'Pro Familia' im Visier des Rechnungshofes
5. Im Eiltempo vom Abseits ins Aus
6. Kampf der Kulturen
7. Buchbesprechungen:
8. Religion und Tyrannis
9. Kampf der 'political correctness'
10. Die Heiligen ... sind Rentner
11. Maria, in den Himmel aufgenommen
12. 100 Jahre Antimodernisteneid
13. Von Gottes Barmherzigkeit
14. Das Lächeln des Dalai Lama... und was dahintersteckt
15. Mitteilungen der Redaktion - wichtige Hinweise
Religion und Tyrannis
 
Religion und Tyrannis

von
Erik v. Kuehnelt-Leddhin
(* 31. Juli 1909; † 26. Mai 1999)

I.

In diesem Jahrhundert haben wir das furchtbare Schauspiel heidnischer ideologisch ausgerichteter Tyranneien erlebt: zwei davon in Europa, im Deutschen und im Russischen Reich, andere in China, Vietnam, Kambodscha wie auch in der Karibik und selbst in Afrika. Diese moderne Tyrannis hatte einen sich wissenschaftlich gebärdenden Charakter, einen vorwiegend biologischen bei uns, einen soziologisch-ökonomischen im Osten. In diesen beiden Fällen brachen neu-heidnische Ideologien in einen religiös weitgehend verdünnten Raum ein, und sie verfolgten demgemäß auch die Christen, vor allem aber die Christen der vorreformatorischen Kirchen. Sie trachteten dabei das geistig-seelische Vakuum Europas total auszufüllen.

Der Mensch ist nun einmal im Gegensatz zum Tier ein "geistiges" Wesen, und unter "Geist" verstehen wir im Deutschen ein mixtum compositum von Gefühl, Vernunft und Verstand. Tatsächlich ist es so, daß sich die Religion an den menschlichen Geist wendet und nur am Rande an den Körper. Die Worte "geistig" und "geistlich" sind nicht umsonst verwandt. Der zumindest halbwegs "abgerundete" und nicht geistig verkrüppelte oder schwer verwundete Mensch ist jedoch nicht nur ein homo religiosus, sondern, wenn auch nur sekundär, ein "ideologisches" Wesen.

Ist er aber letzteres wirklich? Leider wird der Begriff der Ideologie (der nunmehr den Terminus "Weltanschauung" national und international ersetzt hat) sehr oft allzu eng ausgelegt. Im alten, noch brauchbaren Brockhaus (1969) figuriert die Ideologie als "die Gesamtheit der von einer Bewegung, einer Gesellschaftsgruppe oder einer Kultur hervorgebrachten Denksysteme, Wertungen, geistigen Grundvorstellungen", doch nachträglich (im heutigen Sprachgebrauch) auch als "im spezifischen Sinn künstlich geschaffenes Ideensystem".

Es gibt eben eine ganze Reihe von Ideologien verschiedenster Qualität, über die man genau so wenig Pauschalurteile abgeben kann, wie über Religionen. Je näher uns ein Glaube steht, desto wahrer und besser ist er auch. Es wäre daher völlig falsch, die Ostkirche in dieselbe Kategorie zu versetzen wie die der Baptisten, der anderen Monotheisten oder gar der heidnischen Religionen. Aber auch zwischen diesen gibt es Wertunterschiedlichkeiten. Der Glaube der (nunmehr ausgerotteten) Thuggies oder der Moloch-Kult der Phoenizier waren ja auch Religionen, vielleicht sogar satanischen Charakters. Doch auch die Ideologien kann man nicht alle in denselben Topf werfen und diese haben auch wiederum zu Religionen oft spezifische Affinitäten: so zum Beispiel die liberale Demokratie (nach Erik Voegelin eine "gnostische Ideologie") zum Glauben der Society of Friends, dem Quäkertum.

Nun aber gibt es eine ganze Reihe eher rechtsdralliger Politikwissenschaftler, die allen Ideologien einen Zwangsjackencharakter und damit auch einen religionsfeindlichen Affekt zuschreiben. Sie nehmen an, daß Ideologie und Glaube, vor allem mit dem christlichen Glauben, unvereinbar sind (zu dieser "Schule" gehören auch die amerikanischen Konservativen). Für viele Ideologien trifft dies gewiß zu, wie zum Beispiel für den rassistischen Nationalsozialismus und den marxistischen Internationalsozialismus, während manche Ideologie mit Religionen sogar Synthesen eingehen können oder auch ein spezifisch religiöses Fundament besitzen. Andererseits kann aber eine Ideologie als "Existenzerfüllung" auch Religionsersatz sein oder werden, und wenn sie tatsächlich einen Zwangsjackencharakter haben, kommt es automatisch zum Zusammenstoß. Es gibt aber auch Ideologien, die mit bequemen Anzügen oder selbst mit losen Mänteln verglichen werden können.

Was die (manchmal auch fanatischen) Anti-Ideologisten nicht einsehen wollen, ist jedoch der Umstand, daß der Mensch nun einmal eine ideologische Kreatur ist und auch der reife Mensch einer Ideologie ("Weltanschauung") nur unter außerordentlichen Umständen entgehen kann. Man lade den erstbesten Passanten auf der nächsten Straßenecke ein, lege ihn auf eine Couch und frage ihn wie ein Psychoanalytiker methodisch nach seinen Überzeugungen, Überlegungen, nach seinem Geschmack und seinen Gefühlen aus. Das Gehörte zeichne man auf. In kürzester Zeit werden dann die ungefähren Umrisse einer Ideologie auftauchen, die aber freilich recht profillos sein mag, an inneren Widersprüchen leidet und sich als allen möglichen Einflüssen ausgesetzt erweist - religiösen, nationalen, kulturellen, soziologischen, zeitlichen, wirtschaftlichen, politischen und dergleichen mehr.

Ideologie und Religion ("Weltanschauung" und "Glaube") haben drei Dinge gemeinsam: sie stellen Überzeugungen dar, sie beinhalten Verhaltensmaßregeln und sie erklären irdische Sachverhalte. Hingegen hat eine wirkliche Religion Transzendenz (deshalb ist auch der Religionscharakter des reinen Buddhismus in Frage gestellt worden), sie erhebt einen göttlich sanktionierten Wahrheitsanspruch und mag auch als Grundlage oder Inspiration einer Ideologie dienen, während umgekehrt eine Ideologie ("Weltanschauung") nicht der Ursprung einer Religion sein kann. Eine Ideologie ist offenkundig ein rein menschliches und kein göttliches Produkt. (Das mag natürlich auch bei einer Religion teilweise oder auch völlig der Fall sein, nur kann sie dies nicht zugeben.)

Man sollte sich hier aber auch vor Augen halten, daß wir nie vom "Katholizismus" reden sollten. Ich vermeide dies strikt, denn wir vertreten keinen "Ismus", wie es Ideologien eben tun. Schon Metternicht hatte in einem Brief einmal dagegen protestiert und Papst Pius XII. hat sich am 10. Internationalen Historikerkongreß in Rom gegen diesen Terminus ausgesprochen. Der "Große Herder" (Band V.) verriet uns, daß dieses schlechte Wort dem Ausdruck "Protestantismus" nachgebildet wurde!

Es gibt freilich auch Lebensbezirke, deren Charakter von der Religion oder vom Glauben nicht eindeutig gestaltet werden, denn der reife, gesunde und intelligente Mensch ist nun einmal sowohl homo religiosus als auch, wie wohl in geringerem Ausmaß, homo ideologicus. Es gibt eben auch Menschen, die vom Glauben derartig erfüllt sind, daß ihre Weltanschauung daneben völlig verblaßt. So sollte man sich über eine "Ideologie" des heiligen Johannes vom Kreuz wohl keine Gedanken machen!

Wir kommen bei dieser Betrachtung doch in die unmittelbare Nähe einer Analogie mit dem längst veralteten zweiarmigen Thermometer, wie sie von Juan Maria Donoso Cortés in seiner berühmten Rede vom 4. Januar 1849 symbolhaft verwendet wurde. Er sagte, daß wenn auf dem religiösen Arm die Flüssigkeit steige, diese auf dem politischen Arm sinke - und umgekehrt. Dies ist auch zweifellos der Fall. Nun mag man einwenden, daß Politik und Ideologie nicht unbedingt identisch sind, doch alle Ideologien, die wir kennen, sind nun einmal politisch, weil sie primär einen weltlichen, echte Religionen hingegen einen übernatürlichen Charakter haben. Der irreligiöse Mensch kann seine Hoffnungen nur auf das Irdische konzentrieren und dazu versuchen die meisten Ideologien ihm einen Schlüssel zu geben und überdies noch als Ziel - anstelle des Himmels - ein irdisches Paradies in Form einer Utopie. (Aber da müssen wir in unserer Betrachtung Vorsicht üben, denn ein Outopos kann ein reales Ziel, eine unter ungeheuren Opfern erkaufte Ordnung oder - wie so oft - eine irdische Unmöglichkeit in der Form eines materialistischen Edens sein. Und das ist höchst gefährlich.) Soviel über die Grundprobleme!

II.

Ein hoher Angestellter des amerikanischen Department of State, also des "Außenministeriums", Mr Francis Fukuyama, schrieb ein Buch mit dem Titel "The End of History". Dessen These ist sehr einfach: jetzt habe die Demokratie überall triumphiert und damit wäre die Geschichte, wie wir sie kennen, an ihr Ende angelangt. Ein Jahr darauf schaffte aber der Präsident von Peru, Fujimori, auch ein Mann japanischer Abstammung, Demokratie und Parlament mit Hilfe des Militärs ab und errichtete - notwendigerweise - eine Diktatur, um die mörderische maoistische Terrororganisation Sendero Luminoso wirksam bekämpfen zu können.

Bedeuten aber freie Wahlen, Gleichheit und Mehrheitsherrschaft politische Permanenz und Solidität? Wie sagte doch der große Schweizer Jacob Burckhardt schon anno 1878? "Seitdem die Politik auf innere Gärungen der Völker gegründet ist, hat alle Sicherheit ein Ende." Und Charles de Gaulle warnte uns: "Kein Volk kann Urlaub von der Geschichte nehmen!"

Nun gibt es drei Wege von der liberalen Demokratie mit dem Mehrparteiensystem zur modernen Tyrannis: ein anarchistischer Zustand, in dem eine revolutionäre Gruppe, zumal auch mit Hilfe einer marodierenden Armee und Flotte alle Macht an sich reißt. So geschah es in Kerenskijs Rußland im November 1917. Ein zweiter Weg wurde von Alexis de Tocqueville beschrieben, der uns vor über 150 Jahren weissagte, daß der Staat in den Demokratien dank der Popularitätshaschereien der Parteien immer weitere Lebensbezirke unter seine Kontrolle bringen würde, hauptsächlich um wahltaktisch erfolgreiche Wohltaten zu erweisen, bis schließlich die Bürger nur mehr fleißige und furchtsame Tierchen wären, die daneben ihren kleinen Vergnügen nachgehen. Das wäre keine schlechte Beschreibung unseres Versorgungsstaates.

Der dritte Weg ist aber jener, den wir bei uns erlebt haben und der uns deswegen hier am meisten interessiert. Plato hat ihn meisterhaft vorausgesagt. (Der Staat, Buch VIII und IX.) Da kommt es in der Volksherrschaft zur Herrschaft des Volksführers, des Demagogós, der tatsächlich ein Volksverführer ist und sich zum Anwalt des "kleinen Mannes" macht. Er tritt nicht nur gegen die "Ausbeuter" auf, sondern gegen alle "außerordentlichen" Leute, nicht nur um jetzt vom Herzen Europas zu sprechen - gegen "jüdische Kapitalisten", sondern auch gegen "blaublütige Schweine", gewisse Intellektuelle und Künstler, Kleriker, Zigeuner und Geistesschwache. Er steht für den "Mann aus der Doppelreihe" mit dem "gesunden Volksempfinden", der sich unter Umständen auch für eine gleichgeschaltete "arteigene Religion" begeistert.

Der Demagogós gehört natürlich einer "Arbeiterpartei" an und vertritt die "Arbeiter der Stirne und der Faust", wenn nicht vielleicht auch die "Werktätigen". Auch in Rußland siegte die RSDAP, die Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei, die erst 1918 auf den Namen "Kommunisten" zurückgriff. Doch während in Rußland die Kommunisten und ihre Mitläufer nie eine Mehrheit hinter sich hatten, denn die Opposition mußte in einem Bürgerkrieg mühsam niedergekämpft werden, war es bei uns anders. Man muß da auch die Sympathisanten dazuzählen. Zur Reglementierung der Massen war jedoch in jedem Fall eine Doktrin, eine Ideologie (Weltanschauung) bitter notwendig. Nur die konnte einen Elan geben. Und damit kommen wir zum Kern unseres Themas: die Wechselwirkung von Ideologie und Religion.

III.

Für den religiösen Menschen ist seine Weltanschauung nur eine Ausstrahlung seines Glaubens, beim weniger religiös gebundenen Menschen kann aber die Ideologie leicht zur Dominante werden, beim Ungläubigen ist sie eben dann, wie wir schon sagten, echter Religionsersatz und die damit verbundene (zumeist völlig irreale) Utopie ein wahres Opium. Bernard Wall sagte sehr richtig: " Utopias are opium for the people! " und Raymond Aron nannte den Marxismus "L'Opium des intellectuels."

Das heißt aber mit anderen Worten, daß der "schwach Glaubende" (der mikros, eis eine pisteuon) und vor allem der Ungläubige für den Ideologismus, d.h. für die Alleinherrschaft der Weltanschauung, bedeutend anfälliger ist als der wahrhaft religiöse Mensch. Stimmt das aber wirklich? Kann man das auch beweisen? Ja, das kann man sehr wohl.

Ich habe mühsamst statistische Landkarten zur Analyse der deutschen Wahlen hergestellt und in jedem Kreis mit Tönungen von schwarz bis weiß den Prozentsatz katholischer Christen und nationalsozialistischer Stimmen im Deutschen Reich eingetragen. Als Grundlage nahm ich die Wahl vom 31. Juli 1932, in der die Braunen ihren höchsten Wählerprozentsatz erreichten. (Die Wahlen im März 1933 sehe ich nicht mehr als völlig frei an, in den Novemberwahlen 1932 bekamen wir den kommunistischen Höchststand - 100 Mandate! - so daß die "Totalitären" zusammen weit über die Hälfte der Stimmen bekamen.)

Diese beiden Karten wirken "photographisch" wie positiv und negativ. Dabei entdeckt man noch andere interessante Einzelheiten. So finden wir die höchsten Anteile an NSDAP-Stimmen, an die 70 Prozent, im südlichen Ostpreußen, also unter den polnischen, aber evangelischen Masuren, die zudem auch verzweifelt ihr "Deutschtum" durch ein national-nationalistisches Votum bekräftigen wollten. Das katholische Herz Ostpreußens, das Ermland, stimmte ganz überwiegend nazifeindlich, was auf der Karte klar ersichtlich ist. Was aber geschah nach dem Krieg? Die "braunen Masuren" blieben auf ihre Höfen, denn sie sprachen doch polnisch, aber die "schwarzen" Ermländer wurden vertrieben, denn sie sprachen deutsch. Vergeblich suchen wir die Gerechtigkeit in der Geschichte.

In welchem Kreis befand sich aber der niedrigste Anteil an Nazi-Stimmen? Im katholischen Aschendorf-Hümmling mit nur zwei Prozent. Doch dieser Kreis zeichnete sich auch durch einen anderen Rekord aus: er hatte die größte deutsche Geburtenziffer.

(Wie war es aber um die kommunistischen Stimmen bestellt? Man fand sie zwar auch massiv im Ruhrgebiet, aber vor allem zwischen Elbe und Oder und anschließend in Thüringen, mit einem Wort in der "Deutschen Demokratischen Republik". Ganz zufällig? Nicht so ganz. In Jalta und Potsdam wußten die Sowjets ganz genau, was sie sich da aus dem Reich geo-politisch herausschnitten.)

Was aber bedeutet die "Gegenidentität" der beiden Karten, die den Konfessionsstand und die braunen Stimmen widerspiegeln? Man darf es sich bei der Auslegung dieser Daten nicht zu leicht machen und einfach sagen, daß Luther der Großvater des Nationalsozialismus sei. Zweifellos - man findet das Material in meinen Büchern - hatte Luther Ansichten, die jenen des Nationalsozialismus sehr nahe standen und Julius Streicher sagte in Nürnberg, daß Luther, wäre er noch am Leben, neben ihm auf der Anklagebank sitzen würde. Aber diese Aussagen Luthers kannte der "Mann auf der Straße" nicht, der in seinem grenzenlosen Unwissen naiv dachte, Luther wäre der Vater der Demokratie, des Liberalismus, der Gleichheit, der Toleranz, der "freien Liebe" und des allgemeinen, geheimen Wahlrechts gewesen. Er weiß nicht, daß bei uns in Europa die Erste Aufklärung die Anschauung der Reformatoren in ihr wahres Gegenteil verkehrt hatte und daß dank des Fehlens einer Lehrautorität die Reformationsbekenntnisse hier sich mit der Trias von Modernität, Mimikry und Mediokrität dem Aion (Welt und Zeitgeist) an den Hals geworfen hatten. (Viel zu viele in unserer Kirche eifern - Römer 12,2 f. vergessend - den Jüngern dieser "Entreformation" blindlings nach!)

Wenn wir also auf den Karten die nichtkatholischen und "vernazten" Kreise betrachten, so sollten wir dabei nicht primär an den evangelischen Glauben, sondern viel eher an das Problem einer religio depopulata denken.

Als dann nach dem fürchterlichen Ende des Dritten Reichs die braunen Massen um ihren weltlichen Glauben gebracht worden waren, wandten sich manche erschüttert wieder christlichen Bekenntnissen zu, die meisten aber zum International-Sozialismus. Das zeigen die Karten über die sozialdemokratischen Direktmandate im November 1972 in der Bundesrepublik. Was braun war, wurde ganz natürlicherweise rot. Nationalsozialisten verwandelten sich in Internationalsozialisten. Auch Hitler hatte nicht nur darauf bestanden, daß Ex-Kommunisten gute Nationalsozialisten abgaben, sondern daß auch die Rotspanier (wie uns Speer verriet) feine Kerle wären und seine Hilfe für Franco ein schwerer Irrtum gewesen war. Schließlich war Hitler auch ein Mann der Linken gewesen, der zusammen mit Stalin den Zweiten Weltkrieg als Kreuzzug der "Habenichtse" begonnen hatte. (Das Hin und Her zwischen Rot und Braun konnte in Österreich genau so beobachtet werden. Im November 1945 siegte die ÖVP mit Leichtigkeit, denn damals durften die NSDAP-Mitglieder nicht zu den Urnen gehen. Erst nach der Aufhebung des Verbots triumphierten die Roten.)

So viel über Braun und Rot. Was aber war mit den Liberaldemokraten geschehen, einem notorisch nichtreligiösen Element? Sie vertraten ein höchst "aufgeklärtes" Bevölkerungssegment von "Gebildeten", religiös schwach und dem philosophischen Relativismus verfallen. Im Jahr 1919 hatte die Demokratische Partei, die spätere Staatspartei, noch 80 Mandate, 1932 nur mehr 5, das Zentrum stieg von 63 auf 71 Sitze, und auch die Bayerische Volkspartei legte ein Mandat zu. Die religiös und ideologisch profilierten Parteien, also Feinde und Konkurrenten der NSDAP, hielten ihren Besitzstand, die traditionellen Nichtwähler und Liberaldemokraten verfielen jedoch der braunen Ideologie. Blutzeugen der Liberaldemokratie? Die gab es nicht. Nun höre ich manchmal, daß "Hitler, Himmler und Goebbels doch Katholiken waren". Schön. Aber das waren auch einmal Luther, Calvin, Zwingli und Heinrich VIII. Apostaten beweisen nichts.

Man sieht da sehr deutlich, daß der Mensch das Verlangen hat, geistig-seelisch erfüllt zu sein - religiös wie auch weltanschaulich - wobei der Akzent auf dem Religiösen liegen sollte. Wenn der religiöse Faktor schrumpft, wächst der ideologisch-politische, der aber schließlich nach einem Monopol strebt und keine anderen "Götter" (auch nicht Gott selbst!) neben sich duldet. Ich kenne "kurierte" Nationalsozialisten, die schmerzhaft von ihren Ideen und Idealen Abschied nehmen mußten, dann aber über ihre innere Leere verzweifelt waren. Wie wunderbar war es doch gewesen, als sie noch begeistert sein konnten, als sie tatsächlich bereit waren, Zeit, Besitz, Gesundheit, ja auch ihr Leben für ihre Ideologie zu opfern! Die wenigen, die zu ihrem Glauben zurückfanden - auch solche gab es - hatten wieder einen Lebenssinn und einen Daseinszweck, aber die anderen standen auf einmal dem Nichts gegenüber. Und das sind heute alte, maulende, verbitterte Menschen, die unser ganzes Mitleid und auch unsere Hilfe verdienen.

IV.

Die Zeiten großen Wohlstands sind dem Geist nicht sehr günstig. Man betet nicht nur weniger, man denkt auch selten, da man in materiellen Genüssen ganz aufgeht und womöglich noch den elektronischen Zerstreuungen frönt. Da haben wir als Mahnung nicht nur die Parabel des Kamels mit dem Nadelöhr, sondern auch das "Plenus venter non studet libenter" - (ein voller Bauch studiert nicht gern).

Was aber geschieht in wirklichen Notzeiten, die gar nicht außergewöhnlich, sondern eigentlich völlig "normale" Zeiten sind? Denken wir doch daran, daß die Menschheit über eine Million Jahre alt ist. Setzen wir diese Zeit nun 12 Stunden gleich, dann herrschte bis 10 Sekunden vor 12 für fast alle Menschen eine "Notzeit". Erst "kürzlich" wurden - nur im Westen! - die meisten unter uns "verwöhnt". Unser lokaler Lebensstandard in der Periode 1953 bis 1993 war eben einzigartig. Das wird so nicht ewig dauern. (1968 hatte einen Großteil der Jugend allerdings der Hafer gestochen, und die jungen Leute glaubten damals, daß ihnen das Leben etwas "schuldete". Der Christ aber weiß, daß er geboren wurde, um zu kämpfen, zu sterben und in das Ewige Leben einzugehen.)

Wenn der Wohlstand verblassen oder gar eine große wirtschaftliche Not hereinbrechen würde, was dann? Dann erscheint im parlamentarisch-parteilichen Rahmenwerk sicherlich wieder ein Demagogós mit einer politischen Heilsbotschaft und utopischen Paradiesvorstellungen. Das Christentum brauchte 300 Jahre zu seinem Durchbruch, aber politischer (und auch religiöser) Blödsinn hat die Neigung, wie Sturmfluten über Nacht hereinzubrechen und die ignoranten, verwirrten, verzweifelten und rückgratlosen Massen erliegen dann allzu leicht der Versuchung. Das Rahmenwerk zu einem neuen Untergang - Meinungsfreiheit, freie Wahlen und die Mehrheitsherrschaft - ist schon wieder vorhanden.

Wie stark aber wird dann noch das religiöse Element sein, um einer ideologischen Zellwucherung (und Zellwucherungen sind sehr gefährliche Krankheiten) widerstehen zu können? Das ist die gewaltige Frage an alle christlichen Glaubensgemeinschaften, eine Frage auf Leben und Tod.

(aus "Theologisches", Jahrgang 24, Nr. 3, März 1994, Col. 127-134)
 
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