50. Jahrgang Nr. 2 / März 2020
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1. DIE THEORIE DER INTERPERSONALITÄT IM SPÄTWERK J.G. FICHTES
2. Einleitung
3. Kapitel I
4. Kapitel II
5. Kapitel II, Forts. 1
6. Kapitel III
7. Kapitel III, Forts. 1
8. Kapitel III, Forts. 2
9. Kapitel III, Forts. 3
10. Kapitel III, Forts. 4
11. Kapitel III, Forts. 5
12. Kapitel III, Forts. 6
13. Kapitel III, Forts. 7
14. Kapitel III, Forts. 8
15. Kapitel III, Forts. 9
16. Kapitel IV
Kapitel III, Forts. 3
 
§  13  Bestimmung der bloßen Denkbedingungen der Interpersonalitätsvorstellung

Um nun die hinsichtlich dieser Bestimmung zu stellende Frage, durch welche begrifflichen Momente denn die faktisch angesetzte Vorstellung fremder Personen konstituiert wird, besser beantworten zu können, rekapituliert Fichte noch einmal die Voraussetzungen, unter denen sich das Ich als Ich begreifen und als freies Prinzip setzen konnte 1). Diese Wiederholung ist deshalb angebracht, weil durch das prinzipielle Selbstbegreifen des eigenen Iches zugleich die Voraussetzungen geschaffen werden, durch die der in der Vorstellung angesetzte Gehalt, die andere Person, die ein "Wesen meines Gleichen ausser mir" sein soll, gedanklich erstellt werden muß. Wenn dieser Begriff tatsächlich auf den vorgestellten Gehalt anwendbar sein soll, dann muß sich das Ich als Ich vollständig im Begriff verobjektivieren, d.h. die Unmittelbarkeit seines prinzipiellen Seins als solche begrifflich darstellen. Denn der Begriff des Ichs soll ja auf Iche anwendbar sein, die objektiv in der Vorstellung gegeben sein sollen. Das eigene Ich soll von sich als realem Prinzip einen allgemeinen Begriff bilden, heißt also, es soll die bedingenden Momente, durch die dieses reale Behaupten erst möglich wird, reflexiv einholen. 

Dieses Setzen war zunächst dadurch bedingt, daß sich das Ich als vorstellendes Prinzip gegeben, bbesser aufgegeben war. "Als bildendes Princip habe ich mich schon, und schaue als solches mich an durch die unmittelbare innere Anschauung der Freiheit." (II, 601) Diese unmittelbare Einschauung in sich als das Prinzip des Vorstellens war die absolute Gegebenheit, durch die vom Ich erst ein unmittelbares Bewußt-Sein seiner selbst als Ich konstituiert wurde. Wie Fichte an einer anderen Stelle sagt, gründet sich "das wirkliche Daseyn eines Ich [...] auf ein absolutes Factum der unmittelbaren Sichanschauung; der Sichanschauung des Wissens nemlich" (II, 604) In diesem Bewußt-Sein kommt das Ich unmittelbar auf sich als freies, vorstellendes Prinzip zurück. 

Neben diesem unmittelbaren Bewußt-Sein des prinzipiellen Frei-Seins besteht aber noch ein anderes, nämlich das Bewußt-Sein der "unmittelbar durch sich selbst beschränkte [n] produktive [n] Bildungskraft", (II, 602) da das Bewußt-Sein von Freiheit nur im Gegensatz zu dem Bewußt-Sein einer Beschränkung gedacht werden kann 2). Neben der unmittelbaren Ungebundenheit der Vorstellung als freie Selbstbestimmbarkeit muß also auch das Bewußt-Sein einer unmittelbaren Gebundenheit bestehen, in der das Vorstellen durch den vorgestellten Gehalt beschränkt wird. Diese Form des Bewußt-Seins deckt genau den Bereich der objektiven Anschauung ab, in den hinein sich das Ich als Prinzip entäußern sollte, um sich als reales Leben der Freiheit behaupten zu können. 3) 

Nun soll der Begriff des Ichs als eines realen Prinzipes gebildet werden; dazu muß es selbst im Bereich der objektiven Vorstellung, d.h. in der äußeren Anschauung erscheinen. Denn nur auf Grund der Anschauung eines solchermaßen erscheinenden Ichs kann im Zusammenhang mit der inneren Anschauung der Begriff eines wirklich objektiven Real-Prinzipes gewonnen werden. Um also den angestrebten Begriff eines Ichs als reales Prinzip bilden zu können, wird gefordert, daß das Ich als sich entäußerndes Prinzip im Bereich der "unmittelbar durch sich selbst beschränkte[n] productive[n] Bildungskraft" (II, 602) vorstellbar sein muß. "Ich versuche auch diese zweite Form an dem auf die erst beschriebene Weise angeschauten Ich, und finde, dass auch durch dieses die productive Einbildungskraft unmittelbar beschränkt werde,
(1) durch dasselbe als materiellen Leib, 
(2) durch die Producte desselben als materiellen Leibes in der materiellen Welt." (II, 602)
Das Ich ist also nicht nur unmittelbar als reines Prinzip, sondern hinsichtlich der Realisierung des freien Darstellungsvermögens auch objektiv anschaubar als produzierendes Prinzip, als Leib, in Zusammenhang mit den gewirkten Produkten, an die sich nach ihrem Entstehen unmittelbar das Bewußt-Sein einer Beschränkung knüpft. Auf dieser anschaulichen Grundlage kann das Ich einen Begriff von sich als realem Prinzip gewinnen, der objektiv gültigen Charakter zu beanspruchen vermag.

Doch bleibt dieser Begriff des Ichs, der sich auf die Synthesis von innerer und äußerer Selbstanschauung gründet, notwendig auf die Unmittelbarkeit des eigenen Ichs in der unmittelbaren, inneren Anschauung bezogen. Da es aber hier darum geht, den Begriff eines fremden Ichs zu erstellen, das - laut der gemachten Voraussetzung -, als objektiver Gehalt in der Vorstellung erscheinen soll, so ist es notwendig, von allen subjektiven Anschauungsbedingungen abzusehen und für diese Begriffsbildung nur Anschauungsmomente zuzulassen, die objektiv zu gewinnen sind. Fichtes Frage ist darum vollauf berechtigt: "Habe ich nun das Ich vollkommen entäussert, durch Denken aus der unmittelbar inneren Anschauung heraus und in die Region der äusseren Wahrnehmung gestellt? Ja und nein. Die körperliche Darstellung des Ich und die Wirksamkeit desselben in der materiellen Welt sind entäussert: aber die Selbstbestimmung zu dieser Wirksamkeit, der Begriff und Plan, nach welchem diese einhergeht, bleiben bloss und lediglich Gegenstand der inneren Anschauung, und insofern ist das Ich nicht entäussert." (II, 602) Da aber der materielle Leib als objektiv produzierendes Prinzip und die Produkte der Wirksamkeit nur als Veräußerungsprinzip und Veräußerungen der Freiheit verstanden werden, wenn zugleich um das sie setzende, unmittelbare Prinzip gewußt wird, ist der Begriff eines objektiven, fremden Ichs als reales Prinzip durch die Selbstreflexion des eigenen Ichs als Ich noch keineswegs gefunden. Denn ohne die Möglichkeit, um die Produkte der Wirksamkeit als freie Veräußerungen und um den Leib als veräußerndes Prinzip einer unmittelbaren Freiheit wissen zu können, bleiben die Vorstellungen des Leibes und der Produkte der Wirksamkeit nur faktische Naturerscheinungen, da "die Wirksamkeit als das Aeussere, durch die Selbstbestimmung und den Begriff, als das Innere, bedingt" (II, 602) ist 4). Der Begriff eines Ichs als reales Prinzip kommt weder durch die blosse äussere Anschauung oder das productive Denken, noch [...] durch die blosse innere Anschauung zu Stande, sondern nur durch eine absolut unzertrennliche Synthesis beider." (II, 602) Soll darum ein Begriff eines fremden Ichs gebildet werden, dann muß neben den äußeren Erscheinungsbedingungen eines Ichs auch um das diese objektiven Äußerungen setzende, fremde Prinzip gewußt werden können und die anschaulichen Bedingungen dieses Wissens müssen sich nachweisen lassen. 

Fichte geht nun in seiner Darstelllung der Interpersonalität so vor, daß er zunächst vom Nachweis der das Wissen um das unmittelbare Prinzip-Sein eines anderen Ichs begründenden, anschaulichen Momente absieht, da er die wirkliche Existenz anderer Iche als faktische Gegebenheit in der Vorstellung voraussetzt und unter dieser Annahme den Begriff eines anderen Iches durch bloßes Konstruieren im Denken entfaltet. Doch wird schließlich zu zeigen sein, daß die erstellte, gedankliche Konstruktion nur dann wahre Erkenntniswirklichkeit besitzen kann, wenn die hypothetische Voraussetzung selbst im Wissen eingeholt ist, d.h. wenn die rein gedankliche Begriffsbildung eine wirkliche Fundierung durch und in der Anschauung erhalten hat. 

Um diese gedankliche Konstruktion durchführen zu können, muß Fichte über die Unmittelbarkeit der inneren Anschauung eines bestimmten (konzipierenden) Subjekts hinausgehen und die Bildung des Begriffs eines Ichs überhaupt durch bloß gedankliches Objektivieren aufzeigen. In dieser Hinsicht verläßt das Ich den Boden der realen Anschauung, der Synthesis aus innerer und äußerer Selbstanschauung, und erstellt durch bloßes Denken den Begriff eines objektiven Ichs, das seinerseits in dieser Konstruktion als unzertrennliche Synthesis aus den beiden gezeigten Anschauungsbereichen gedacht werden soll. Darum gilt es zu zeigen, "ob ich nicht [..] das Ich gerade so, wie es in der Synthesis vorkommt, aus innerer und äusserer Selbstanschauung zusammengesetzt, durch  productives Denken ganz aus der jetzt vorhandenen inneren Anschauung herausbringen könne, ob ich es nicht in das rein ursprüngliche Denken fassen könne, wodurch, als durch ein absolutes Herausgehen aus dem Inneren, es von dieser gegebenen inneren Anschauung ganz abgelöst würde". (II,602) Das in diesem Denken zu erstellende Ich erhielte dadurch, da es seinerseits wiederum als selbständiges Prinzip vorgestellt werden müßte, in einer durch das bloße Denken absolut verobjektivierten Form "ein durchaus eigenthümliches und auf sich selbst beruhendes Seyn", (II, 602) wodurch es für das konzipierende bestimmte Subjekt gegenüber dessen in der inneren Anschauung erzeugten Ich zum "wahren Nicht-Ich" (II, 602), d.i. Anderem, Höherem, als mein Ich, würde, "ohnerachtet es in und für sich selbst freilich ein Ich seyn würde, indem es ja also gedacht worden." (II, 603) Im Gegensatz zum Denken des eigenen Ichs, das sich in seiner Selbstreflexion auf die unmittelbare, innere Anschauung berufen kann, soll hier durch rein gedankliches Verobjektivieren der zunächst unmittlbar gebildeten Vorstellung der Begriff eines Ichs objektiv erstellt werden. 

Dieser objektivierte Begriff eines Ichs, der lediglich im Denken mit Hilfe der freien Einbildungskraft konstruiert werden soll, kann nur dadurch gebildet werden, daß sich der Begriff eines Ichs als Begriff verabsolutiert und den zunächst unmittelbar erstellten Begriff des Ichs, der als gebildet notwendig vorausgesetzt werden muß, wenn sich das Ich als freies Prinzip realisieren will, radikal verallgemeinert. Da der Begriff nicht notwendig Begriff des wahren Seins sein muß, kann die bloße Einbildungskraft, unabhängig von der realen Gegebenheit einer Sache, Vorstellungen frei produzieren. 5) Ein solcher, durch die freie Einbildungskraft erstellter, losgelöster Begriff eines Ichs wird dadurch gebildet, daß das Denken als Denken absolut über die das Denken des Ichs als reales Prinzip ursprünglich begrenzende, innere Anschauung des bestimmten Ichs hinausgeht und seinen Begriff durch freie Konstruktion im bloßen Denken hält, wodurch dieser das vorher geforderte "eigenthümliche [...] und auf sich selbst beruhende [...] Seyn bekäme". (II,602)

Soweit bisher entfaltet, kann das vorstellende Ich diesen notwendig zu bildenden Begriff eines fremden Ichs nur durch eine solch freie Konstruktion seines Denkens erzeugen, da für die Begriffsbildung eines objektiv erscheinenden Ichs bisher die eigentliche Grundlegung dafür in der Anschauung fehlt. Auf diese Weise kann der Begriff eines Ichs nicht nur objektiv erzeugt werden, sondern er muß es sogar, wenn ein vorzustellndes Faktum, als fremdes Ich begriffen werden soll. Das zu eruierende Faktum eines fremden Ichs kann vorerst nur dadurch begriffen werden, daß ihm ein in dieser Weise gebildeter Begriff eines Ichs hinterstellt wird. Eine solche Begriffskonstruktion ist also nicht nur möglich, sondern im vorliegenden Falle auch notwendig. Fichte formuliert diesen Gedankengang folgendermaßen: "Ich versuche es [sc. das rein begriffliche Konstruieren eines Ichs], und finde, dass ich dies nicht nur kann, sondern dass ich es auch muss. Die productive Einbildungskraft findet im Versuche eines solchen Denkens sich genöthiget, es zu realisiren, d.i. sie findet sich beschränkt durch das Seyn solcher äusserer Iche, und zwar, wie dies aus der ursprünglichen Form [der Bildungskraft hervorgeht, ins Unendliche möglicher Iche. Das Ich muss durch Denken entäussert werden, und es kann durch Denken entäussert werden, ins Unendliche." (II, 603)

Aus dieser Sachlage, nämlich ohne Bezug zu einer gegebenen Anschauung den Begriff eines objektiven Ichs nur durch gedankliches Konstruieren zu erstellen, ergibt sich aber auch, wie Fichte zeigt, die Schwierigkeit, daß zwar mit Bezug auf die zu begreifende Vorstellung fremder Iche eine solche Konstruktion, die in sich die Möglichkeit einer unendlichen Vielfalt von existierenden Ichen birgt, notwendig vollzogen werden muß, daß aber ohne ein diese Konstruktion begrenzendes Prinzip nicht gesagt werden kann, wann dieser so gebildete Begriff eines fremden Ichs in der Wirklichkeit angewendet wird. Denn die Wirklichkeit ist nicht zu begreifen als nur mögliche Bestimmtheit, sondern nur als bestimmte Bestimmtheit.

Das hier aufgeworfene Problem wird aber vorerst von Fichte nicht weiter erörtert; vielmehr wird nun der solchermaßen erstellte Begriff eines objektiven Ichs eingehend, sowohl formal als auch inhaltlich erläutert.

In formaler Hinsicht läßt sich von diesem Denken, in dem der Begriff eines Ichs nur durch freies Einbilden erzeugt wird, folgendes sagen: Im Gegennatz zu dem zufolge der inneren Anschauung gebildeten Begriff des eigenen Ichs bleibt dieser bloß konstruierte Begriff eines objektiven Ichs außer dem eigenen, unmittelbar sich selbst vorstellenden Ich zunächst ohne eigentliche Begründung seiner Realität, d.h. es fehlt der Nachweis, daß ihm ein Sein in der Wirklichkeit zukommt 6). "Für das Denken eines Ich ausser dem Ich der unmittelbaren inneren Anschauung haben wir keine Bedingung angegeben, wir haben es hingestellt als ein absolutes Factum. Es ist darum dieses Denken hier wenigstens eine durchaus unbedingte Bestimmung des reinen und absoluten Denkens, es wird also gedacht, weil eben gedacht wird, und das Denken selbst führt dieses besondere Denken bei sich." (II. 603)

Da der objektive Begriff des Ichs, abgelöst von der inneren Anschauung nur durch freies Konstruieren des Denkens selbst gebildet wird, wodurch dieses den individuellen Horizont, in dem es erstellt wird, übersteigt, kann dieses Denken überdies auch nicht mehr nur als Ausdruck des Ichs als Individuum angesehen werden. Denn der hinsichtlich der zu rekonstruierenden Interpersonalvorstellung zu bildende Begriff des reinen Ichs muß allgemein sein, so daß er alles Denken eines rein Individuellen überschreitet, um erst dadurch das einzelne Ich als Individuum, als Ausgliederung des Einen Lebens, als welche sich auch das eigene Ich denken muß, begreifen zu können. "Man kann nicht sagen: ich denke (bringe denkend hervor) andere Iche, sondern vielmehr: das allgemeine und absolute Denken denkt (bringt denkend hervor) die anderen Iche und mich selbst unter ihnen." (II, 603) Wenn diesem Denken aber, das hier zunächst nur als willkürliche Äußerung erscheint, wirkliche Erkenntnisbedeutung zukommen soll, dann darf es nicht nur als "absolutes Factum" (II, 603) hingestellt werden, sondern muß noch begründet werden. 

Nach dieser allgemeinen Darstellung der Form jenes Denkens geht Fichte zu seiner inhaltlichen Bestimmung über. 

Diese inhaltliche Bestimmung des im Denken objektivierten Ichs ist jedoch leicht zu verstehen, da sie durch frühere Ausführungen schon geleistet worden ist. Da das objektive Ich ein "Wesen meines Gleichen" (II, 600) sein soll, müssen sich die am eigenen Ich gebildeten Bestimmungen auf dieses im bloßen Denken gebildeten Ich anwenden lassen 7). "Das Ich, ganz so wie es oben durch absolute Synthesis der inneren und äusseren Anschauung und als vereinigender Mittelpunct der beiden zu Stande kam, wird absolut gedacht" (II, 604), nämlich als absolutes Leben der Freiheit, das als solches unabhängig von dem es bildenden Begriff seiend vorgestellt werden muß 8). "Also das gedachte Ich erhält innerlich seine unmittelbare Selbstanschauung, sein Vermögen der Begriffe, der Selbstbestimmung u.s.w., äusserlich einen materiellen organisirten Leib, und mögliche Causalität in der materiellen Welt, ebenso wie das erste Ich, von dem wir in der inneren Anschauung ausgehen, alles Dieses hat." (II, 604) Da in dieser inhaltlichen Bestimmung des objektiven Ichs nur frühere Ergebnisse rekapituliert werden, beschränkt sich Fichte auf die Nennung der wesentlichsten Konstitutiva, durch die sich ein Ich als reales Prinzip setzt.

Entscheidend bei diesem Gedanken ist folgendes: Das im bloßen Denken erfaßte, objektive Ich soll als unmittelbares Setzen seiner selbst, als eigenständiges Leben der Freiheit vorgestellt werden. Ein solches Setzen kommt jedoch nur durch das tatsächliche Setzen eines Ichs zustande; d.h. das angesetzte, vom konzipierenden Subjekte im bloßen Denken gehaltene, objektive Ich muß seinem eigentlichen Sein nach unabhängig vom gedanklichen Erfassen dieses Seins vorgestellt werden. Wenn dem bloßen Denken eines objektiven Ich Erkenntniswirklichkeit zukommen soll, die es noch nachzuweisen gälte, die aber von Fichte ausdrücklich gefordert ist 9), dann kann dieses objektive Ich nur als Gesetzt-Sein einer Freiheit gedacht werden, die sich unmittelbar in sich selbst als eigenständiges Prinzip vollzieht. Denn wenn dem Ich außer dem eigenen Ich tatsächlich Realität beigemessen werden kann, wie dies in dem erstellten Gedanken eines objektiven Ichs gefordert ist, dann muß dieses Ich auch unmittelbarer Grund seiner selbst sein, der sich in seiner Selbständigkeit auch entäußern kann. Es wird also im Denken einer anderen Person für diese als real existierendes Wesen eine Unbedingtheit im Setzen behauptet, die, weil sie wirkliche Unbedingtheit ist, nicht durch das Begreifen dieser Unbedingtheit bedingt sein kann 10). Dieses Denken erstellt also einen Begriff - den Begriff eines anderen Ichs -, von dessen Inhalt es positiv weiß, daß es ihn weder selbst erzeugen kann, noch soll, denn dann könnte bei diesem "Ich" nicht mehr von einem Prinzip die Rede sein, das durch eigenständiges, unmittelbares Setzen seiner selbst existiert. 

An dieser Stelle, an der die Eigenständigkeit der im Denken gebildeten Iche, und damit zugleich eine Pluralität von Ichen behauptet wird, zu der sich auch das eigene, vorstellende Ich rechnen muß, weshalb es sich nicht mehr als singuläres Leben der Freiheit setzen kann, ist es wichtig, den eigentlichen Unterschied zwischen den verschiedenen Ichen zu erklären. Es ist zu erklären, wodurch sich das Ich zum bestimmten, individuellen Ich macht und sich von anderen Individuen unterscheidet. Denn trotz der durch das Denken erstellten Begriffs-Einheit der Iche, also einer gedanklichen Einheit, in und durch die sich alle Iche als Ich überhaupt begreifen können, durch die hier schon die Möglichkeit gegeben wäre, ein gedankliches Beziehungssystem zwischen den einzelnen Ichen aufzubauen, muß auch angegeben werden, worin das eigentlich Differente zwischen den verschiedenen Individuen besteht, und worin das Wesen der Individualität gegründet ist. 

Dieses Problem wird nun von Fichte eingehend erörtert. Das Wesen des Ichs war als Leben der Freiheit bestimmt worden, das sich als solches in der unmittelbaren Einschaung seiner selbst erfaßt und begreift. Nun sind der Voraussetzung der gegebenen Interpersonalvorstellung zufolge mehrere Iche gedanklich anzusetzen. "Bedeutend ist hierbei Folgendes: die unmittelbare innere Anschauung des Ich 11) ist wiederholt; sie ist dermalen wenigstens zweimal. Diese beiden inneren Anschauungen aber sind durch eine absolute Kluft getrennt, und keine von beiden vermag hineinzuschauen in die andere, indem jedwede von der anderen aus nicht angeschaut, sondern nur gedacht wird." (II, 604) 

Diese Behauptung bedarf einer ausführlichen Erklärung, die über die bereits gegebene Begriffsbestimmung des anderen Ichs hinausgeht, in der dessen Existenz vom Begriff aus gesehen nur negativ dargestellt werden konnte. Eine eingehendere Bestimmung ist auch insofern angebracht, als durch Fichtes Behauptung, die verschiedenen Iche seien durch eine "absolute Kluft" getrennt, das angeschnittene Problen der Individualitätsbestimmung zentral angesprochen ist. Denn "[O]ffenbar beruht es auf dieser Unterscheidung, dass ich sage: das ist mein Ich, und obwohl ich zugebe, dass mein Nachbar ebenso ein Ich hat, wie ich, ich doch sage, dieses ist nicht mein, sondern es ist sein Ich; welche Worte er von mir redend auf dieselbe Weise wiederholt." (II, 604) 

Um das Wesen der Individualiät, das Fichte in der reflexiven Wiederholung des Ichs als Ich, also des Ich-Ich, vermutet, besser erfassen zu können, greift er auf frühere Ergebnisse seiner Untersuchung der "Thatsachen des Bewusstseyns" zurück 12). Es wird daran erinnert, wie wir überhaupt zu einem Ich gekommen sind: "Das Wissen reflectirte sich selbst, traf und ergriff sich auf der That; was doch wohl eine durchaus unmittlbare, [...] eine innere Anschauung wäre. Diese Anschauung nun war es, welche, aufgenommen in die feste Form des Denkens, ein Ich, zuerst als Wissendes, sodann als Princip gab: [...] und ohne Reflexion und Sichanschauung des Wissens wäre es zu gar keinem Ich gekommen. Also, das wirkliche Daseyn eines Ich gründet sich auf ein absolutes Factum der unmittelbaren Sichanschauung; der Sichanschauung des Wissens nemlich." (II, 604) Diese ursprüngliche Selbstanschauung des Wissens ist der Ort, an dem sich das Ich in unmittelbarer Selbsthelligkeit als freies Prinzip gegeben ist. Dieser Ursprung aber ist absolut faktisch: die Freiheit als solche ist, sie ist notwendig, was sie ist, und sie kann nicht machen, daß sie nicht Freiheit ist. In ihrem bloßen Sein, ihrem So-Sein als prinzipielles Vermögen, für sich genommen ist die Freiheit also absolutes Faktum. Das Ich kann darum nicht machen, daß es nicht ist, was es ist. Doch wenn das Ich ist, ist es nur als und im Bestimmen seiner selbst, als freier Vollzug, in dem es sich unmittelbar anschaut und als diese Unmittelbarkeit begreift. 

Da das andere, zunächst im bloßen Denken angesetzte objektive Ich dem Wesen nach dem eigenen Ich gleich sein soll, muß es sich darum auch auf ein solches absolutes Faktum der unmittelbaren Einschauung des Wissens, des unmittelbaren Bewußt-Seins seiner selbst gründen. Das andere Ich muß als ein sich auf Selbstanschauung gründendes, freies Prinzip vorgestellt werden. "[D]enn jedes Factum dieser Art begründet ein Ich; und umgekehrt, es werden mehrere Iche gesetzt, heisst, das Factum der inneren Anschauung wird als mehrere Male vorgekommen gesetzt." (II,605)

 Unbeschadet seiner unmittelbaren Selbst-Einschauung kann jedoch dieses Wissen seinem Gehalt nach in allen inneren Anschauungen der Individuellen Iche durchaus identisch sein, und wie später noch zu zeigen ist, muß es das auch sein 13). 

Von diesem ursprünglichen Prinzip-Sein des Ich in der inneren Anschauung her erfolgen dann alle weiteren Bestimmungen, nicht nur im theoretischen, sondern auch im praktischen Bereich. Die Darstellung dieser Freiheitsentwicklung war zunächst mit dem Aufweis der intentionalen Entäußerung in den Bereich der materiellen Welt abgeschlossen worden. "An dieses ursprüngliche Factum der inneren Anschauung, als seinen eigentlichen Geburtsort, knüpft sich nun das zu anderen inneren Anschauungen, eines Triebes, eines Vermögens, frei entworfener Begriffe, sich entwickelnde Ich. In die Einheit des zufolge jenes Factums gedachten Ich wird Alles, was noch weiter in innerer Anschauung vorkommt, aufgenommen." (II, 605) Denn da diese weiteren Bestimmungen ebenfalls Bestimmungen der einen, identischen Freiheit des Ichs sein sollen, müsen sie auch von diesem als  Weiterentwicklungen des sich in dieser Entwicklung sich durchhaltenden Freiheitsvermögens verstanden werden. "Und so ist denn eines Jeden eigenes Ich dasjenige, welches er zufolge der absolut ersten und ursprünglichen Sichanschauung des Wissens, durch die er erst ward, gedacht hat, und auf welches er nun in derselben inneren Anschauung fortgehend alles in ihr Vorkommende bezieht." (II, 605) Das Ich ist sich also in der ursprünglichen, unmittelbaren Selbsteinschauung als ein sich zu bestimmendes Prinzip der Freiheit gegeben und bezieht die getroffenen Bestimmungen als Entfaltung der sich aufgegebenen Freiheit auf sein ursprüngliches Prinzip-Sein. Die gesetzten Bestimmungen sind nur die in die Zeit schematisierten Weiterbestimmungen der sich ursprünglich und unmittelbar aufgegebenen Selbstbestimmung der Freiheit 14). Das Ich als Individuum ist nur dann, wenn es in  seinen Bestimmungen auf sich als Ich zurückkommt und die getroffenen Bestimmungen als unmittelbare Entfaltung seiner selbst sieht. Dieser reflexive Charakter des Ich kommt sprachlich dadurch zum Ausdruck, daß man sagt: "mein Ich." (II, 605) Oder: ich setze mich. "Das Ich, das in dem mein steckt, und wovon mein das Adjectivum ist, ist das absolut ursprüngliche, durch das unmittelbare Factum der Selbstanschauung zu Stande gekommene. Das zweite Ich, dessen hier gedacht wird, ist das Fortschreiten des ersten Wurzelichs in der Zeit. Weil dieses Fortschreiten mit Freiheit geschieht, und so in der Botmässigkeit des ersten Wurzelichs steht, so schreibt das Wurzelich sich dasselbe zu, als sein Besitzthum, und nennt es das seinige." (II, 605) 15) Dieses unmittelbare Sich-Aneignen ist nichts anderes als das reale Sich-selbst-Bestimmen des freien Prinzips durch die Zelt hindurch, welch letzteres sich in allen seinen realen Setzungen als identisch durchhalten muß. Diese  Selbstidentifizierung geschieht mittels der inneren Anschauung, in der sich das Prinzip als solches faßt. Die innere Anschauung, bzw. Einschauung ist also die Ansicht des sich selbst fortsetzenden, freien Prinzips. 

Diese unmittelbare Sphäre der inneren Einschauung muß als solche für sich bestehen bleiben, wenn die Freiheit wirklich Grund ihrer selbst sein soll. Diese Einschauung ist die Selbst-Helligkelt des freien Willens selber, und sie ist nur durch sich selbst. Dadurch werden aber notwendigerweise alle fremden Willenssetzungen von dieser unmittelbaren Sphäre der prinzipiellen Selbsteinschauung ausgeschlossen. Wäre nämlich dleser Ausschluß nicht gegeben, so bedeutete das, es könnte möglicherweise ein anderes Prinzip, ein fremdes Ich, in die unmittelbare, innere Einschauung des eigenen Ichs hineinsehen, wodurch diese nicht mehr in der ausschließlichen Verfügung des freien Prinzips stände, sondern durch einen fremden Willen mitbestimmt werden könnte. Die Einschauung ist ja kein passives Reproduziervermögen des freien Prinzips, sondern Sich-Sehen eines aktiven Sich-Setzen seiner selbst als freies Prinzip. 

Wenn darum ein fremdes Ich in den eigenen, unmittelbaren Bereich der inneren Einschauung hineinsehen könnte, würde dadurch der absolute Charakter der freien Selbst-Bestimmung zerstört; denn der freie Wllle wäre nicht mehr ausschließlich Grund seiner selbst, sondern er würde zumindest von einem Prinzip mitbestimmt, das nicht mehr er selbst ist. Damit würde aber die geforderte Unbedingtheit des prinzipiellen Seins aufgehoben und vernichtet. 16) 

Die unmittelbare Einschauung, in der das freie Grund-Sein seiner selbst geseben wird, darf folglich nur dem unmittelbar setzenden Prinzip selbst angehören. Darum kann Fichte auch sagen: "Diese beiden inneren Anschauungen [...] sind durch eine absolute Kluft getrennt, und keine von beiden vermag hineinzuschauen in die andere, indem jedwede von der anderen auch nicht angeschaut, sonern nur gedacht wird. " (II, 604)

 Für die Weiterführung des Beweisganges der Interpersonalitätsvorstellung wird es nun entscheidend sein, wie sich dieses Denken des fremden, unmittelbaren Prinzip-Seins rechtfertigen und begründen läßt, ob es ein wirkliches Denken darstellt, d.h. ein Denken, das sich auf Anschauung stützen kann, oder ob der in diesem Denken erstellte Begriff eines fremden Ichs nur eine hypothetische Annahme bleibt, um Phänomene der Außenwelt zu erklären, die dem eigenen Ich in seiner äußeren Darstellung ähneln.  Abschließend kann hier schon gesagt werden, daß durch die angegebenen Bestimmungen der Charakter der Individualität erfaßt wird. Mit dem Aufweis eines absoluten Hiatus zwischen den verschiedenen inneren Einschauungen ist zugleich der Grund für die radikale Trennung der Iche als Individuen angegeben worden. Das Resultat dieser Überlegungen faßt Fichte in die knappe Formel: "die Individuen als solche sind schlechthin getrennte und für sich bestehende einzelne Welten ohne allen Zusammenhang." (II,606) 17) 

Mit der Bestimmung der Indlvidualität, in der deren allgemeines Wesen erfaßt werden sollte, sind nun nicht nur die Bedingungen angegeben, durch die sich das vorstellende Ich als Individuum von anderen Ichen abgrenzt, sondern zugleich die, durch die sich überhaupt die einzelnen Iche von einander abheben und sich dadurch auch negativ aufeinander beziehen können. Denn da hier nicht mehr von einem bloß individuellen, sondern von dem allgemeinen Denken 18) ausgegangen wird, gilt diese begriffliche Bestimmung der Individualität nicht nur für das eigene Ich, sondern allgemein für jedes Individuum. Das eigene Ich muß sich in diesem Denken denken als durch diese Begrirffsbestimmungen von anderen lchen ihm selbst gegenüber abgrenzbar. Insofern nämlich die vorgestellten, anderen Iche ebenfalls reale Prinzipe sein sollen, müssen sie zugleich auch als sich selbst abgrenzend gegenüber dem dieses Denken vollziehenden, eigenen Ich gedacht werden. Dieses wechselseitige Abgrenzen meint Fichte, wenn er sagt, daß das Zuschreiben der unmittelbaren Sphäre der Individualität, in Abgrenzung zu anderen individuellen Sphären, nicht nur vom eigenen Ich, sondern auch von den anderen Ichen geleistet werde, wodurch diese sich dann zugleich auch gegen das eigene Ich abgrenzen 19). 

Doch muß festgehalten werden, daß durch die Bestimmung des Ichs als Individuum eine radikale Trennung zwischen den verschiedenen Ichen entstanden ist. Dadurch ist aber auch deutlich geworden, daß, wenn die behauptete Vorstellung anderer Iche als Tatsache des Bewußt-Seins aufrecht erhalten werden soll, diese vom bloß individuellen Standpunkt des Denkens her nicht erfaßt werden kann. Der im Denken der Individualität gezeigte Hiatus zwischen den einzelnen Ichen läßt auf diesem Standpunkt jedes begriffliche Erfassen der behaupteten Interpersonalität scheitern. In diesem Vorstellen einer anderen Person würde nämlich der Versuch unternommen, etwas vorstellen zu wollen, was einsichtigerweise nicht vorstellbar ist, nämlich ein in sich abgeschlossenes Prinzip. Wenn man dennnoch am Gedanken eines fremden "Ichs" festhalten wollte, würde sich dieses Denken wegen der einsichtigen Bedingungen der Unerkennbarkeit des Gedankens eines fremden "Ichs" selbst als Projezieren verurteilen. Eine solche Konstruktion müßte sich also den Vorwurf gefallen lassen, in einen idealistischen Dogmatismus abgeglitten zu sein, dem jede wirkliche Erkenntnisbasis fehle. Wenn es darum bei dieser aufgezeigten Trennung zwischen den Ichen bliebe, müßte die faktisch behauptete Interpersonalitätsvorstellung als bloßer Schein des Denkens qualifiziert werden. 

"Wenn es nun dabei [cf. bei der absoluten Trennung zwischen den verschiedenen Ichen] bliebe, so möchte das Leben im Hintergrunde, als Stoff der mannigfaltigen Facten der Reflexion, immer Eins seyn und bleiben, wie wir dies soeben behauptet haben 20); im Bewusstseyn wenigstens könnte es niemals wieder zur Einheit kommen, da der gegebenen Darstellung nach alles Bewusstseyn durchaus individuell wäre." (II, 606) Doch auch diesen Gedanken, daß im Hintergrund noch eine Einheit bestehen könnte, verwirft Fichte für die derzeit gewonnene Reflexionsstufe als bloße Spekulation: "Es wäre sogar nicht wohl zu begreifen, wie wir, die wir uns doch selbst als Individuen bekennen, eine solche Einheit auch nur problematisch denken, und einander darüber verständlich zu werden hoffen könnten." (II, 606)  "

Soll darum das Bewusstseyn Bewusstseyn des Einen Lebens seyn, wie wir dies von vornherein behauptet, so müsste die durch die Individualität aufgehobene Einheit in demselben Bewusstseyn wiederhergestellt werden". (II, 606) Es müßte einsichtig gemacht werden, wie sich die durch das Verharren im bloßen Denken der Individualität ergebende, vollständige Isolation der einzelnen Iche aufhebt, und durch welche Momente eine synthetische Verbindung bedingt ist, die sich erkenntnistheoretisch absichern läßt, wie also trotz der radikalen Trennung im Bereich der inneren Anschauung dennoch ein Wissen der Iche voneinander möglich ist 21). 

Durch die Analyse der bisher entfalteten Denkbedingungen, durch die der objektive Begriff eines Ichs gebildet werden muß, hatte Fichte dargelegt, daß das Denken der Individualitätsbestimmung der angesetzten Pluralität von Ichen, unter die sich, vom Standpunkt des "reinen und absoluten Denkens" (II, 603) her gesehen, auch das eigene Ich rechnen muß, seinen Grund in der inneren Anschauung hat, die als ein jeweils absolut verschlossenes, prinzipielles Sein beschrieben worden war. Denn soll das Ich ein freies Wesen sein, dann muß ihm ein Bereich prinzipiellen Vermögens zugewiesen werden, über den ausschließlich es selbst verfügen darf, wodurch notwendigerweise das Hinein-wirken anderer Iche ausgeschlossen wird.  Doch um diesen Hiatus zwischen den verschiedenen Ichen im Bereich der inneren Anschauung überhaupt fassen zu können, müßte der Philosoph schon immer über den Grund dieses Hiatus, die rein innere Anschauung hinaus sein, sie überschritten haben.

Eine Einschauung kann man aber nur dadurch verlassen, daß man sie durch das sie als solche begreifende Denken übersteigt. In diesem Denken, in dem die Individualität als solche allgemein erfaßt wird, ist nun möglich, die Pluralität der Individuen, die ausschließlich der unmittelbaren, inneren Anschauung verhaftet, für sich abgeschlossene Welten ergäben, wieder in einer Einheit zu verbinden, indem sie als Indivlduen gedacht werden. 

Doch ist die hier behauptete Einhelt nur eine Einheit des Begriffes, ohne alle Begründung, und dieses Denken müßte sich ebenfalls als bloßes Projizieren verabschieden, wenn die sich in diesem Begriff nur postulierte Einheit nicht anschaulich rechtfertigen könnte. "Soll darum das Bewusstseyn Bewusstseyn des Einen Lebens seyn, [...], so müsste die durch die Individualität aufgehobene Einheit in demselben Bewusstseyn wiederhergestellt werden: es versteht sich, 1) da die innere Anschauung eben das Medium der Aufhebung der Einheit ist, durch Herausgehen aus diesem Medium, durch sein Gegentheil, also durch Denken, welches, da es Darstellung der ursprüngllchen und absoluten Einheit ist, ein ursprüngliches Denken seyn würde. 2) Dass sie hergestellt werde, inwiefern sie aufgehoben ist, dass also die in der inneren Anschauung zu mehreren Leben getrennten und abgesonderten Individuen eben als solche und solche bleibend im Denken wieder vereinigt würden; das heisst fürs Erste nur soviel, dass sie eben in dem Einen Denken insgesamt vorkämen." (II, 606)

  Indem das zunächst seiner inneren Anschauung verhaftet konzipierte Individuum, das gegenüber anderen Ichen absolut verschlossen sein müßte, generell gedacht werden soll, muß in diesem Denken über die Unmittelbarkeit dieser Anschauung hinausgegangen werden, um diese als solche überhaupt in einem allgemeinen Bild darstellen zu können. Wenn sich das Individuum als solches ursprünglich begreifen will, dann kann es dies nur durch einen  allgemeinen Begriff, in dem das Wesen der Individualität objektiviert dargestellt ist. Das Individuum muß sich also in einem allgemeinen Begriff zusammenfassen, durch den sich notwendigerweise auch jedes andere Individuum erst als solches begreifen kann. Durch diesen Begriff des Individuums ist nun eine Einheit im Denken erzeugt, an der alle individuellen Iche partizipieren können. Somit ist nun hinsichtlich der behaupteten Pluralität von Ichen in der Vorstellung zunächst einmal eine Einheit durch den Begriff erstellt worden, unter die sich die vorgestellten, fremden Iche subsumieren lassen, unter die sich aber auch das eigene, vorstellende Ich gedanklich begeben muß. 

Wenn also überhaupt der angesetzten, faktischen Vorstellung fremder Iche, die nach Fichte "Wesen meines Gleichen ausser mir" sein sollen, wirkliche Realität im Sein zukommen soll, dann ist mit diesem allgemeinen Begriff des Individuums eine Einheit geschaffen, in der die vorgestellten Iche, ebenso wie das vorstellende Ich selber, zusamnengefaßt werden können. Dieses Denken hat darum absolut überindividuellen Charakter. 

Doch kann diese Einheit im Denken bei dem jetztigen Stand der Untersuchung nur hypothetische Gültigkeit beanspruchen, also nur von vorläufiger Bedeutung sein, da sie nur die allgemeine Bedingung darstellt, durch die die behauptete Vorstellung fremder Iche begriffen werden muß. Es ist mit dieser bloß begrifflich erstellten Einheit noch nichts über die wirkliche Gegebenheit einer Interpersonalgemeinschaft ausgesagt. Ihren hypothetischen Charakter könnte diese Einheit also erst dann verlieren, wenn nachgewiesen würde, daß das allgemeine, die Iche vereinende Denken auch wirklich angewendet werden darf, wodurch es dann seine bestimmte Bedeutung beigemessen erhielte; wenn also gezeigt würde, daß eine wirkliche interpersonale Beziehung als Synthesis verschiedener Iche in der Vorstellung angesetzt werden darf, eine Synthesis, in der sich die verschiedenen, individuellen Iche nur als bestimmte Ausgliederungen des von Fichte vorausgesetzten "Einen Lebens" verstehen, und durch die erst das in dieser Form als Einheit angesetzte Denken gerechtfertigt werden könnte.

Unter diesem Vorbehalt, daß die vorausgesetzte Einheit im Denken nur hypothetische Gültigkeit beanspruchen kann, wird nun der Charakter dieses Denkens weiter bestimmt.

 Ein Denken, durch das alle Iche notwendig als solche begriffen werden müssen und wodurch sie vereint zu nehmen sind, war auch schon vorher konzipiert worden, als es darum ging, einen objektiven Begriff des Ichs zu entwerfen, durch den das in der Vorstellung faktisch angesetzte fremde Ich, als objektiver Gehalt der Vorstellung, gedacht werden sollte. Doch bezog sich dieses Denken nicht auf die Vereinheitung der Individuenwelt, sondern nur auf das Erfassen des dem unmittelbaren und in der inneren Anschauung gebildeten Ich entgegengesetzten objektiven Ichs. "Das bis jetzt nur factisch in seiner relativen Form, als Gegensatz mlt der inneren Anschauung, als Herausgehen aus ihr beschriebene Denken bekommt hier, indem sein eigenthümliches inneres Wesen uns aufgeht, eine ganz andere und höhere Bedeutung. Es wird unmittelbare Sichdarstellung des Lebens, und zwar als Eins und in seiner Einheit. Es kann darum nur ein einiges, mit sich selbst übereinstimmendes und  gleichlautendes Denken seyn." (II, 606) 

Dieses Denken übersteigt den bloß individuellen Horizont der inneren Einschauung, wie das bereits gesagt wurde, und bildet diese in einem allgemeinen, überindividuell gültigen Begriff ab, wodurch nun dieses Denken für alle durch das absolute Faktum der unmittelbaren Selbstanschauung des Wissens zustande gekommenen Iche verbindlichen Charakter erhält und diese faktisch angesetzten Iche begrifflich vereinigt. Nur in der Einheit dieses Denkens können sie angenommen werden. Dieses Denken, in dem die zunächst durch die unmittelbare, innere Einschauung getrennten, individuellen Iche wieder vereinigt werden, ist aber auch nicht der unmittelbar gelebte Vollzug der Einheit des in mehrere Formen gespaltenen Lebens, sondern nur die begriffliche Darstellung dieser Einheit, in der sich das Leben seiner selbst als Einheit bewußt wird. In diesem Denken erfaßt sich das Leben reflexiv als Leben. "Es muß darum dieses Denken allenthalben vorkommen, wo das Leben in die Form des Bewusstseyns eingetreten ist. In diese ist es eingetreten in den Individuen. Also in diesen, und zwar in allen, müsste es vorkommen. Es ist in sich selbst Eins, also muss es in alle eintreten auf dieselbe Eine Weise." (II, 606 f) Wenn sich demnach überhaupt Bewußt-Sein dieses Lebens realisiert, so muß auch das oben beschriebene Denken der absoluten Sich-Darstellung dieses Lebens ollzogen werden, und zwar in allen individuellen Setzungen, in denen sich zufolge der absolut faktischen Selbstanschauung des Wissens Bewußt-Sein manifestiert. 

Unter dem Aspekt der Darstellung des „Einen Lebens“ ist somit überhaupt erst ein wirkliches Umfassen der verschiedenen Iche, sowohl der vorgestellten Iche, als auch des vorstellenden Ichs selbst, ermöglicht worden, wodurch nun nicht mehr nur ein bloßes Vorstellen fremder Iche außer dem eigenen, vorstellenden Ich vorliegt, sondern eine wirkliche Interpersonalvorstellung gebildet werden kann, die ihre Einheit in dem das Leben darstellenden Denken besitzt. Ohne dieses Denken wären nämlich die verschiedenen Personen gar nicht als individuelle Formen des Einen, vorausgesetzten Lebens zu verstehen, sie blieben für sich bestehende, abgeschlossene Welten, die voneinander nichts wissen könnten, die, um einen Begriff Leibnizens zu gebrauchen, „fensterlose Monaden“ wären. Doch in diesem Darstellen des Lebens, diesem überindividuell verbindlichen Denken sind nun alle Individuen als vereint vorzustellen. Darum kann Fichte schreiben: „Sehen wir auf diesen Punct, so müssen wir sagen: dieses Denken ist in allen Individuen numerisch zu wiederholen, und es kommt so viele Male vor, als viele Individuen vorhanden sind, aber immer bleibt es in allen diesen Wiederholungen seinem Inhalte nach durchaus sich gleich.“ (II, 610) 

Dieses Denken grenzt Fichte nun noch weiter gegenüber dem bloß individuellen Vorstellen ab: „Ich sage: das Eine Leben in seiner Einheit stellt in diesem Denken sich dar. Das Individuum als solches aber ist gar nicht das Leben in seiner Einheit, sondern es ist nur ein Bruchstück desselben. Und so kann man denn gar nicht sagen, dass das Individuum als solches jenes Denken denke; oder will man doch sagen, es denke dasselbe, so muss man hinzusetzen nicht als Individuum, sondern eben selbst als das Eine und ganze Leben. Es ist in diesem Denken gar nicht mehr ein besonderes und particuläres Ich, sondern es ist das allgemeine und Eine.“ (II, 607) "Keinesweges etwa das Individuum durch sich selbst und seine Kraft denkt, sondern nur als Eins, und mit Vernichtung seiner Individualität denkt es.“ (II, 609) 22) 

Dieses allgemeine Denken, in dem das Leben in seiner Einheit dargestellt wird, bleibt aber immer an den unmittelbaren Akt der freien individuellen Reflexion gebunden, und ohne diesen Akt käme es überhaupt zu keinem Bewußt-Sein von diesem Leben. Doch wird dieses Bewußt-Sein seinem Inhalte nach nicht durch den reflexiven Akt gebildet, sondern es muß, wenn es überhaupt gebildet werden soll, im Bewußt-Sein als schlechthinniges Moment desselben erscheinen; also es darf keineswegs erscheinen „als ein Product des Ich, sondern muß erscheinen als ein Ausdruck eines "absoluten Factums." (II, 607) 23)

 Diesen hier gezeigten Zusammenhang von überindividuell gültigem Inhalt des Denkens und der reflexiven individuellen Form, in der dieses Denken erst zum Bewußt-Sein kommen kann, bestimmt Fichte an einer anderen Stelle noch genauer: "Mit diesem allgemeinen Denken ist jedoch die Individualität immer vereinigt, denn nur in dieser bricht das Leben zur Sichdarstellung und Bewusstseyn überhaupt hervor; in der Individualität zur Sichdarstellung seiner Form überhaupt, im Denken zu einer expressen, genetisch zu Stande gebrachten, und so sichtbaren Einheit." (II, 610) D.h. also: das vorgestellte Leben in seiner Einheit kommt nur zum Bewußt-Sein bzw. zur Darstellung durch und in der individuellen Form der einzelnen Individuen. 

Das Resultat der bisher angestellten Überlegungen faßt Fichte bündig in folgende Worte zusammen: "Das beschriebene absolute Denken stellt dar eine Gemeine von Individuen." (II, 608) Da dieses Denken der Einheit, obzwar vorerst auch nur reine Begriffskonstruktion, die Darstellung der Individuenwelt in ihrer Gesamtheit, also die Darstellung der eigentlichen Interpersonalität zum Inhalt haben soll, müssen in ihm, da es Darstellung der Einheit des vorerst noch gespaltenen Lebens sein soll, umindest zwei Iche als real gegeben angenommen werden. Denn als Ausdruck des Lebens in seiner Einheit ist dieses Denken doch konzipiert worden, um die faktisch behauptete Interpersonalvorstellung, in der das vorstellende Ich selbst und zumindest ein weiteres Ich als Gehalt der Vorstellung angesetzt werden müssen, überhaupt denken zu können. 

Dieses Denken "denkt, allenthalben wo es ist und denkt, eine ins Unendliche mögliche, in der Wirklichkeit aber eine begrenzte, und durchaus im Ganzen so wie in den Theilen bestimmte Gemeine von Individuen" (II, 609), die, wie gezeigt, wenigstens aus zwei Individuen bestehen muß.

 Dieses Denken eines Systems von Ichen muß in allen Formen, in denen das Leben durch die Selbstanschauung des Wissens zum Bewußt-Sein gekommen ist, vollzogen werden. "Es folgt daraus, dass alle wirklich vorhandenen Individuen (alle Puncte, in denen das Wissen zur Selbstanschauung gekommen) von jedem Individuum aus nothwendig gedacht werden müssen." (II,608) Denn wenn der im Denken angesetzten Einheit wirkliche Erkenntnisfunktion beigemessen werden kann, dann muß sich das eigene, vorstellende Ich auch vorstellen als gedacht durch die gleiche Einheit im Denken, von den vorgestellten, fremden Ichen, durch die es diese ebenfalls denkt. In der angesetzten Einheit im Denken, in dem sich das Leben in seiner Einheit darstellt, ist ein Systempunkt erreicht, durch den ein wechselseitiges Vorstellen der einzelnen Iche gedacht werden kann. "Wie ich Indiviaduum die anderen denke, so denken diese wieder mich; und so viele ich denke, so viele denken wiederum mich. Alle also denken dieselbe Gemeine, dasselbe System von Ichen; nur dass jeder einen anderen Ausgangspunct, eine andere Sphäre der inneren Anschauung hat, von welcher er ausgeht. Jeder denkt alle Anderen durch absolut ursprüngliches Denken, nur nicht sich selbst; sich selbst bringt er zu Stande durch die beschriebene Synthesis der beiden Anschauungen." (II, 608) 

Unter der Voraussetzung einer wirklichen Interpersonalitätsvorstellung ist dieses Denken des wechelseitigen Denkens der in dieser Einheit dargestellten Individuengemeinde (wobei nur der Ausgangspunkt dieses Denkens verändert wird) notwendige Bedingung der Vorstellung.  Das Denken des Systems von Ichen innerhalb der synthetischen Einheit ist daher "in allen Individuen numerisch zu wiederholen, und es kommt so viele Male vor, als viele Individuen vorhanden sind, aber immer bleibt es in allen diesen Wiederholungen seinem Inhalte nach durchaus sich gleich." (II, 610) Vom Standpunkt der Einheit her gesehen ist darum das Denken der Interpersonalvorstellung ein System wechselseitigen Beziehens im Vorstellen der sich in dieser Einheit darstellenden Individuenwelt, die in allen dieser Einheit angehörenden Ichen ihrem Inhalt nach als solche identisch gedacht werden muß. "Doch ist in diesem Einen Denken vom Individuum aus ein Unterschied., nicht aber in dem Inhalte, sondern nur der Relation nach. Jedes nemlich denkt Eins aus der ganzen zu denkenden Reihe der Iche als sein besonderes Ich; und jedes denkt ein anderes als dieses sein besonderes." (II, 610) Es wurde bereits gesagt, daß der Grund für dieses gegenseitige Abgrenzen im Denken des identischen Inhaltes der Darstellung des Lebens, als eines Systems von Ichen, in der Unmittelbarkeit der je eigenen inneren Einschauung liegt, da nur in ihr das Wissen gesetzt werden kann, und es kein Bewußt-Sein ohne diesen unmittelbaren Bezug auf sich selbst als Bewußt-Sein gibt. 

In der bisher dargestellten Entfaltung der bloßen Denkbedingungen sollte gezeigt werden, daß die angesetzte faktische Interpersonalitätsvorstellung, die als Tatsache des Bewußt-Seins in dieser Untersuchung schlechthin vorausgesetzt worden war, nur durch eine das individuelle Denken übersteigende Einheit im Denken gedacht werden kann, die zum Inhalt die Darstellung des Lebens als deines Systems von Ichen hat, deren radikales Getrenntsein als bloße individuelle Prinzipe in diesem absoluten Denken wieder aufgehoben wird. Im Denken dieser Einheit, durch das erst ein eigentliches Interpersonalitätsdenken eröffnet worden war, mußte sich auch das jeweilige sie vorstellende individuelle Ich als an dieser Einheit partizipierend denken; in diesem Denken mußte es sich zugleich auch als Vorstellungsgehalt der anderen, an dieser Einheit partizipierenden und von ihm als Objekte der Vorstellung angesetzten, fremden Iche denken. 

Doch gibt das hier entfaltete Denken nur an, daß, wenn eine Interpersonalitätsbeziehung vorgestellt werden soll, dieses Denken notwendig vollzogen werden muß. Es hat für sich genommen nur hypothetischen Charakter. Diesen könnte es nur dadurch verlieren, daß gezeigt würde, in welchen Fällen es tatsächlich angewandt werden kann und muß. Es müssen also Bedingungen in der behaupteten Interpersonalitätsvorstellung aufgezeigt werden, durch die gewußt werden kann, daß sie nicht ein bloß gedachtes Bild, sondern wahres Bild des Seins der behaupteten Interpersonalitätsbeziehung ist. Da vom Standpunkt der Einheit diese Beziehung als Wechselverhältnis gedacht werden muß, müssen auch die Bedingungen, unter denen die aufgestellten Denkbestimmungen angewandt werden können, in dem angesetzten System von Ichen wechselseitig erfüllt werden, damit sich das zunächst nur im Denken konzipierte System von Ichen wirklich als interpersonale Gemeinschaft realisieren kann, in der jeder um die wirkliche Existenz des anderen weiß.

Anmerkungen:

1) Vgl. dazu die Darstellung Fichtes, SW Bd.II, "Thatsachen" - 1810/ll, S. 583 ff, die in dieser Abhandlung S. 96 wiedergegeben ist.
2) Vgl. dazu auch Fichte SW Bd.II, "Thatsachen" - 1810/11, S. 551 "Es ist in jedem bestimmten Wissen ein Doppeltes in Eins verschmolzen: Freiheit überhaupt, wodurch es zum 
Wissen ird: ein gewisses Beschränktseyn und Aufgehobenseyn der Freiheit, wodurch es zu einem bestimmten Wissen wird."
3) Vgl. dazu Fichte SW Bd.II, "Thatsachen" - 1810/11, S. 595 ff.
4) Um eine täuschend ähnlich nachgebildete Puppe von einer wirklichen Person unterscheiden zu können, genügen keine äußeren Bestimmungen, sondern das vorausgesetzte Prinzip muß zur Entfaltung kommen.
5) Vgl. dazu Fichte S. Bd.II, "Thatsachen" - 1810/11, S. 554: "In der Wahrnehmung war zuvörderst eine Beschränkung des äusseren Sinnes auf diese bestimmte Qualität [...]. Die derselben entgegengesetzte Freiheit, die Lösung aus jener Gebundenheit, müsste darum zuvörderst darin bestehen, solche Bilder der Qualitäten frei aus sich selbst hervorzubringen [...]. Endlich lag in der Wahrnehmung das objectivirende Denken. Dieses bliebe im Ganzen also, dass das Product der Einbildungskraft zwar aus uns heraus gesetzt würde, aber [...] nicht als wirklich und in der That daseyend, sondern ausdrücklich als von uns bloss eingebildet und frei gedacht."
6) Gegen die Bildung des Begriffs des eigenen Ichs zufolge der inneren und äußeren Selbstanschauung könnte man noch einwenden, daß sie, wenn sich das Ich in einer einzigen Setzung realisieren und fabschließen könnte, real nicht möglich wäre, also auch dieser Begriff reine Konstruktion bliebe, weil nämlich das wirkliche Begreifen der Unmittelbarkeit immer ein Herausgehen aus ihr bedeuten würde. Dadurch wäre dann eine zweite Setzung erforderlich, in der sich das Ich als Ich erst begreifen könnte. Eine solche unzeitliche Realisation ist aber dem Ich nicht möglich. Es muß sich als Sein der Freiheit  bim Übergehen von bloßer Möglichkeit zur realen Bestimmung setzen, sonst wäre es gar nicht. In diesem Übergehen kann sich das Ich aber nur als identisches durchhalten, wenn es sich als Ich denkt, also einen Begriff von sich zugrunde legt.
7) Vgl. dazu die Darstellung Fichtes, SW Bd.II, "Thatsachen" - 1810/ll, S. 583, und diejenige dieser Abhandlung, § 8 - § l0, in denen gezeigt werden sollte, durch welche Momente das Setzen des Ichs als reales Prinzip bedingt ist.
8) Das vorstellende Ich ist also nicht Grund des Seins des in diesem Begriff gebildeten Ichs, sondern nur Grund des Setzens dieses Gedankens.
9) Vgl. dazu Fichte SW Bd. II, "Thatsachen" - 1810/11, S. 603: "Im Verfolge wird sich vielleicht ein Grund auch für dieses Denken finden".
10) Im Gegensatz dazu ist das eigene Ich nur im Begreifen seines unmittelbaren Setzens, und ohne diese Selbstreflexion, ohne dieses Selbst-Bewußt-Sein, ist es nicht.
11) Die beiden Worte "des Ich" fehlen in der 1. Ausg. - 1817.
12) Vgl. dazu Fichte SW Bd.II, "Thatsachen" - 1810/11, S.552 ff, besonders S. 555: "In der äusseren Wahrnehmung hat das Leben (des Wissens) dnrch sein blosses Seyn Causalität [...]. Die nächstfolgende höhere Entwickelung des Lebens macht sich frei von dieser Gebundenheit, heisst sonach: das Leben erhebt sich über die Causalität durch das unmittelbare Seyn [...]. Nun aber vernichtet es sich hierbei doch nicht überhaupt als Leben; was also bleibt es? Offenbar ein Princip". Ebenso auch S. 556, die Punkte 3) - 5).
13) Vgl. dazu Ficht SW Bd. II, "Thatsachen"- 1810/11, S.685: "Das Wissen ist allerdings nicht ein blosses Wissen von sich selbst, wodurch es in sich selbst zerginge und zu nichts würde, ohne alle Dauer und Anhalt; sondern es ist ein Wissen von einem Seyn, nemlich von dem Einen Seyn, das da wahrhaft ist, von Gott". Alles individuelle Wissen muß daher, wenn es wahrhaftes Wissen sein will, an diesem absoluten Wissen partizipieren.
14)Vgl. dazu Fichte SW Bd.II, "Thatsachen" - 1810/ll, S.571 f: "Aufgabe Jenes unendliche Princip im wirklichen Principseyn durch die freie Einbildungskraft zu bilden! Es kann dasselbe Princip seyn nur in Beziehung auf sich selbst, indem ausser ihm nichts da ist, [...] nur zur Entwickelung oder Bindung einer Freiheit". S. 572: "Diese Principiate schliessen einander schlechthin aus, und wenn da eine ist, ist es schlechthin unmöglich, dass irgend ein anderes sey, [...]. Und es geht denn das Eine und Einsbleibende hindurch durch eine Reihe nach einander folgender Veränderungen, oder durch eine Zeit."
15) Der hier gezeigte, reflexive Charakter des Ichs ist auch der Grund, warum sich das Ich nur als geschichtliches Wesen realisieren kann. Das Ich ist nicht in einem Schlag vernünftig, sondern es soll sich als Vernunft bestimmen. Vgl. dazu Fichte SW Bd. II, "Thatsachen" - l810/11, S. 673: "Jene bestimmte Anschauung [cf. die des Sittengesetzes] giebt eine Aufgabe, die das Individuum mit Freiheit zu der einigen machen und sie wirklich vollziehen soll [...]. Aher sein Handeln ist eine unendliche Linie, und dasselbe steht in 16)In der Konsequenz würde dadurch nicht nur die Freiheit des eigenen Ichs zerstört, sondern auch die des anderen Ichs, das unmittelbar Zutritt zur eigenen inneren Einschauung hätte. Denn dank dieser unmittelbaren Partizipation eines fremden Ichs hätte ja auch das eigene Ich unmittelbar Zutritt zur prinzipiellen Freiheit des anderen Ichs. Das bedeutete aber, es könnte niemand mehr wissen, was er eigentlich als freies Ich will. Ja auch die Vorstellung eines Ichs ginge verloren, denn daß ein Ich sich als Ich begreifen kann, setzt doch voraus, daß es sich selbst, und ausschließlich sich selbst, als Selbstbestimmendes weiß.
17) Obwohl Fichte selbst an anderer Stelle vom höheren Standpunkt der inhaltlichen Setzungsbedingungen aus das Problem der Individualität erneut zu klären versucht (vgl. dazu S. 639 ff), bleibt doch die hier gegebene Bestimmung in einer Hinsicht unbefriedigend. Denn in dieser Darstellung des Individualitätsbegriffes sind nur die allgemeinen Bedingungen angegeben, durch die das Ich als individuelles Prinzip konstituiert wird. Dabei wird aber bestehen gelassen, daß trotz der gegenseitigen Ausschließlichkeit der numerisch verschiedenen Formen der gesetzte Inhalt als konkrete (und nicht nurprinzipielle) Selbstbestimmung dieser Formen identisch sein könnte. Nun ist aber mit dem Begriff der  Individualität nicht nur die allgemeine Form des unmittelbaren Prinzp-Seins gemeint, sondern auch die bestimmte, inhaltliche Realisation dieses Prinzip-Seins, das sich gerade dadurch von anderen Ichen material absetzt und so eine einmalige, unwiederholbare Entscheidungsreihe darstellt. Es gilt also noch zu zeigen, wodurch dieser prinzipielle Unterschied im konkreten Sein der Individuen zustande kommt. Dieses Problem läßt sich aber erst dann vollkommen klären, wenn, wie in der "Grundlage des Naturrechts", gezeigt wird, daß sich das Ich nur durch einen an ihn ergangenen, ursprünglichen Aufruf als Ich konstituieren kann, und daß mit diesem Aufgerufen-Sein eine konkrete Entscheidungsreihe aus freier fAntwort und freier, eigentlich unmittelbarer Selbst-Bestimmung anhebt. In diesem freien Antworten muß dann notwendig die eigene Selbst-Bestimmung von dem ursprünglichen Aufruf (der nur als seinerseits von einem fremden Ich gesetzt gedacht werden kann) verschieden sein. Z.B. Ich(1) fordert Ich(2) zu einer bestimmten Stellungnahme auf. Ich(2) antwortet Ich(1) in einer bestimmten Weise und stellt damit zu gleich an Ich(1) seinerseits eine bestimmte Anforderung, auf die Ich(1) Ich(2) antwortet, usw... In jeder neuen Stellungnahme kommt das jeweilige Ich auf seine eigene vorhergehende Entscheidung neu  entscheidend zurück. In dieser fortlaufenden Reihe sind nun die individuellen Entscheidungsreihen notwendigerweise voneinander verschieden. Dadurch ist jetzt auch der prinzipielle Charakter der konkreten Individualität angegeben.
18) Vgl. Fichte SW Bd. II, "Thatsachen" - 1810/11, S. 603: "Es ist darum dieses Denken hier wenigstens eine durchaus unbedingte Bestimmung des reinen und absoluten Denkens".
19) Vgl Fichte SW Bd. II, "Thatsachenn - 1810/11, S. 604: "[...], dass ich sage: das ist mein Ich, und obwohl ich zugebe, dass mein Nachbar ebenso eln Ich hat, wie ich, ich doch sage, dieses ist nicht mein, sondern es ist sein Ich; welche Worte er von mir redend auf dieselbe Weise wiederholt."
20) Vgl. Fichte SW Bd. II, "Thatsachen" - 1810/ll, S. 605: "Das Wissen selbst, welches in jenem Factum innerlich angeschaut wird, kann ja darum immer bleiben Eins und dasselbe".
21) Daß ein solchen Wissen als möglich vorausgesetzt wird, demonstriert Fichte in praxi durch seinen eigenen Vortrag, den er an der Begriffe fähige Vernunftwesen richtet.
22) In dieser Bestimmung der Individualität läßt Fichte allerdings noch offen, ob die Bruchstückhaftigkeit der Individuen bloß formal und absolut faktisch ist oder ob die Aufspaltung in mehrere Individuen durch bestimmte Momente des sich erscheinenden Lebens selbst bedingt ist, ob also die Wiederholung der individuellen Form des Lebens absolut unerklärlich ist, oder ob sie, wie das in der "Grundlage des Naturrechtes" und dem „System der Sittenlehre“ geschehen ist, zumindest in der Duplizität der Formen aus den Reflexionsbedingungen des Ichs überhaupt zu bestimmen ist.
23) An dieser Stelle, an der der überindividuelle Charakter des allgemeinen Denkens nachgewiesen wird, geht Fichte noch einmal sehr eindringlich auf den Vorwurf ein, die Wissenschaftslehre, die mit dem absoluten Ich ansetzt, sei in ihrer Konzeption einem Individualismus bzw. Subjektivismus verfallen, wie das von Fichtes Zeitgenossen häufig behaupte wurde. (Vgl. auch Lauth: "Problem der Interpersonalität“, S. 327) Um diese Vorwürfe zu widerlegen schreibt Fichte hier unter anderem: "Man hat ziemlich  allgemein die Wissenschaftslehre so verstanden, als ob sie dem Individuum Wirkungen zuschriebe, z.B. die Production der gesammten materiellen Welt, und dergleichen, die demselben durchaus nicht zukommen könnten. Wie verhält sich die wahre Wissenschaftslehre zu diesem Vorwurfe? Also, jene sind in dieses Misverstäniss gerade darum verfallen, weil sie selbst dem Individuum weit mehr zuschreiben, als ihm zukommt [...]. Aber sie haben sich ganz geirrt; nicht das Individuum, sondern das Eine unmittelbare geistige Leben selbst ist Schöpfer aller Erscheinung, und so auch der erscheinenden Individuen. [.Vgl. auch Fichte SW Bd. II, „Thatsachen“ - 1810/11, S. 665] Daher hält die Wissenschaftslehre so streng darüber, dass man dieses Eine Leben rein und ohne Substrat [...] denke, Die Vernunft, das allgemeine Denken, das Wissen schlechthin ist höher und mehr, denn das Individuum. Keine Vernunft sich denken können, als eine solche, welche das Individuum besitzt als sein Accidens, heisst eben überhaupt sich keine denken können. Wohl dem Individuum, das von der Vernunft besessen wird!" (II, 607/8) Die hier zufolge der zunächst faktisch behaupteten Interpersonalitätsvorstellung aufgezeigte, überindividuelle Gültigkeit des allgemeinen Denkens - ohne eine solche überindividuelle Gültigkeit, d.h. eine Gültigkeit, die dem individuellen Denken Gesetze vorschreibt, könnte es nie zu einer wirklichen Interpersonalvorstellung kommen -, die notwendigerweise nicht Produkt des individuellen Ichs sein kann, benutzt Fichte als einen wesentlichen Systemgedanken, um die gegen die Wissenschaftslehre erhobenen Vorwürfe zu widerlegen.

 
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