50. Jahrgang Nr. 1 / Februar 2020
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1. DIE THEORIE DER INTERPERSONALITÄT IM SPÄTWERK J.G. FICHTES
2. Einleitung
3. Kapitel I
4. Kapitel II
5. Kapitel II, Forts. 1
6. Kapitel III
7. Kapitel III, Forts. 1
8. Kapitel III, Forts. 2
9. Kapitel III, Forts. 3
10. Kapitel III, Forts. 4
11. Kapitel III, Forts. 5
12. Kapitel III, Forts. 6
13. Kapitel III, Forts. 7
14. Kapitel III, Forts. 8
15. Kapitel III, Forts. 9
16. Kapitel IV
Kapitel III, Forts. 5
 
§  16  Zusammenfassende Betrachtung des bisherigen Ergebnisses und Bestimmung der hinsichtlich einer umfassenden Darstellung der interpersonalen Vorstellungsbedingungen noch zu leistenden Aufgabe

Betrachtet man das Ergebnis der bisherigen Darstellung, so läßt sich zusammenfassend davon sagen, daß es nur die Vorstellungsbedingungen der Interpersonalität enthält, die sich aus der zunächst nur im Denken angesetzten und, darum auch bloß hypothetischen, überindividuellen Einheit her haben bestimmen lassen. 

nter dem transzendental-philosophischen Gesichtspunkt, daß das von dem eigenen Ich zunächst als Tatsache des Bewußt-Seins vorgestellte, fremde Ich nur dadurch erkenntnistheoretisch eingeholt werden kann, wenn es aus einer das Verhältnis von vorstellendem Ich und vorgestelltem, fremden Ich umfassenden Einheit her erklärt wird, hatte Fichte bisher diese Einheit im Denken nur postuliert und aus ihr die getroffenen Bestimmungen abgeleitet. Von einer wirklichen Deduktion des Systems von Ichen kann darum noch keine Rede sein. "Als Factum aufgestellt haben wir es; auch haben wir die allgemeine Ableitung hinzugefügt, dass in dieser Darstellung das Leben seine in der Individualität  abgebrochene Einheit wiederherstelle." (II, 635) Es fehlt also noch der Nachweis einer wirklichen, lebendigen Einheit, die nicht nur im Denken postuliert werden darf, sondern unmittelbar angeschaut werden muß, und aus der heraus sich die verschiedenen Iche in der Vorstellung als konkrete interpersonale Synthesis begreifen können. Weil die für die Erkenntnisbegründung der Interpersonalitätsvorstellung konstitutive Einheit zunächst nur im Denken vorausgesetzt wurde, haben auch die aus ihr gefolgerten Bestimmungen, die sowohl das Denken des prinzipiellen Bereiches der Interpersonalität als auch das Denken der äußeren Anschauungsbedingungen hinsichtlich des in dieser Vorstellung angesetzten Gegenstandes umfassen, nur hypothetischen Charakter. Da aber diese Konstruktion für sich genommen dem rein gedanklichen Projizieren verfallen würde und deshalb keine wirkliche  Erkenntnis begründen könnte, gilt es nun, dieses hypothetische Denken zu überwinden und es auf ein Moment der Anschauung zu beziehen, wodurch es wirklichen Erkenntnischarakter bekäme. Denn das als Einheit im Denken angesetzte und. geforderte "Eine Leben" als interpersonale Synthesis kann "nicht etwa bloss denkbar seyn, ohne angeschaut zu werden; denn es ist ja denkbar nur unter Bedingung der Anschaubarkeit, indem das Factum des Denkens ja nur ein Herausgehen aus der Anschauung ist, und so durch die letztere bedingt." (II, 654) Wenn darum die in dem bisher entfalteten Denken aufgestellten Vorstellungsbedingungen der Interpersonalität nicht das Ergebnis einer bloßen Gedankenkonstruktion sein sollen, dann muß gezeigt werden, auf welches anschauliche  Moment sich dieses absolute Denken der Einheit abstützen kann. 

Doch bevor die von Fichte dargelegte Lösung des Problems entfaltet und kritisch analysiert wird, soll zunächst auf die Schwierigkeiten aufmerksam gemacht werden, die mit der Aufstellung einer das vorgestellte Interpersonalitätsverhältnis begründenden, wirklichen Einheit, in der und durch die ein Verhältnis der verschiedenen Personen als selbständige, reale Prinzipe möglich sein soll, verbunden sind. Denn das Problem, das sich bei dieser Synthetisierung ergibt, besteht darin, zumindest zwei durchaus unmittelbare, freie Prinzipe real in einer Einheit zu vermitteln, die höher sein muß als das individuelle Prinzip-Sein des Ichs. Dabei muß diese Vermittlung durchaus als Darstellung der Einheit  verstanden werden. 

Hierbei gilt es zu zeigen, wie überhaupt eine reale Vermittlung unmittelbarer Prinzipe möglich ist, und wie sich durch diese Vermittlung die das interpersonale Verhältnis in der Vorstellung begründende Einheit als solche darzustellen vermag. Denn zum einen ist durch diese Vermittlung als Darstellung der Einheit eine reale Beziehung der Individuen in der Vorstellung gefordert, durch die sich die verschiedenen Iche auch wirklich als eigenständige Prinzipe gegenseitig erkennen können; zum  anderen muß durch diese Vermittlung die Möglichkeit gegeben sein, daß sich in ihr die verschiedenen Iche als Momente dieser höheren Einheit begreifen können. 

Zur Verdeutlichung dieser Forderung soll folgende Ausführung dienen: Es wurde bereits gesagt 1), daß das eigentliche Wesen des Ichs als Individuum in seiner prinzipiellen, sich selbst hellen, freien  Unmittelbarkeit besteht. Dieser unmittelbare, prinzipielle Bereich muß unbedingt dem eigenen Ich als  freiem Prinzip vorbehalten bleiben, wenn dem Ich überhaupt absolute Selbständigkeit seiner Freiheit  zukommen können soll. Das bedeutet, daß dieser Ort der Unmittelbarkeit als Ursprung des realen  Frei-Seins, in dem das Ich in absoluter Selbsthelligkeit Grund seiner selbst ist, trotz der angesetzten, als Tatsache des Bewußt-Seins behaupteten, interpersonalen Vermitteltheit keinem anderen Ich in der Vorstellung unmittelbar, d.h. durch direkte Einschauung zugänglich sein darf 2).

Von diesem Standpunkt der Individualität, in dem sich das Ich als freies Prinzip ursprünglich erst  überhaupt gegeben ist, her gesehen müssen demnach die verschiedenen Iche als individuelle Prinzipe $ durch einen absoluten Hiatus in der Einschauung getrennt bleiben 3). Wenn demnach eine Synthesis  von freien Prinzipen zustande kommen soll, dann ist durch diese Argumentation wenigstens gezeigt, daß eine solche synthetische Einheit durch Vermittlung in diesem unmittelbaren Bereich einsichtigerweise nicht erfolgen kann. 

Wenn aber dennoch der Versuch gelingen soll, eine reale Beziehung zwischen verschiedenen Ichen, wie sie sich in der behaupteten Interpersonalitätsvorstellung faktisch schon vollzogen haben soll, in ihren wirklichen Erkenntnisbedingungen darzulegen, dann muß gezeigt werden, wie trotz der absoluten Uneinschaubarkeit des prinzipiellen Bereiches des Individuums ein wirkliches Wissen vom anderen Ich als eigenständiger Freiheitsexistenz möglich ist, das andererseits aber auch nicht auf dem bloß im Denken gebildeten Begriff eines objektiven Ichs basieren darf; d.h. es gilt zu überlegen, durch welche Momente der für die Rekonstruktion der faktisch behaupteten Interpersonalitätsvorstellung notwendig anzusetzende Begriff des anderen Ichs, der bisher nur im bloßen Denken ausgewiesen wurde, bewährt wird, wobei von diesem fremden Ich gewußt wird, daß es als Prinzip nur gedacht, und nicht eingeschaut werden kann. Wenn darum überhaupt ein wirkliches Verhältnis von Personen zueinander vorgestellt werden soll, in dem notwendigerweise um die wahre Existenz des anderen Ichs gewußt werden muß, dann muß ein Grund angegeben werden können, wodurch das Denken des anderen Prinzip-Seins, von dem als Prinzip-Sein nur, insofern es Denken ist, gewußt werden kann, gerechtfertigt wird. Es müßte ein Moment in der Anschauung ausgewiesen werden, das nur dadurch erklärt werden kann, daß ihm ein fremdes Prinzip-Sein zu recht hinterstellt wird.

 Wie bereits gezeigt, ist ein unmittelbares, begründetes Wissen, das sich nicht nur auf das bloße  Denken des fremden Prinzip-Seins berufen dürfte, nicht möglich. Wenn also dennoch eine Erkenntnis des anderen Ichs möglich sein sollte, dann müßte sich das andere Ich in seiner Unmittelbarkeit vermitteln, wobei diese Vermittlung objektiven Charakter haben muß. Denn nur in einer solchen Vermittlung könnte das andere Ich als fremdes Prinzip erkannt werden. In dieser objektiven Vermittlung muß aber das andere Ich, um als anderes, wirkliches Ich vorgestellt werden zu können, in seinem Sein als Unmittelbarkeit der Freiheit erscheinen.  Ein solch objektiv vermitteltes Moment, auf das zu recht der Begriff eines andern Ichs angewandt  werden sollte, war, nach Fichtes Darstellung, die leibliche Erscheinung eines andern Ichs; denn als  reales Prinzip mußte das andere Ich notwendig als anschaubar in seiner leiblichen Darstellung  gedacht werden. Jedoch kann der Leib als objektiv anschauliche Seite des Ichs nur dann als vermittelndes Organ der unmittelbaren Spontaneität verstanden werden, wenn sich mit dieser objektiven  Vorstellung zugleich die Vorstellung eines unmittelbaren Prinzips, das sich durch dieses leibliche  Organ in seiner Unmittelbarkeit darzustellen vermag, zu recht verbinden läßt. Dieses prinzipielle Sein dürfte, wie das auch schon gesagt worden ist, nicht zufolge der bloß objektiven Erscheinung des Leibes erschlossen werden, sondern der Begriff des unmittelbaren fremden Prinzip-Seins müßte unmittelbar mit der objektiven Anschauung des Leibes realisiert werden 4).

Das bloße Erschließen des anderen Ichs zufolge der Anschauung des objektiv vermittelten, leiblichen Organs war deshalb als illegitim abgelehnt worden, weil das Erkennen eines objektiv anschaulichen Gegenstandes als Leib schon immer das Erkennen des anderen, unmittelbaren Prinzip-Seins zur Voraussetzung hat bzw. durch das Wissen um dieses unmittelbare Prinzip-Sein bedingt ist, als dessen objektiv veräußerndes Organ die Leiberscheinung verstanden wird. 

Die gleiche Erkenntnisbedingung gilt auch für die ebenfalls objektiv erscheinenden Produkte der  Wirksamkeit des anderen Ichs. Denn als Gegenstände der bloßen äußeren Anschauung haben sie  lediglich empirischen Charakter, aus dem das sie setzende, freie Prinzip-Sein des anderen Ichs nicht hervorgeht. Als Produkte der Freiheit könnten sie erst dann begriffen werden, wenn in ihnen zugleich mit dem objektiven Erscheinen das sie setzende, fremde Prinzip sichtbar würde. Dieses unmittelbare Prinzipiieren eines fremden Prinzips muß also als solches verstanden werden, wenn die Produkte der Wirksamkeit ebenso wie der Leib als intentionale Entäußerungsmomente eines fremden Freiheitsprinzips begriffen werden sollen. 

Wenn demnach von dem fremden Prinzip-Sein nicht bewußt werden kann, daß es sich in seinen  Veräußerungsmomenten unmittelbar als es selbst, als eigenständiges Freiheitsprinzip, darstellt, das  in diesen Veräußerungen auch als solches erkennbar ist, so wäre die Möglichkeit einer wirklichen  Interpersonalbeziehung nicht gegeben. Hinsichtlich der Erkennbarkeit des anderen Ichs ergäbe sich dann nämlich folgende Zirkelstruktur in der Beweisführung: Auf der einen Seite muß der prinzipielle Bereich der unmittelbaren, inneren Anschauung als Ort der absoluten, freien Verfügbarkeit des individuellen Ichs ausschließlich dem jeweils setzenden Ich vorbehalten bleiben, da mit der Möglichkeit, durch unmittelbare Einschauung von anderen Ichen zu wissen, zugleich die Freiheit, sowohl des fremden als auch des eigenen Ichs, zerstört würde. Die fremden Prinzipe können darum nur gedacht werden. 

Wenn diesem Denken aber auf der anderen Seite überhaupt Erkenntnischarakter zukommen soll, dann müßte ein Moment aufgezeigt werden können, das dieses Denken des fremden, prinzipiellen Bereiches begründen und rechtfertigen würde. Da dieses Moment, durch das das Denken des fremden Prinzip-Seins erkenntnismäßig begründet werden soll, nicht in der subjektiven Einschauung vorkommen kann, muß es in der objektiven Anschauung gesucht werden, in der es als Erkennbarkeit des unmittelbaren Prinzip-Sein jenes fremden Ichs von diesem vermittelt dargestellt worden sein müßte. 

Die objektive Anschauung des fremden Leibes und der fremden Produkte der Wirksamkeit, auf die sich dieses Denken gründen könnte und die als Vermittlungsmomente der Unmittelbarkeit bestimmt worden sind, können aber auf der anderen Seite nur dann als Vermittlungsmomente verstanden werden, wenn durch sie in ihrem zunächst nur faktischen Erscheinen hindurch um das sie setzende, unmittelbare Prinzip gewußt wird. 

Somit scheint sich ein Wissen um eine andere Person nicht realisieren zu lassen. Denn um von der  Vermittlung legitim auf das unmittelbare Prinzip übergehen zu können, muß von diesem unmittelbaren Bereich gewußt werden, d.h. aber von einem Bereich, der sich selbst wieder nur in der Vermittlung erschließen soll. Wenn aber ein wirkliches Wissen um eine andere Person nicht möglich ist, verfällt das angesetzte Interpersonalitätsverhältnis in der Vorstellung dem bloßen Schein, und die dieses Verhältnis begründen sollende Einheit, die bisher nur im Denken festgehalten wurde, wird zur  bloßen Fiktion. 

Soll dennoch der behaupteten Interpersonalitätsvorstellung als Tatsache des Bewußt-Seins faktisch  wirkliche Geltung zukommen, dann müssen im Wissen die prinzipiellen Bedingungen aufgezeigt werden, durch die trotz der sich aus der bisherigen, begrifflichen Rekonstruktion ergehenden Zirkelhaftigkeit in der Beweisführung die Möglichkeit gegeben ist, die zunächst nur faktisch behauptete Interpersonalitätsvorstellung im wirklichen Wissen auszuweisen. Denn ein wahres Wissen um eine andere Person ist nur dann erreichbar, wenn im Wissen selbst die Voraussetzungen dafür vorhanden sind. Erst von einem solchen Wissen aus, durch das ein wirkliches Interpersonalitätsverhältnis in der Vorstellung begründet und in Wahrheit behauptet werden könnte, könnte dann auch die das Verhältnis von vorstellendem, eigenem Ich und vorgestelltem, fremdem Ich begründende Einheit aufgesucht werden. 

Hinsichtlich der geforderten, wahren Interpersonalitätsvorstellung gilt es also zu zeigen, wie von  dem prinzipiellen Bereich eines anderen Ichs gewußt werden kann, wobei sich dieses Wissen in seiner Begründung trotz der nachgewiesenen absoluten Verschlossenheit des anderen Ichs in der unmittelbaren Anschauung aber nicht nur auf das bloße Denken dieses prinzipiellen Bereiches und auch nicht nur auf die rein objektive Anschauung vermittelter Momente des anderen Ichs, wie die Leibanschauung und die Anschauung der Produkte der Wirksamkeit, die zunächst nur als faktisch empirische, und nicht als durch Freiheit bestimmte Gegenstände erscheinen, berufen dürfte. 

Das Moment, durch das das bloße Denken des prinzipiellen Seins eines anderen Ichs erkenntnismäßig begründet werden könnte, wäre nur gegeben, wenn sich das fremde Ich, das es zu erkennen gilt, in einer bestimmten Intention, die eine Weiterbestimmung der Freiheit über das bloße Vermögen hinaus darstellte (und darum mit diesem nicht identisch wäre), objektiv vermitteln würde, wobei in dieser Vermittlung zugleich mit der objektiv anschaubaren Gestaltung der materiellen Welt die gemeinte Intention des anderen Ichs unmittelbar sichtbar werden müßte, damit sie als solche begriffen werden könnte. 

Wenn eine solche unmittelbare Anschauung der fremden Intention möglich wäre, so bedeutete das, daß die Vermittlungsmomente eines fremden Ichs in ihrer äußeren Erscheinung hier nicht bloß als objektiv empirische Fakten verstanden würden, sondern daß in ihnen, zusammen mit dem objektiven Charakter der bloßen Erscheinung, zugleich auch der unmittelbare Charakter der realen Freiheitsbestimmung zum Ausdruck käme. Nur dadurch könnten die Vermittlungsmomente als objektive Entäußerungen einer unmittelbaren Setzung begriffen werden. 

Andererseits müßte die Anschauung einer fremden Intention aber auch immer an die Anschauung einer objektiv sichtbaren Vermittlung gebunden bleiben und könnte nicht für sich angeschaut werden, weil sie bloß als unmittelbare Bestimmung dem Bereich der prinzipiellen Verfügbarkeit des anderen Ichs angehören würde und somit absolut uneinschaubar bliebe. 

Wenn darum der objektiv anschaubare, fremde Leib als vermittelndes Organ einer prinzipiellen  Unmittelbarkeit und die Wirksamkeitsprodukte als intentionale Darstellungen verstanden werden sollen, dann muß in ihnen auch der sich bestimmende und sich bestimmt habende, fremde Wille in seiner Intention angeschaut werden. 

Da aber eine objektive fremde Willensbestimmung niemals nur als ein objektives Gesetzt-Sein jener Freiheit verstanden werden kann, sondern stets als Bestimmung eines prinzipiellen Vermögens verstanden werden muß, so muß ihr notwendig im Denken ein sie setzendes Prinzip hinterstellt werden. 

Durch den Nachweis einer solchen unmittelbaren Anschauung fremder Intention wäre dann das Moment gefunden, von dem zu recht auf ein fremdes Prinzip außer dem Ich in der Vorstellung geschlossen werden könnte.

Doch da das Verhältnis zweier freier Willensprinzipe als interpersonale Synthesis nur dann als  begründet vorgestellt werden kann,, wenn das dieses Verhältnis umfassende Einheitsprinzip im Willen mitgesetzt wird, gilt es außerdem diese die beiden Willensprinzipe umgreifende Einheit als überindividuelles, interpersonales Willensprinzip darzustellen. Erst durch einen solchen Nachweis ließe sich auch die zunächst von Fichte nur als bloße Denkbedingung aufgestellte Einheit des faktisch  angesetzten Interpersonalitätsverhältnisses in der Vorstellung und die aus ihr abgeleiteten Bestimmungen als im Wissen begründet legitimieren. 

Um die bisher aufgestellte, reflexive Konstruktion der Interpersonalitätsvorstellung zu vollenden, müßte Fichte zeigen, durch welches Moment die vorerst nur vom bloßen Denken der interpersonalen  Vorstellungsbedingungen her postulierte Einheit der faktisch angesetzten, verschiedenen Iche real begründet wird. Die noch zu lösende Aufgabe stellt sich darum beim jetzigen Stand der Untersuchung so dar, daß die prinzipielle Gleichheit der Iche bei numerischer Verschiedenheit, die durch das bloße Denken dargestellt wurde, in eine numerische Einheit in der Anschauung zu überführen ist, in eine Einheit, an der die einzelnen, individuellen Prinzipe partizipieren und die auf einer konkreten Vermittlung der verschiedenen, freien Prinzipe beruht.

 Fichte überlegt in den "Thatsachen des Bewusstseyns" von 1810/11 zunächst, durch welche Momente die reale Vermittlung zwischen verschiedenen Ichen bedingt ist, durch die sie gegenseitig voneinander als freie Prinzipe wissen können. 

Zur weiteren Bestimmung der interpersonalen Vorstellungsbedingungen greift Fichte hier nun auf die bereits abgehandelten Produkte der Wirksamkeit zurück, um durch eine eingehendere Analyse derselben das anschauliche Moment herauszufinden, durch das eine reale Vermittlung zwischen den verschiedenen Individuen bewirkt wird, wobei von diesem anschaulichen Moment gefordert werden muß, daß es im Bereich der objektiven Vorstellungen erscheint, da eine rein unmittelbare, interpersonale Vermittlung gezeigtermaßen nicht gedacht werden kann. 

Fichte leitet diesen neuen Abschnitt der Betrachtung mit folgenden Worten ein: "’Wir haben erörtert  drei Hauptstücke d.er objectiven Weltvorstellung: ein System von Ichen, ein System von organisirten Leibern dieser, eine Sinnenwelt. Aber es lag in unseren früheren Behauptungen noch ein viertes Stück: nicht nur der Leib irgend eines vernünftigen Wesens, sondern auch das Product seiner Wirksamkeit, sagten wir oben, ist von allen vernünftigen Wesen ausser ihm wahrnehmbar, und wahrnehmbar als solches 5); und diese absolute Wahrnehmung der Producte freier Wesen als solcher gehört auch zu den objectiven Weltvorstellungen." (II, 628) 

Hinsichtlich der noch darzustellenden, interpersonalen Vermittlungebedingungen, durch die die in der bisherigen Reflexion der Interpersonalitätsvorstellung noch unterbrochene Einheit des Lebens wiederhergestellt werden soll, wird nun zunächst eine Überlegung angestellt, die zwar nur zu einem  Scheinergebnis führt, die aber dennoch durchdiskutiert wird, "um den eigentlichen Fragepunct noch  "schärfer zu bezeichnen." (II, 629) 

Fichtes Argumentation lautet folgendermaßen: "Das Individuum wirkt [...] nicht als Individuum, sondern als das Eine Leben; seine Selbstbestimmung zur Wirksamkeit ist ja, wie wir schon oben gesehen haben 6), ein Aufgeben der Individualität, die auf dem blossen freien Begriffe beruht, und ein sich Werfen in die objective äussere Kraft, die da ist Kraft des Einen. Also nicht das Individuum wirkt, sondern das Eine." (II, 629) Somit bedeutet die vermittelte Selbst-Darstellung des Individuums als reale Selbst-Bestimmung und objektive Bestimmtheit der Freiheit im Bereich der objektiven Vorstellungen ein Verlassen der bloß individuellen Sphäre, die durch das unmittelbare Bilden der sich objektivierenden Willensbestimmung in der inneren Einschauung gekennzeichnet ist, und ein Sich-Hingeben an die objektive Einheit der Vorstellung. An diesem Bereich partizipiert das Ich also nicht als Individuum, sondern als das allgemeine und eine Leben der Freiheit, das sich durch diese individuelle Form hindurch als solches realisiert 7). Insofern ist zwar auf der einen Seite das Produzieren und das Produkt der Wirksamkeit durch die Individualität des Ichs bedingt. 

Das objektive Produzieren, das Handeln im eigentlichen Sinne, und das Produkt der freien Selbst- Bestimmung sind aber auf der anderen Seite gerade die Momente, durch die sich das individuelle Ich  seiner bloß individuellen Unmittelbarkeit begibt und aktiv an der Realisation der objektiven Einheit  beteiligt ist. Sie werden Ausdruck der objektiven Einheit, der Sich-Darstellung des Einen Lebens.  Die Momente des sich vermittelnden Lebens durch das Individuum hindurch gehören also nicht mehr  dem unmittelbaren Vorstellungsbereich des Ichs als Individuum, sondern dem Bereich des sich durch und in ihm darstellenden Einen Lebens. 

Hinsichtlich der objektiven, interpersonalen Vermittlung ist hiermit von der aktiv setzenden Seite aus ein Partizipieren an der objektiven Einheit der Vorstellung nachgewiesen worden, durch das das Vermitteln mitbedingt sein würde. 

Doch auch von der passiv rezipierenden Seite aus, also von einem anderen Ich aus, das diese Wirksamkeit und ihre Produkte vorstellen will, ist ein Sich-Hingeben an die objektive Einheit der Vorstellungswelt erforderlich. Denn "[s]oll diese Wirksamkeit, oder ein Product derselben wahrgenommen werden, so bedarf es dazu beim wahrnehmenden Individuum der Attention. Aber die Attention ist gleichfalls ein Aufgeben des Individuums als solchen, und ein sich Hineinwerfen in das objective Denken, als das Eine." (II, 629) Das bedeutet, daß das Vorstellen der objektiv veräußerten Produkte der Wirksamkeit nicht nur auf der aktiv setzenden, sondern auch auf der passiv wahrnehmenden Seite ein Aufgeben des bloß individuellen Standpunktes und eine Partizipation an der objektiven Einheit der Vorstellung dem Bereich der äußeren Anschauung verlangt, der schon früher als objektive Darstellungsbedingung der interpersonalen Einheit, der Einheit des Lebens, qualifiziert worden ist." Und so ist es denn auch nicht das Individuum, das da wahrnimmt, sondern das Eine." (II, 629)

 Insofern nun von beiden Seiten, sowohl vom objektiven Darstellen der Produkte der Wirksamkeit, als auch vom objektiven Vorstellen derselben her durch Personen, die diese Produkte nicht gesetzt haben, ein Partizipieren an der objektiven Einheit des Vorstellungsbereiches erforderlich ist, scheint durch das Faktum der Produkte der Wirksamkeit ein Moment gegeben, durch das eine interpersonale Vermittlung in der Vorstellung gestiftet wird, in der sich die Einheit des Lebens darstellt. "Also in dem oben aufgestellten Factum wirkt das Eine Leben auf das Eine, d.h. 8) es wirkt auf sich selbst; und so scheint es denn durchaus erklärt und begreiflich, wie es, da es Leben des Bewusstseyn ist, in diesem seinen Wirken sich seiner bewusst seyn nicht nur könne, sondern auch müsse". (II, 629) 

Damit könnte durch die Bestimmung der Produkte der Wirksamkeit als interpersonale Vermittlungsbedingung in der Vorstellung ein objektiv anschauliches Moment aufgezeigt sein, durch das die angesetzte Interpersonalitätsvorstellung, die hinsichtlich des bloßen Denkens dieser Vorstellung in ihrer synthetischen Struktur in das Vorstellen mehrerer gleicher, aber isolierter Prinzipe zerfallen war, als wirkliche Einheit im Bewußt-Sein wieder hergestellt wird. Es scheint also die reflexive Nachkonstruktion der zunächst als Tatsache des Bewußt-Seins behaupteten Interpersonalitätsvorstellung abgeschlossen, die Nachkonstruktion in der die Möglichkeit einer solchen Vorstellung aus dem Denken heraus bewiesen werden sollte. So scheint denn ein Interpersonalitatsbeweis vorzuliegen, da das Problem, wie das vom bloßen Denken her gesehen in verschiedene Formen zerfallene und aufgespaltete Leben durch die Vermittlungsfunktion des angesetzten Faktums der Produkte der Wirksamkeit wieder zu einer Einheit zusammengefügt werden kann, gelöst sein dürfte. 

Doch Fichte selbst deckt sogleich die wunde Stelle dieses Argumentationsganges auf: "Der Fehler in der geführten Argumentation liegt nemlich darin. Es ist zwar wohl wahr, dass die Individualität durchaus in das Innere der Anschauung zurückgedrängt ist, und auf dem Gebiete der objectiven Weltanschauung sie durchaus nicht, sondern nur die Einheit vorkommt. Aber was ist dies für eine Einheit? Es ist lediglich Einerleiheit, keineswegs numerische Einheit" (II, 629 f), die es aber zu erreichen gilt, damit das in mehrere Formen zerspaltene Leben wieder als Eins und in seiner Einheit vorgestellt werden kann. "Die mehreren sind freilich durchaus gleich, ohne allen qualitativen Unterschied, aber sie sind ja nicht Eins der Zahl nach, sondern jenes Gleiche wird mehrere Male wiederholt, und diese Mehrmaligkeit macht ja gerade ihre 9) Trennung." (II, 630) Zwar ist durch das Hineinwirken in den objektiven Bereich, das sich in und an den Produkten der Wirksamkeit objektiv manifestiert, und durch das objektive Vorstellen ein Partizipieren an der objektiven Einheit erreicht; doch ist dieses Partizipieren an der objektiven Einheit als wirklich nur auf dem Hintergrund der sich realisierenden Einheit der individuellen, unmittelbaren Prinzipe zu verstehen, die nur durch ein unmittelbares Prinzip in gegenseitiger Vermittlung gestiftet werden kann, das in seiner Darstellung die Ebene der objektiven Einheit in der Vorstellung zur notwendigen Voraussetzung hat. Die objektive Einheit gewinnt also nur dann als interpersonale Vermittlungsbedingung Bedeutung, wenn um die wahre Einheit der Prinzipe als solcher gewußt werden kann, die sich in dieser Einheit aber nur als reale Individuen, als sich in ihrem Vermögen real bestimmt habender Freiheitsprinzipe zusammenfinden können. 

Doch ist eine solch konkrete Einheit der unmittelbaren Prinzipe durch das rein vermittelte Vorstellen  der objektiven Einheit, das durch die Anschauung der Produkte der Wirksamkeit in ihrer bloßen  Veräußerung allein bewirkt werden kann, nicht möglich. Denn wenn die Produkte der Wirksamkeit nur in dieser Form der Vermittlung, in der lediglich ein Partizipieren an der Einheit der objektiven  Darstellung erreicht wird, vorgestellt werden, bleiben sich in dieser vermittelten, interpersonalen  Vorstellung sowohl das setzende als auch das diese Setzung vorstellende andere Prinzip, die sich  beide auf das Produkt als Vermittlungsbedingung beziehen, gegenseitig als konkrete Prinzipe fremd. In dieser Form der durch die Vorstellung der Produkte der Wirksamkeit vermittelten Interpersonalitätsvorstellung ist also nur ein Wissen um die allgemeine Existenz anderer Iche, aber nie um die Wirklichkeit eines bestimmten, unverwechselbaren, individuellen Ichs möglich. Darum kann in dieser rein objektivierenden Betrachtungsweise der Produkte der Wirksamkeit als Bedingung einer  wirklichen, interpersonalen Vermittlung in der Vorstellung von einer numerischen Einheit der dieser Form der interpersonalen Vorstellungsvermittlung die Produkte der Wirksamkeit überhaupt als intentionale Darstellungsprodukte einer fremden Freiheit begriffen werden könnten, wenn das andere Ich durch diese Vermittlung nie als reales Ich erfaßt werden könnte 10).

 Falls dennoch die Produkte der Wirksamkeit die Bedingung für eine wirkliche bestimmte, synthetische Interpersonalitätsvorstellung darstellen sollen, dann kann ihr eigentliches Wesen nicht darin  bestehen, nur vermitteltes, objektiviertes Gesetzt-Sein einer Intention zu sein, wodurch nur ein allgemeines Wissen um fremde Freiheit vermittelt würde, sondern es muß darin bestehen, in ihrem intentionalen Gesetzt-Sein das unmittelbare Setzen real sichtbar zu machen, um dadurch ein Wissen von der Existenz eines wirklichen, individuell bestimmten Ichs zu vermitteln. 

Soll darum durch die Veräußerung der Produkte der Wirksamkeit eine wirkliche Vermittlung verschiedener, freier und individuell bestimmter Prinzipe erreicht werden, eine Vermittlung, die ihrerseits wiederum nur verstanden werden kann zufolge einer höheren Einheit, in der die verschiedenen Iche als Einheit numerisch vereinigt werden, dann muß von den Produkten der Wirksamkeit als interpersonalen Vermittlungsbedingungen in der Vorstellung folgendes gefordert werden: "Eins dieser durch Zahl Getrennten soll durch absolute Freiheit die ursprüngliche Gleichheit aufheben, es soll durch ein wirkliches Handeln zunächst sich über die Gleichheit hinaus weiterbestimmen; welche innere weitere Bestimmung desselben sich auch wohl in der Anschauung an einem materiellen Producte abbilden wird. Nun soll, behauptet unser aufgestelltes Factum weiter, diese Veränderung nicht bloss das Eine wirklich handelndet sondern sie soll alle von demselben durch Zahl getrennte Wiederholungen desselben zugleich mit treffen; sie soll, da sie von ihnen wahrgenommen werden soll, ihrer aller Weltanschauung ebenso verändern, wie sie die Weltanschauung des freien Urhebers, bei welchem die Veränderung aus der Anschauung seiner inneren Freiheit begreiflich wäre, verändert hat. Dies ists, was erklärt werden soll, wie die innere absolute Freiheit des Einen die Anschauung Aller verändern und binden könne." (II, 630) D.h. es soll durch das Faktum der Produkte der Wirksamkeit die bisher dargestellte Gleichheit der Prinzipe, die zugleich ihre numerische Trennung ausmacht, dadurch aufgehoben werden, daß durch reales Weiterbestimmen des individuellen, freien Vermögens in den Produkten die Freiheit aller übrigen Iche gebunden und bestimmt wird, um durch diese Bestimmung zugleich eine reale Verbindung der Prinzipe herzustellen. 

Denn gerade die Gleichheit im prinzipiellen Sein, die ein Verharren im bloßen Vermögen darstellt, verhinderte ja doch bisher jegliche wirkliche Einheit der Iche, da dieses Verharren im bloßen Vermögen die Iche als unmittelbare Prinzipe absolut gegeneinander verschließt. 

Fichtes Überlegung geht also nun dahin, durch die reale Weiterbestimmung der Freiheit über das bloße Vermögen hinaus zu einer Setzung, die sich in einer Modifikation der objektiven, materiellen Welt sichtbar machen muß, da ein unmittelbares Bestimmen der Freiheit ausschließlich der Einschauung des setzenden Prinzipes vorbehalten bleibt, die Möglichkeit aufzuzeigen, durch die der wirkliche Zusammenschluß aller Iche in einer numerischen Einheit erreicht werden kann. 

Durch diese Weiterbestimmung der Freiheit in der materiellen Welt soll nun nicht der faktische Gehalt der Vorstellung neu modifiziert werden, denn dann würde nur eine Veränderung des bloß faktischen Gehaltes wahrgenommen, sondern es soll über diese faktische Modifikation der Vorstellung hinaus eine Bindung des unmittelbaren Vermögens erzielt werden. Denn die bestimmte Darstellung einer Intention soll ja nicht die Iche als bloß faktische Bewußt-Seins-Prinzipe, sondern als unmittelbar freie Prinzipe verbinden, da die zu erzeugende Interpersonalitätsvorstellung nur als Verhältnis von frei vorstellendem Subjekt und als frei vorgestelltem Objekt gedacht werden kann. 

"Es leuchtet ein, dass die Frage", wie durch die wirkliche, individuelle Weiterbestimmung der Freiheit über das bloße Vermögen hinaus zu einer wirklichen, objektiv sichtbaren Darstellung die Freiheit aller Iche gebunden werden kann, um durch diese Bindung der Iche eine wirkliche, interpersonale Verbindung in der Vorstellung zu ermöglichen, "bedeutend ist; und es ist begreiflich, dass sie gelöst werden könne nur durch Nachweisung eines solchen Gliedes, durch welches die numerische Trennung ebenso aufgehoben würde, wie durch die objective Sichdarstellung des Lebens die qualitative Trennung aufgehoben wurde, und vermittelst dessen das Leben ebenso als numerisch Eins begriffen würde, wie es vorher als qualitativ Eins begriffen wurde." (II, 630) 11)

 Erst wenn eine solche numerische Einheit in der Interpersonalitätsvorstellung erreicht werden könnte, "würden wir rechtlicherweise sagen können, was wir soeben vorschnell versuchten: es ist ja das Eine Leben des Bewusstseyns, das auf sich selbst wirkt" (II, 630). Denn erst dann wäre die Bedingung geschaffen, daß das Ich in der Vorstellung durch die reale, interpersonale Vermittlung auf sich als Ich zurückkommen, sich als Ich reflektieren kann, wie das für die Existenz des freien Bewußt-Seins schon früher gefordert worden war 12). 

Um dieses Problem der interpersonalen Vermittlung in der Vorstellung, das sich durch die Aufgabe  stellt, eine wirkliche, auf realer Anschauung der Freiheitsbestimmung beruhender Beziehung zwischen den verschiedenen Ichen herzustellen, noch schärfer zu fassen, charakterisiert Fichte das zu suchende Moment der Anschauung durch Entgegensetzung gegen die bereits abgehandelte Anschauung der empirisch materiellen Welt zunächst negativ: "Es wurde vorher durch das Denken dargestellt die ruhende und todte Kraft des Lebens, ihr blosses stehendes Seyn; und das Bild dieses Seyns in der Anschauung ist die Natur 13). 

Diese ist darum ebenso unveränderlich, wie ihr Urbild, und es liegt nicht nur nicht in ihr, sonern es  widerspricht geradezu ihrem Begriffe, sich in ihr eine Veränderung, eine Abweichung von ihrem ewigen Gesetze, eine neue Schöpfung zu denken." (II, 631) Sich in dieser reinen Naturanschauung, die als objektives Analogon zur unmittelbaren Einschauung des bloßen Vermögens zu denken ist, eine Veränderung der Anschauungsqualität vorzustellen, die nicht empirisch faktischer Art sein soll, scheint zu nächst dem Wesen dieser objektiven Anschauung absolut zu widersprechen. "So etwas ist durch jenes Denken einer Natur durchaus ausgeschlossen und unmöglich." (II, 631) 

Doch wird gerade eine solche Veränderung der objektiven Anschauung, die nicht nur faktischer Natur ist, durch die als Tatsache des Bewußt-Seins behauptete Vorstellung der freien Wirksamkeitsprodukte gefordert. "Durch absolute Freiheit des Lebens soll etwas wirklich werden bis in die Sinnenwelt hinein; also es soll in dieser allerdings etwas durchaus Neues erschaffen werden" (II, 631), nämlich die Darstellung einer freien, unmittelbaren Bestimmung als solcher. "Dies folgt nicht aus ihr, noch ihrer Anschauung, sondern es widerspricht ihr.“ (II, 631) 

Darum müßte, wenn eine solche, vom Postulat der realen, interpersonalen Vermittlung in der Vorstellung her geforderte Freiheitsbestimmung in den Bereich der objektiven Anschauung eintreten soll 14), sich dieser Bereich spalten in eine Sphäre der bloßen, unveränderlichen, empirischen Faktizität "als Ausdruck des ersten Denkens" (II, 631), und in eine durch Freiheit bestimmte, also veränderliche, die "der Entwickelung dieser Naturanschauung nicht nur nicht gemäss, und aus ihr zu erklären, sondern derselben geradezu widersprechend, und sie aufhebend" (II, 631) wäre, damit in diesem Bereich der objektiven Anschauung bloße Naturbestimmung und Freiheitsbestimmung unterschieden werden können. Erst durch eine solche Unterscheidung in der objektiven Anschauung wäre es möglich, ein vermitteltes Wissen der fremden Unmittelbarkeit als solcher zu erhalten, auf das sich dann das Denken des anderen Freiheitsprinzipes zu recht zu gründen vermöchte.

Anmerkungen:

1) Vgl. dazu ferner die eigene Abhandlung über die Individualität S. 149 ff.
2) Vgl. dazu auch H. Duesberg: "Person und. Gemeinschaft", Bouvier Verlag, Bonn 1970, S. 44 f. - Duesberg ist vorzuwerfen, daß er das eigentliche Problem einer notwendigen Vermittlung im Interpersonalbereich gar nicht sieht, sondern eine unmittelbare Beziehung der Iche in der Unmittelbarkeit selbst fordert, weshalb er Fichte den ungerechtfertigten Vorwurf macht, "die phänomenale Wirklichkeit der Gemeinschaftsbeziehung als unmittelbare Ich-Du-Beziehung" zu verfehlen.
3) Vgl. dazu noch einmal Fichte SW Bd. II, "Thatsachen" 1810/11, S. 606.
4) Vgl. dazu Fichte SW Bd. II, "Thatsachen" 1810/ 11, S. 608 f.
5) Vgl. dazu Fichte SW Bd. II, "Thatsachen" - 1810/11, S. 600 f.
6) Vgl. dazu Fichte SW Bd. II, "Thatsachen" - 1810/11, S. 599: "Also der Uebergang des Ich von dem blossen Denken einer möglichen Causalität zur wirklichen Voll ziehung d.erselben besteht darin, dass es sich seiner ganzen Persönlichkeit nach von der Freiheit des blos sen Begriffes befreit, und sich hingiebt in sein ur sprüngliches Principseyn in der Region der absolut beschränkten Bildungskraft. Dieser Uebergang aber geschieht mit absoluter Freiheit."
7) Vgl. dazu Fichte SW Bd. II, "Thatsachen" - 1810/11, S. 614: "Also ist die Anschauung der Welt der  bloss materiellen Objecte mit der Anschauung der organisirten Leiber synthetisch vereinigt, liegt durchaus im Zusammenhange d.erselben Einen Anschauung; also ist auch sie unmittelbarer Ausdruck des Lebens in seiner Einheit."
8) In der 1. Ausg. - 1817 fehlen die beiden abgekürzten Worte "d.h.".
9) In der 1. Ausg. - 1817 heißt es anstatt "gerade ihre" "wohl eine".
10) Vgl. dazu auch die Argumentation Fichtes im Beweisgang der Interpersonalitätsvorstellung im "System der Sittenlehre", Fichte SW Bd. IV, S. 219, hinsichtlich der Erkennbarkeit einer allgemeinen Wesenheit: "Denn ich kann etwas mögliches setzen, lediglich im Gegensatze mit einem mir schon bekannten Wirklichen. Alle blosse Möglichkeit gründet sich auf die Abstraction von der bekannten Wirklichkeit."
11) Vgl. d.azu Fichte SW Bd.II, "Thatsachen" - 1810/11, S. 666 f: "Es ist dieses Denken die Darstellung, d.i. Bewusstseyn des Lebens. Es muss darum dieses Denken allenthalben vorkommen, wo das Leben in die Form des Bewusstseyns eingetreten ist. In diese ist es eingetreten in den Individuen."
12) Vgl. dazu die eigene Abhandlung S. 79 f.
13) Vgl. dazu Fichte SW Bd. II, "Thatsachent" - 1810/11, S. 616: "Nun aber haben wir schon oben darauf aufmerksam gemacht, dass das eigentlich Innere in der Welt, inwiefern sie ein Widerstand gegen die Kraft des freien Lebens sey, etwas ganz Anderes, nemlich selbst eine Kraft seyn müsse".
14) Vgl. dazu die in der eigenen Darstellung aufgestellte Forderung hinsichtlich der realen Erkennbarkeit des anderen Ichs, S 196 f.
 
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